Dank Trainer Kuhlen – Braunschweiger Laufclub wird überrannt

Braunschweig.  Mit dem A-Trainer und einem neuen Konzept expandiert der junge Braunschweiger Verein an Standorte in ganz Deutschland und will groß rauskommen.

Die Macher beim Braunschweiger Laufclub: links Süleyman Kuzguncu, rechts Andreas Kuhlen.

Die Macher beim Braunschweiger Laufclub: links Süleyman Kuzguncu, rechts Andreas Kuhlen.

Foto: Privat

Wer sich in diesen Tagen die Wechselbörse des Deutschen Leichtathletikverbandes anschaut, staunt nicht schlecht: Gefühlt bei jedem dritten Athleten steht da in der Rubrik der Nicht-Kaderathleten als neuer Verein der erst vor rund einem Jahr gegründete Braunschweiger Laufclub. „Es geht echt durch die Decke bei uns, viele wollen das Ferntraining“, erzählt Süleyman Kuzguncu, Impulsgeber und Vorsitzender des Vereins. Er hat sich zusammen mit dem neuen Trainer Andreas Kuhlen ein Konzept ausgedacht, „das es sonst noch nicht gibt“, wie er betont.

Kuzguncus Laufclub expandiert

Bislang war der BLC ein Verein für talentierte Jugendliche aus Braunschweig und der näheren Umgebung wie den deutschen U-18-Vizemeister über 1500 Meter Tim Kalies. Zur neuen Saison aber expandiert der Klub. Und zwar nicht nur ins Erwachsenen-Lager, sondern auch gleich noch in die ganze Republik.

Es ist ja üblich in der Leichtathletik und auch anderen Einzelsportarten, dass Spitzenathleten von einem finanzstarken Verein verpflichtet werden, damit sie gegen Geld oder anderweitige Unterstützung bei Wettkämpfen dessen Trikot tragen. Eigentlich trainieren sie aber mit ihrem Heimtrainer an ihrem Wohnort oder am nächstgelegenen Stützpunkt in bewährter Weise weiter oder haben noch an dritter Stelle einen Coach engagiert.

Hoher Mitgliedsbeitrag

Im Fall des BLC läuft es etwas anders. Die Athleten müssen keine Spitzenathleten sein und sie bekommen auch kein Geld. Im Gegenteil. Sie zahlen einen hohen Mitgliedsbeitrag von 20 Euro im Monat. Dafür können sie ebenfalls in ihrer Heimat wohnen bleiben, haben aber Gleichgesinnte fürs gemeinsame Training in der Nähe und gestalten es, wenn sie wollen, mit maßgeschneiderten Plänen von Andreas Kuhlen, der aus den Mitgliedsbeiträgen bezahlt wird.

„Andreas ist sehr gut, das Angebot, bei ihm zu trainieren sehr attraktiv“, schwärmt Kuzguncu. Er hatte den ehemaligen Athleten der LG Braunschweig für sich selbst als Trainer angeheuert und war so begeistert, dass er die Expertise des selbstständigen A-Lizenz-Inhabers und Sportmanagers seinem gesamten Verein zur Verfügung stellen wollte.

Trainer Kuhlen ist das Zugpferd

Und da einige Athleten des BLC in Hannover trainieren, die Lebenspartnerin des Vorsitzenden an der holländischen Grenze wohnt und ein anderer guter Bekannter in Süddeutschland, keimte bei Kuzguncu und Kuhlen die Idee, dort und anderswo Dependancen des Braunschweiger Laufclubs zu eröffnen.

„Athleten wünschen sich einen guten Trainer, der immer ansprechbar ist und sie auch in gute Wettkämpfe reinbringen kann, und sie wünschen sich eine Trainingsgruppe“, erläutert Kuhlen die Idee hinter den neuen Aktivitäten des BLC. „Man will einfach Tempoeinheiten mit Gleichstarken machen, ohne dafür 300 Kilometer fahren zu müssen“, verdeutlicht der 37-Jährige, der in Schneverdingen wohnt. „Das hätte ich damals in meiner Karriere auch gerne gehabt und habe es in allen drei Vereinen vermisst.“

Mitgliederzahlen steigen rasant

Kuhlen sei ein echtes Zugpferd für den Verein, freut sich Kuzguncu. Seit der BLC sein neues Angebot im Oktober in der Szene bekannt gemacht hat, ist die Mitgliederzahl von 75 auf 106 angestiegen und dürfte bis zum Ende des Wechselfensters Ende November noch weiter wachsen. „Ich glaube schon, dass der eine oder andere meinetwegen kommt“, sagt Kuhlen, der frisch aus der Elternzeit kommt und voller Tatendrang steckt. „Ich habe die langjährige Erfahrung, da nehmen es mir die Leute ab, dass ich weiß, worauf es ankommt.“

„Aggressive Abwerbung“

Vorwürfe einer „aggressiven Abwerbung“, wie sie jüngst aus Wolfenbüttel kamen, weist der BLC-Vorsitzende zurück. Beim dortigen LC Blueliner hatte sich dessen M35-Aushängeschild Dominik Schrader Richtung BLC verabschiedet. „Unser Konzept hat sich per Mundpropaganda wie ein Lauffeuer verbreitet“, betont Kuzguncu. „Deshalb kommen die Leute zu uns, nicht weil wir sie aggressiv abwerben.“

Standorte in ganz Deutschland

An mindestens sechs Fern-Standorten wird künftig im Trikot des BLC und mit übergeordneten Plänen Kuhlens trainiert, erzählt der Vorsitzende begeistert. Die Organisation und Betreuung der Trainingsgruppen übernehmen Athleten als Stützpunktleiter, die auch auf Vereinskosten Trainerscheine machen können. Kuzguncus Freundin, die Marathonläuferin Carolin Joeken, betreut beispielsweise die Trainingsgruppe im Kreis Kleve, Florian Leithmann, EM-Bronzemedaillengewinner und WM-Siebter im Canicross, das ist Querfeldeinlauf mit Hund, engagiert sich in Ludwigshafen. Auch in Wilhelmshaven, Cloppenburg und Bottrop wird künftig das BLC-Trikot getragen.

Die größte Dependance ist Hannover, dort hält Silas Bergmann die Fäden in der Hand und wird eine rund 15-köpfige Trainingsgruppe betreuen. Gewinnt ein Standortleiter neue Mitlieder hinzu, kann er mehr verdienen. Bergmann selbst will die Norm für die Halbmarathon-EM 2022 in München angreifen. Sein bekanntester Mitstreiter in der Landeshauptstadt ist Raoul Jankowski, der 2019 der stärkste Marathonläufer Niedersachsens war, eine Zeit unter 2:20 anpeilt und sich für die 50-km-Weltmeisterschaften qualifizieren will.

Schwerpunkt Marathon-Teamwertung

Auf der Marathonstrecke liegt beim BLC künftig ein Schwerpunkt. Für große Einzel-Meriten wird es nicht reichen, aber in der Teamwertung peilt der Verein bei den Männern wie den Frauen die deutsche Meisterschaft an. Dazu soll auch Marathon-Weltenbummler Tim-Niklas Schwippel beitragen, bislang der prominenteste Starter der LG Braunschweig, der die Seiten gewechselt hat.

Unter dem Strich sind es einige starke Altersklasse-Athleten wie Schrader und auch Trainer Andreas Kuhlen selbst, die sich dem BLC angeschlossen haben, sowie viele Breitensportler. Die jüngere Braunschweiger Riege um Tim Kalies verstärkt Landeskaderathlet Jonas Just, der in der U23 über fünf Kilometer um die deutsche Meisterschaft mitlaufen will.

Kolja Kloke komplettiert Trio

Der Erfolg der ersten eineinhalb Monate hat Kuzguncu und Kuhlen ein bisschen überwältigt, geben beide zu. Der BLC-Vorsitzende freut sich, weitere tatkräftige Vorstandmitglieder und Trainer an der Seite zu haben, die die Vision teilen und etwas auf die Beine stellen wollen. Allen voran Kolja Kloke, der mit Kuzguncu zuvor beim MTV und LG als Trainer tätig war und dann den BLC gründete, bei dem er nun nicht nur als Trainer der Schüler und Jugendlichen fungiert, sondern als sportlicher Leiter die ganze Neuausrichtung mit initiiert hat und trägt.

Kuhlen ist für die U18 aufwärts zuständig, Kuzguncu geht nun mehr in der Funktionärsarbeit auf. „Wir wollen auch Trainer ausbilden“, sagt er. Fünf Nachwuchstrainer aus der eigenen jugendlichen Läuferriege gibt es bereits, die Lizenzen werden ihnen ebenso finanziert wie den neuen Stützpunktleitern an den externen Standorten. „Das ist für uns und die Trainer gut und die beste Werbung für unser Projekt“, sagt der Vorsitzende.

Kontakte zu Bundestrainern

Das mittelfristige Ziel sei es zudem, Andreas Kuhlen in Vollzeit einstellen zu können. So etwas gibt‘s sonst nur auf Verbandsebene. Der vierfache deutsche Meister 2019 in der M35 und WM-Dritte über 3000 Meter in der Halle hat im Rahmen der A-Lizenzausbildung auch bei verschiedenen Bundestrainern hospitiert und bringt somit ein interessantes Netzwerk ein, wenn es darum geht, die besten BLCer in Wettkämpfen unterzubringen, wo sie gewisse Normen angreifen können.

BLC zahlt alle Startgebühren

Die Startgebühren für Wettkämpfe will der BLC für seine Mitglieder übernehmen. Das sei auch nicht überall üblich und ziehe ebenfalls Athleten zu seinem Klub, wirbt Kuzguncu und verspricht: „Das geht bis zum New-York-Marathon.“ U-18-Bundeskaderathlet Tim Kalies, der im Februar ins Internat in Hannover wechseln, aber weiterhin für den BLC starten will, werde finanziell abgesichert“, sagt der Vereinschef stolz. Rechnungen, die der Stützpunkt schicke, beispielsweise für Fahrtkosten zu Meetings, müssten nicht die Eltern übernehmen, die zahle der Verein.

Kuhlen, der auch Laufreisen organisiert, soll perspektivisch nach Corona auch große Trainingslager veranstalten. Vorerst will er einmal im Monat einen Trainingstermin für alle BLCer organisieren.

„Professionelle Strukturen schaffen“

„Nächste Saison wollen wir erstmal die Strukturen schaffen“, blickt Kuzguncu voraus. Später sollen dann möglichst noch Athleten aus der deutschen Spitze hinzukommen und natürlich Sponsoren, hofft der Vorsitzende, der erstmal hundert 100-Euro-Bausteine an Unterstützer bringen will. Auch seien bereits viele Eltern der Jugendlichen als Fördermitglieder eingestiegen. „Wir wollen ein Verein werden, der bundesweit mithalten kann“, sagt Kuzguncu. „Wir sind höchst ambitioniert, wollen professionelle Strukturen schaffen und haben jetzt die Weichen gestellt.“

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