Bleckenstedts Antrag sorgt für große Wellen

Salzgitter  Salzgitteraner Vereine plädieren für Erhalt der „Unterbauregelung“. Nur so könne der Jugendfußball weiter gefördert werden.

Die C-Jugend des SCU SalzGitter (in blau) spielt aktuell in der Landesliga und ist der Unterbau des Bezirksligisten SV Union Salzgitter und des Landesligisten SC Gitter. SCU-Sprecher Adrian Borgs hält die Abschaffung des Paragraphen 18 für einen „kolossalen Fehler“.

Die C-Jugend des SCU SalzGitter (in blau) spielt aktuell in der Landesliga und ist der Unterbau des Bezirksligisten SV Union Salzgitter und des Landesligisten SC Gitter. SCU-Sprecher Adrian Borgs hält die Abschaffung des Paragraphen 18 für einen „kolossalen Fehler“.

Foto: Schacht/Archiv / Regio-Press

Der Vorstoß des FC Germania Bleckenstedt, die Unterbauregelung im Bezirksfußball abzuschaffen, stößt auf breiten Widerstand bei den Salzgitteraner Vereinen. Diese sehen den Antrag des Bezirksliga-Spitzenreiters als einen Schlag ins Gesicht für die Klubs, die sich seit Jahren um die Jugendarbeit bemühen.

Zum Hintergrund: Paragraph 18 der Spielordnung des Niedersächsischen Fußballverbands (NFV) schreibt Landesliga-Aufsteigern vor, mindestens eine zweite Herrenmannschaft sowie ein A-, B- oder C-Jugend-Team im laufenden Spielbetrieb und in der folgenden Saison angemeldet zu haben. Sind die Voraussetzungen nicht erfüllt, wird der sportliche Aufstieg verwehrt.

Spielordnung nicht mehr „zeitgemäß"

Germania Bleckenstedt hält diese Regelung für nicht mehr „zeitgemäß“ und strebt deshalb mit einem Antrag beim NFV-Verbandstag am 6. Februar eine Reform des Paragraphen 18 an. Der demographische Wandel, die aktuelle Corona-Krise und die wachsende Freizeitkonkurrenz geben die Germanen als Gründe für den Rückgang an Jugendmannschaften an. Bleckenstedt stellt aktuell lediglich eine zweite Herren- sowie eine D-Jugendmannschaft in einer Spielgemeinschaft mit Hallendorf und Üfingen (JSG HÜB) und würde auch bei einem sportlichen Aufstieg im kommenden Jahr nicht in der Landesliga spielen. Das gleiche Schicksal ereilte in der abgelaufenen Saison die TSG Mörse.

Vergleich zur Schiedsrichter-Regel

Für Adrian Borgs, Fußballobmann des SV Union Salzgitter, wäre die Abschaffung der Unterbauregelung „ein kolossaler Fehler“, weil sie den Druck auf die Vereine mindert, sich um eine vernünftige Jugendarbeit zu kümmern. Er vergleicht dies mit der Regel, dass Vereine mindestens einen ausgebildeten Schiedsrichter in ihren Reihen haben müssen, um am Spielbetrieb teilnehmen zu dürfen. „Wer Herrenfußball auf einem gewissen Niveau spielen möchte, der sollte auch entsprechende Jugendarbeit leisten und wer Fußball spielen möchte, der sollte auch Schiedsrichter bereitstellen. Nur so kann das System funktionieren“, stellt Borgs unmissverständlich klar.

Schwerwiegende Folgen

Der Unioner befürchtet bei einer Abschaffung des Paragraphen 18 schwerwiegende Folgen für den Fußball: „Jugendarbeit ist die Basis für alles, was sich im Fußball tut. Aus welchem Grund sollen Vereine weiter in gute Trainer und teure Jugend-Landes- und Bezirksteams investieren?“ Jugendliche auszubilden sei ein langwieriger Prozess, der nicht von heute auf morgen bewältigt werden könne. „Anders sieht das im Herrenbereich aus, wo man mit etwas mehr Geld schnell ein Team aufstellen kann, was an der Landesligatür klopft. Dass den Germanen aus Bleckenstedt nun die Zeit dafür fehlt, darf nicht dazu führen, dass eine so wichtige Reglung wie die Unterbaureglung abgeschafft wird“, richtet Borgs seine Kritik deutlich an den Nachbarn.

Spielgemeinschaften gegen Spielerrückgang

Dabei erkennt er durchaus die Probleme, die Germania in dem Antrag anspricht: „Schon lange haben wir auf Grund des Geburtenrückgangs und des veränderten Freizeitverhaltens damit zu kämpfen, ausreichend Spieler zu finden. Trotzdem haben es viele kleinere Orte geschafft, Jugendspielgemeinschaften zu bilden und teilweise sogar Jugendfußball auf Bezirksebene anzubieten.“ Die JSG SCU SalzGitter (Union und SC Gitter) mit drei Teams in der Landesliga ist in Salzgitter das Paradebeispiel.

Eltern wollen nicht durch die halbe Stadt fahren

Dass es auf dem Dorf auch ohne eine Spielgemeinschaft funktioniert, beweist der MTV Lichtenberg. Zur aktuellen Saison trennte man sich von der JSG Salzgitter Nord und hat inzwischen wieder eigenständige Mannschaften von der G- bis zur E-Jugend. G-Jugend-Trainer Florian Brencic: „Wir fangen hier wieder ganz von vorne an und bauen die Jugend komplett neu auf.“

Die Nachfragen der Lichtenberger Eltern nach einem Verein vor Ort wurden immer lauter. „Wir haben genügend kleine Fußballer hier in Lichtenberg. Die Leute wollen ihre Kinder aber nicht durch die halbe Stadt zum Training fahren“, erklärt Brencic. Den Bleckenstedter Antrag hält der Coach für ein vollkommen falsches Zeichen. „Wir merken gerade, wie wichtig der Unterbau für einen Verein und wie viel Arbeit im Jugendbereich zu leisten ist. Fällt die Regelung weg, droht ein weiterer Rückgang in den Vereinen.“

Schlag ins Gesicht für Vereine

Auch beim SV Innerstetal erhält der Antrag der Germanen keine Unterstützung. „Das ist ein Schlag ins Gesicht für alle Vereine, die seit Jahren viel Zeit, Geduld und Geld in die Nachwuchsarbeit stecken. Wir sind klar gegen diesen Antrag“, so SVI-Fußball-Obmann Olaf Lange. Gleiches gilt nach Aussagen von Fußball-Obmann Christian Larisch auch für Fortuna Lebenstedt: „Wir hatten vor Jahren das Problem, dass die Zahlen im Jugendbereich stark zurück gegangen sind. Wir haben im Verein dann viel Aufwand betrieben, um dem entgegen zu wirken. Der Paragraph 18 ist wichtig, um die Jugendarbeit zu fördern und es wäre schlecht, wenn er abgeschafft wird.“

Salder und Üfingen profitieren von Nachwuchsarbeit

Dass sich Jugendarbeit auch für den Herrenbereich auszahlen kann, zeigen der VfL Salder und der TSV Üfingen, die ebenfalls kritisch gegenüber einer Reform der Unterbauregelung stehen. VfL-Abteilungsleiter Davut Ataseven ist stolz auf seine Jugendförderung: „Fast 80 Prozent der Herrenmannschaft kommt aus unserer eigenen Jugend. Dreiviertel unserer Mitglieder sind Jugendliche.“

Investition in Nachwuchs lohnt sich

Er habe schon beim Staffeltag vor der Saison, als das Thema „Unterbauregelung“ das erste mal aufkam, protestiert. „Es kann nicht sein, dass Vereine, die temporär über finanzielle Mittel verfügen, eine solch wichtige Regelung kippen wollen“, so Ataseven. Ähnlich sieht es auch Üfingens Obmann Timo Schieb: „Wenn Geld da ist, kann man es doch auch in eine vernünftige Jugendarbeit und damit in die Zukunft investieren.“ Beim TSV haben zur aktuellen Saison gleich fünf Spieler den Sprung von der A-Jugend ins Bezirksligateam geschafft und bewiesen, dass sich die Investition in den Nachwuchs lohnt. Der Antrag des Nachbarn aus Bleckenstedt sei alles andere als zukunftsweisend, erklärt Schieb.

Fisch hat alle Vereine im Blick

Auf großes Unverständnis bei den genannten Vereinen stößt aber vor allem auch die Aussage von Wolfgang Fisch, Vorsitzender des NFV-Kreises Nordharz, der die Unterstützung des NFV-Kreises bezüglich des Antrags vom FC Germania Bleckenstedt beim Verbandstag am 6. Februar zusagt hat. Dieser revidiert etwas: „Ich bin beim Verbandstag nur einer von acht Delegierten aus dem NFV-Kreis Nordharz und stimme nur in meinem Namen und nicht im Namen des Fußball-Kreises ab.“ Und er werde für den Antrag der Bleckenstedter stimmen.

„Ich verstehe die Argumente der Vereine aus der Bezirks- und Landesliga, aber ich muss als Kreisvorsitzender alle Vereine, also auch die kleinen Klubs im Blick haben. Und diesen wird bei einem guten Lauf, ob nun mit oder ohne finanzielle Mittel, der Aufstieg in die Landesliga grundsätzlich verwehrt“, so Fisch mit Blick auf den demographischen Wandel und den stetigen Rückgang der Zahlen im Jugendfußball.

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