Meyer verpasst 2008 die Eröffnungsfeier, andere Athleten vielleicht die ganzen Spiele

Broistedt.  Ex-Broistedter Sportschütze erinnert sich zurück und sieht Probleme für die Olympia-Austragung im Jahr 2021.

Hans-Jörg Meyer, früherer Schütze im Broistedter Bundesliga-Team packt seinen Waffenkoffer. Noch dabei hatte er: Die Luftmatratze für harte Betten und das Glückstuch mit der Aufschrift „Zielsicher“.

Hans-Jörg Meyer, früherer Schütze im Broistedter Bundesliga-Team packt seinen Waffenkoffer. Noch dabei hatte er: Die Luftmatratze für harte Betten und das Glückstuch mit der Aufschrift „Zielsicher“.

Foto: Agentur Hübner / Archiv

„Es ist schon etwas besonderes, wenn du mit dem Bundesadler auf der Brust losgehst. Wir wurden damals in Mainz eingekleidet und alle gemeinsam verabschiedet“, erinnert sich Hans-Jörg Meyer an das wohl schönste Jahr seiner gesamten Schießsport-Karriere. Für den Schützenbund Broistedt durfte der gebürtige Wolfenbütteler 2008 zu den olympischen Spielen nach Peking reisen. Das Gefühl, auf dem Weg zum größten Sportevent der Welt zu sein, wird er wohl nie vergessen. Viele andere Sportler aus Deutschland hatten sich für dieses Jahr genau darauf gefreut, müssen sich nun aber gedulden. Die eigentlich im Juni startenden Wettkämpfe in Japans Hauptstadt Tokyo wurden jüngst auf das Jahr 2021 verschoben. Dass dabei nicht alles glatt laufen könnte, befürchtet Hans-Jörg Meyer allerdings.

Er selber war damals 34 Jahre alt, als er sich für Olympia qualifizierte. Auf dem Zenit seines Leistungsvermögen schoss er sich durch gute Ergebnisse bei EM, WM und Weltcups zum Traum eines jeden Sportlers. „2008 habe ich mich selber gefragt, wie lange ich wohl noch mithalten kann“, berichtet der Broistedter Schütze. Immerhin könne es sein, dass einige Sportler ihre starken Leistungen aus diesem Jahr nicht aufrecht halten können.

Ab 35 „zählt jedes Jahr“

Nominiert werden die Sportler durch den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), der dabei die „Quotenplätze“ auf die Empfehlungen der Fachverbände füllt. Vielleicht könnte das in einigen Sportarten und Disziplinen in 2021 ganz anders aussehen, fürchtet Meyer. „Was nächstes Jahr sein wird, das weiß man einfach nicht. Bei uns waren damals auch einige dabei, die schon älter als 35 waren. Für die zählt im Sport jedes einzelne Jahr“, weiß der heute 46-Jährige.

Dennoch hält er die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitee (IOC) für vollkommen richtig und nennt den olympischen Gedanken als Hauptgrund. Es gehe um den Zusammenhalt. „Vor allem im olympischen Dorf. Das lässt sich nicht so einfach trennen“, findet Meyer, der dort seine eigenen witzigen Erfahrungen gemacht hat.

Gerne erinnert er sich an eine Szene zurück. Mit einem seiner Begleiter erwischte er die Deutschen Schwimmer bei einer Taufe. „Das machen die wohl immer für diejenigen, die noch nie bei Olympia waren“, meint Hans-Jörg Meyer und berichtet von einem kleinen aufblasbaren Planschbecken. Mit samt Klamotten seien die Athleten in das Wasser eingetaucht worden. „Und alle haben geklatscht“, erinnert sich Meyer lachend.

Inmitten der großen Stars

So überwältigt von der Kulisse merkte der Broistedter Schütze gar nicht, wer da neben ihm stand. Erst als ihn danach seine Begleitung darauf aufmerksam machte, dass es Franziska van Almsick, die frühere Deutsche Topschwimmerin und Silbermedaillengewinnerin von Atlanta (1996), war.

Nicht die einzige Begegnung von Meyer mit einem Sportler, „den ich sonst nur aus dem Fernseher kenne“. Denn auf dem Weg zur Tischtennishalle, in dem sich der SBB-Athlet ein Spiel anschauen wollte, saß im Bus dorthin kein Geringerer als der deutsche Vorzeigespieler Timo Boll neben ihm.

Über die gesamte Zeit der Spiele verweilte Meyer in Peking und saugte so viel wie mögliche vom Olympischen Geist auf. „Andere hatten ei-nen schlechten Wettkampf und sind dann gleich am nächsten Tag in den Flieger nach Hause gestiegen. Für mich kam das nicht in Frage“, erklärt Meyer. Er schaute sich viel an, verpasste aber leider eines der wichtigsten Events: Das Einlaufen der Teams in das Pekinger „Vogelnest“ am ersten Abend.

Meyer war bereits am nächsten Tag um 11 Uhr am Vormittag gefordert und hatte von seinem Verband eine frühe Bettgehzeit verordnet bekommen, damit er bei seinen ersten Schüssen fit ist. Somit verfolgte der 46-Jährige die Eröffnungsfeier auf einer Leinwand mit anderen Sportlern, die ebenfalls im olympischen Dorf bleiben sollten.

Sportlich lief es für den amtierenden Deutschen Meister mit der freien Pistole sehr ordentlich. In eben dieser Disziplin belegte er am 50-Meter-Stand unter 45 Teilnehmern den 13. Platz. Mit der Luftpistole auf die 10-Meter-Distanz wurde er Zwanzigster unter 48 Schützen. „Natürlich will man nicht ganz am Ende landen“, sagt Hans-Jörg Meyer, desen Traum sich mit der Teilnahme schon erfüllt hatte.

Olympia startet mit der Vorbereitung

Genau deshalb könne sich der Schütze gut vorstellen, wie sich die für 2020 qualifizierten Athleten aktuell fühlen müssen. Für ihn gehören zu Olympia nicht nur die Wettkämpfe vor Ort, sondern die gesamte Vorbereitung. „Ein ganzes Jahr vor Peking wusste ich, dass das mein Ziel ist. Und ich wollte alles dafür machen“, erinnert sich Meyer, der diese Einstellung bei einigen Schützenkollegen vermisst hatte.

Doch in diesem Moment wurden sie ohnehin zu seinen Konkurrenten, denn die Plätze im Olympiateam waren begrenzt. „Es geht darum, besser zu sein, als die anderen. Es ist eine Ausscheidung. Sonst sind sie Mannschaftskameraden und plötzlich Gegner. Das musste ich im ersten halben Jahr erstmal richtig verarbeiten“, meint der Broistedter, der sich sogar einen Sportpsychologen zurate zog.

Mit Erfolg, denn Meyer ließ die anderen Deutschen hinter sich und bekam nach einem Weltcup in Mailand bescheid, dass er sein Ticket für Olympia gelöst hatte. „Man steigert sich ab der EM im Februar über jeden Wettkampf, vielleicht sogar über jeden einzelnen Schuss. Der eigene Anspruch wird immer höher“, erinnert sich Meyer. Das Training blieb in den kommenden Wochen „auf einem gesunden Niveau“, aber die Vorfreude war riesig. Deshalb kann Meyer auch die Enttäuschung der Athleten nachfühlen, die sich bereits für Tokyo 2020 qualifiziert hatten.

Zurück in seine Heimat

Mittlerweile trainiert Meyer höchstens noch zweimal in der Woche und nun auch gar nicht mehr beim Schützenbund Broistedt. Nachdem sich dieser in 2017 wegen fehlenden finanziellen Mitteln aus der Bundesliga zurück ziehen musste, suchte Meyer eine neue Aufgabe bei seinem Heimatverein, der Schützengemeinschaft Wolfenbüttel. An Position eins hatte er mit noch keinem Gegner Probleme, allerdings schießen die Lessingstädter nur in der Verbandsoberliga. Zumindest war das bis zuletzt so, mittlerweile sind Meyer und Co. in die 2. Bundesliga aufgestiegen. Ob es für Deutschlands Elite-Klasse reicht, das könne der Routinier nur schwer einschätzen.

Doch auch mit den Broistedtern ist Meyer noch sehr verbunden, hatte dort seine zweite Schützenheimat gefunden. Bei Meisterschaften tritt er immer noch mit dem SBB-Logo auf der Brust an. Gerne hätte er im August seinen Deutschen Titel mit der Freien Pistole zum zweiten Mal in Folge verteidigt, doch dieser Wettkampf in München ist bereits abgesagt worden. Das Corona-Virus macht eben vor keiner Sportart und keinem Event Halt.

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