Wout Weghorst: Das Feuer und die Gier sind immer noch da

Wolfsburg.  Der beste Stürmer des VfL Wolfsburg spricht im großen Interview über die Torlosigkeit, seine Ziele - und die Tottenham Hospur.

Wout Weghorst.

Wout Weghorst.

Foto: Darius Simka / regios24

17 Tore in seiner ersten Bundesliga-Saison, 16 in der zweiten: Wout Weghorst war in den vergangenen beiden Jahren der Topstürmer des VfL Wolfsburg. Kein Wunder, dass er unter der derzeitigen Offensivflaute leidet. Und dass er Interesse anderer Klubs geweckt hatte. Im Interview spricht der 28 Jahre alte Niederländer über die Angriffsprobleme des VfL, seine Rolle und die Gespräche mit den Tottenham Hotspur.

Haben Sie sich wie schon in den Vorjahren einen Zettel ins Auto geklebt, auf dem Ihre persönlichen Ziele für die neue Saison stehen?

(lacht) Ja, das habe ich wieder gemacht. Ich will mich verbessern und weitere Schritte nach vorne machen. Was ich draufschreibe, verändert sich vor jeder Saison. Leider haben wir es nicht in die Europa League geschafft, was absolut schade ist. Dadurch haben wir nun viel weniger Spiele als zunächst geplant, also musste ich meine Ziele anpassen. Mein größtes Ziel ist, mit dem Kopf torgefährlicher zu werden. Ich habe das in den vergangenen Jahren wirklich hart trainiert, unheimlich viel versucht. Aber jetzt lasse ich es einfach mal laufen und vertraue darauf, dass es klappt.

Haben Sie zu hart daran gearbeitet?

Ich glaube nicht, dass man zu hart trainieren kann. Aber wenn man alles versucht, um etwas zu erreichen, dann kann man auch verkrampfen. Jetzt will ich es passieren lassen.

Mit 1,97 Metern sollte man eigentlich meinen: Sie sind automatisch stark mit dem Kopf.

In Holland habe ich relativ viele Tore mit dem Kopf gemacht, aber hier in der Bundesliga bin ich auf einem Level, auf dem viel besser verteidigt wird – insbesondere bei Standards. Aber wenn ich meine Ziele erreichen will, muss ich mehr Kopfballtore machen.

Sie gehen in Ihr drittes Jahr beim VfL. Wie viel Wout Weghorst von 2018 steckt noch in dem Wout Weghorst von heute?

Ich bin noch immer dieselbe Person – nur zwei Jahre älter. (lacht) In einem Punkt habe ich mich aber sicher verändert: Ich bin auf dem Platz ruhiger und kontrollierter geworden, ich habe eine bessere Balance gefunden. Das Feuer und die Gier nach Toren sind aber noch immer da. Das wird sich auch nicht mehr ändern.

Woran liegt es, dass Sie ruhiger geworden sind?

Ich bin seit zwei Jahren Vater. Ich kann Dinge einfach besser einordnen. Vorher war Fußball alles für mich, und er ist noch immer meine größte Leidenschaft. Aber wenn ich am Ende des Tages nach Hause komme und meine Frau mit nun zwei kleinen Kindern auf mich wartet, relativieren sich viele Dinge des Jobs, über die ich mich früher viel mehr geärgert hätte.

In diesen zwei Jahren haben nur Robert Lewandowski (56) und Timo Werner (46) mehr Bundesliga-Tore erzielt als Sie (33). Was sagt das über Ihre Klasse aus?

Das ist schon eine Leistung, auf die ich stolz sein kann. Wenn man gierig nach Toren und bereit ist, dafür alles zu geben, dann wird man belohnt.

Wie viel Tore wären für Sie möglich?

Das kann ich nicht sagen. Natürlich ist es ein Vorteil, wenn man so offensiv spielt wie Bayern oder Leipzig und die Bälle für die Stürmer reihenweise in den Strafraum fliegen. Da sehe ich auch meine größten Qualitäten.

Nach drei Bundesliga-Spielen hat der VfL gerade mal ein Tor erzielt. Bereitet Ihnen diese Statistik Sorgen?

Ja, ganz klar. Wir müssen uns verbessern. Schnell und deutlich. Wir sprechen schon länger darüber. Wir sind oftmals zu einfach zu verteidigen, weil wir zu häufig das Erwartete machen. Wir müssen ruhiger sein im letzten Drittel, mehr Zug zum Tor entwickeln, Eins-gegen-eins-Duelle für uns entscheiden, Tiefe anbieten und Überzahlsituationen konsequent ausspielen. Wir müssen uns in all diesen Punkten verbessern, damit wir mehr Tormöglichkeiten bekommen.

In der Trainingseinheit am Dienstag gab es eine Übung, in der fünf oder sechs Angreifer auf vier Verteidiger zuliefen. In etwa 20 Minuten fiel genau ein Tor für die Stürmer, die permanent in Überzahl waren.

Gut beobachtet. Wir haben ein Thema, ja. Aber genau daran arbeiten wir.

Sie haben in der Vorbereitung gar nicht getroffen und in den Pflichtspielen nur ein Doppelpack gegen den FK Kukesi erzielt.

Ja, das muss wieder besser werden. Ich lebe von Toren, und es ärgert mich dann natürlich, wenn ich zum Beispiel gegen Augsburg und Leverkusen Chancen habe, die ich nicht nutzen kann. Die Möglichkeiten werden wieder kommen – und dann muss ich sie verwerten.

In der Sommerpause haben Sie die Schlagzeilen bestimmt. Es ging um einen möglichen Wechsel, Tottenham Hotspur galt als interessiert. Wie konkret war das Angebot aus England?

Es war seriös mit den Spurs, da war ich ein Kandidat. Ich denke, es ist ganz normal, dass man so etwas nicht komplett ausblenden kann. Aber ich konnte das auf dem Platz ganz gut verdrängen. Unser Coach hat mich sogar gelobt, dass ich in dieser Phase besonders gut trainiert habe, dass mir die Situation Flügel verpasst hat. So ein Angebot ist auch eine Bestätigung, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Woran ist der Wechsel gescheitert?

Es war klar, dass es für alle Parteien passen muss. Für mich als Person, für meine Entwicklung, aber auch für Wolfsburg. Ich hatte nicht das Gefühl, dass der Moment perfekt ist. Ich habe immer gesagt, dass ich mich hier wohl fühle, dass ich meinen Platz habe und geschätzt werde. Das ist mir extrem wichtig. Jetzt bleibe ich mit aller Liebe hier und gebe alles dafür, dass wir uns wieder für den Europapokal qualifizieren und eine super Saison haben.

Bleibt die Premier League ein Traum?

England ist ein Traum, ich finde die Premier League absolut geil. Aber auch Wolfsburg und die Bundesliga passen super zu mir. Wenn ich aber das Gefühl bekommen sollte, dass ich meine sportlichen Ziele hier nicht mehr erreichen kann, dann kommt vielleicht der Moment für einen Wechsel. Doch jetzt bin ich glücklich hier. Es geht darum, dass wir uns als Mannschaft verbessern und dass ich individuell besser werde. Ich habe nach drei Spielen noch kein Tor erzielt, das ist nicht gut. Ich muss jetzt auch liefern. Egal, ob viele Bälle kommen oder nicht. Ich muss auch die halben Chancen reinmachen.

Ist die „neue“ VfL-Mannschaft besser als die „alte“?

Es hat sich nicht viel verändert. Wir haben nicht viele Spieler verloren, vier neue dazu bekommen. Der größte Teil des Kaders ist zusammengeblieben. Ich schätze unsere Qualität ähnlich ein wie zuletzt.

Also muss Platz 6 wieder das Ziel sein?

Wir haben über unsere Ziele als Mannschaft noch gar nicht gesprochen. Es war im vergangenen Jahr schon so, dass die Top 4 in der Bundesliga mehr Qualität hatten als wir. Für uns geht es um die Europa League und um einen guten Lauf im DFB-Pokal.

Reicht es Ihnen, in der Liga um Platz 6 mitzuspielen und auf den DFB-Pokal zu hoffen?

Ich hoffe, dass wir uns so verbessern, dass künftig mehr drin ist. Dazu ist die Mannschaft auch in der Lage. Ich bin nun 28 Jahre alt und möchte gerne etwas gewinnen. Das habe ich hier auch deutlich angesprochen.

Hätten Sie sich noch mehr Verstärkungen gewünscht für einen Angriff auf die Champions League?

Wie gesagt: Die Top-4-Mannschaften haben noch einmal eine andere Qualität als wir. Wir haben eine gute Mannschaft, keine Frage. Aber wenn unser Anspruch irgendwann die Champions League sein soll, dann müssen wir große Schritte machen. Und das kann sicher passieren.

Wie hat sich Oliver Glasner in seinem ersten Jahr in der Bundesliga entwickelt?

Jeder entwickelt sich individuell, auch der Trainer. Er weiß genau, was er will, was ich als Stärke betrachte. Aber er hat auch gelernt, uns Spielern zuzuhören. Jetzt lösen wir mehr Themen als Team. Jeder bringt sich ein, aber am Ende entscheidet immer der Trainer. Sicherlich hat er auch Schritte in seiner Entwicklung gemacht.

Einen Trainerwechsel gab es bei der Nationalmannschaft. Ronald Koeman ist nun beim FC Barcelona, Frank de Boer ist neuer Bonds-coach. Sie wurden dennoch wieder nicht nominiert.

Neuer Trainer, alte Situation. (lacht) Ich war wie fast immer im vorläufigen Kader dabei, wurde dann aber gestrichen. Das ist und bleibt enttäuschend und ist jedes Mal wieder ein echter Schlag. Ich träume und hoffe jedes Mal wieder. Aber letztlich hat es erneut nicht geklappt. Ich kann einfach nur meine Leistung bringen. Ich will zum dritten Mal in Folge der beste niederländische Stürmer sein, was Tore und Assists angeht.

Bas Dost ging es lange Zeit ähnlich. Er lieferte permanent Tore ab, wurde aber häufig ignoriert vom Bondscoach, bis er entnervt hinwarf und seine Karriere in der Elftal beendete. War dieser Gedanken je in Ihnen?

Nein. Ich konnte Bas anfangs nicht verstehen, jetzt weiß ich es etwas besser. Immer wieder Hoffnungen, immer wieder Enttäuschungen. Aber ich gebe nicht auf.

Fehlt Ihnen die Lobby, weil Sie nie bei PSV oder Ajax gespielt haben?

In den Niederlanden wird viel auf die fußballerische Ausbildung geschaut. Die hatte ich eben nie. Darüber hinaus werden technisch gute, wendige Spieler geschätzt, aber ich bin ein anderer Typ. In Deutschland werde ich für meine Art und Weise geschätzt. Das passt einfach.

Zum Abschluss: Welche Zahl steht auf dem Zettel im Auto?

14 Tore in der Bundesliga sollen es sein. Im Vorjahr waren es erst zwölf, die habe ich dann mit meinem Berater nach oben korrigiert. Wenn ich jetzt auf 14 Tore komme, dann hätte ich insgesamt 47 Treffer in drei Bundesliga-Jahren erzielt. Das wäre okay für mich. Ich könnte mir auch 20 Tore als Ziel nehmen. Aber man muss realistisch bleiben. Und seine Marken nach oben zu korrigieren, ist immer gut. Das war schon in den letzten Jahren so. Jetzt wäre ich mit 14 Toren sehr glücklich.

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