Leichtathletik in Coronazeiten: Trainieren wo es gerade geht

Braunschweig.  Selbstbauhürden und Stirnlampe -die Braunschweiger Leichtathleten sind mit viel Kreativität und Motivation gut durch das Pandemie-Jahr gekommen.

Emily Kühn (rechts) und Natalie Pisoke von der LG Braunschweig trainieren am Spielplatz an der Matthäuskirche ihre Sprungkraft.

Emily Kühn (rechts) und Natalie Pisoke von der LG Braunschweig trainieren am Spielplatz an der Matthäuskirche ihre Sprungkraft.

Foto: Henning Thobaben

Radler in Sicht – Laura Zalewski wartet noch kurz ab. „Vor allem wenn Hunde mit im Spiel sind, ist mir das Risiko zu groß“, sagt die 19-Jährige. Doch dann kann sie starten. Die Leichtathletin des MTV Braunschweig hatte schon im Frühjahr nach geeigneten Trainingsstrecken gesucht und sie in Mascherode gefunden. „Hier gibt es viele schöne Wege“, sagt sie. Aber Laura Zalewski läuft nicht nur. Sie springt auch. Über Hürden, die ihr Vater für sie während des ersten Lockdowns aus Holz gezimmert hat. Diese Form der privaten Trainingseinheit ist nur ein Beispiel für die kreativen Übungsformen der Braunschweiger Leichtathleten während der Pandemie.

Die 100-Meter-Distanz braucht Laura Zalewski für ihr Training gar nicht. Eine schnurgerade Strecke in dieser Länge zu finden, wäre auch gar nicht so leicht. „Im Training werden generell eher kürzere Distanzen gewählt, auch die Hürden werden kürzer gestellt“, erklärt die Elektrotechnik-Studentin. Zumal sie mit ihrem Vater auch nur drei Hürden gebaut hat. „Aber das reicht für’s Training aus“, sagt die Sportlerin. Die Einheiten zieht sie oft mit ihrer Trainingspartnerin, ihrem Freund oder einem Trainer durch. Manchmal etwas ungläubige Blicke und neugierige Fragen von Passanten sind der Sportlerin vom MTV Braunschweig sicher – wenn die Spaziergänger ihre Aktivitäten nicht mittlerweile schon kennen.

Ein Coach, ein Athlet - eine neue Intensität im Training

Schließlich befinden wir uns schon im zweiten Lockdown, und Kreativität war bereits im Frühjahr gefragt, auch wenn im Sommer wieder Wettkämpfe stattfinden konnten. Doch jetzt ist Ruhe eingekehrt. Zwar dürfen Sportanlagen für den Individualsport genutzt werden. Doch Gruppentraining ist nicht erlaubt. Ein Trainer coacht einen Aktiven – das ist das Einzige, was geht.

„Das ist schon etwas Besonderes. Bei den absoluten Top-Athleten kommt es zwar vor, dass sich mehrere Trainer um einen Sportler kümmern. Aber bei uns ist eigentlich Gruppentraining die Regel“, erklärt Markus Wunder. Der Trainer ist zuständig für die Leistungsgruppen der LG Braunschweig, der Startgemeinschaft für Sportler von Eintracht, MTV, Polizei SV, SC Victoria und Grün-Weiß Waggum.

Markus Wunder hat sich mittlerweile an die Leere auf der Sportanlage in Rüningen gewöhnt. „Anfangs war es ein komisches Gefühl so ganz allein mit einem Sportler auf der großen Anlage“, sagt er. Wie sich die neue Trainingsform auf die Leistungsfähigkeit der Athleten ausgewirkt habe, sei schwer zu sagen. Durch die vielen ausgefallenen Wettkämpfe sei eine entsprechende Diagnostik schwer. In jedem Fall schaue man beim Einzeltraining ganz anders auf einen Sportler, sagt Wunder. Motiviert seien zumindest im Leistungsbereich alle – auch wenn nicht feststehe, wann wieder Wettkämpfe stattfinden.

Stabilisationsübungen per Videokonferenz mit Wasserflaschen

Sprinter Simon Bahnmüller genießt das Einzeltraining sogar. „So intensiv wie jetzt kann sich ein Trainer sonst nie mit dir beschäftigen“, meint der 22-Jährige. Auf seinem wöchentlichen Trainingsplan stehen auch Läufe, die sich von klassischen Ausdauerläufen unterscheiden. „Im Wechsel zu gehen und dann wieder zu sprinten, das irritiert manche Spaziergänger schon“, berichtet er. Als Ersatz für das übliche Krafttraining im Studio bietet der LG-Athlet für alle Interessierten Stabilisationstraining per Videokonferenz an. Bei manchen Übungen brauchen die Sportler Wasserkisten oder einzelne Flaschen, die Session endet oft mit einer Runde progressiver Muskelentspannung.

Auch Emily Kühn und Natalie Pisoke sind vorm Bildschirm aktiv – aber genauso auf Spielplätzen. Dort arbeiten sie in der Zweier-Trainingsgruppe an Kondition und Sprungkraft. Übungen im Sand gehören dazu. „Oft sind wir hier, wenn es dunkel wird. Dann ist hier nicht mehr viel los“, sagt Weitspringerin Emily Kühn. Aber wenn doch, schauten sowohl Kinder als auch Erwachsene gespannt zu. Gemeckert habe noch keiner. Eher habe es interessierte Fragen gegeben oder die Aufforderung, die Übung noch einmal zu wiederholen. Auch für die Laufrunden im Park weichen die Schülerinnen in die dunklere Tageszeit aus. Brust- oder Stirnlampen helfen bei der Orientierung.

Spaziergänger staunen über die Leichtathleten und sind positiv-neugierig

Aber auch im Wald finden Einheiten statt. Dort setzen die Sportler beispielsweise zu Sprints mit dem Hund an oder absolvieren Wurf-Einheiten mit Besenstielen und langen Stöckern. So haben die Leichtathleten des Kreises Braunschweig also ihr Bestes gegeben, um fit durch das Pandemie-Jahr 2020 zu kommen. Natürlich haben soziale Kontakte gefehlt, das Mannschaftsgefühl, die besten Freunde. Aber es sei auch nicht alles schlecht gewesen, betonen viele. Das Verantwortungsbewusstsein ist gestiegen, neue Freundschaften sind entstanden. Und natürlich neue Trainingsformen. Auf die werden die Sportler vermutlich in den nächsten Wochen, vielleicht auch Monaten zurückgreifen müssen.

So auch Laura Zalewski, die noch ein weiteres Trainingsgerät für ihr Sprungtraining nutzt: Fahrradständer. „Die kann man gut zum Drüberhüpfen nehmen“, sagt sie. Natürlich nur, wenn gerade keine Räder daran angeschlossen sind.

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