Wenn der Käpt’n aufläuft, ist Mama mit an Bord

Braunschweig.  Eintrachts Fußballer Gunnar Niemann zog es schon mit 14 ins Werder-Internat. Seine Mutter verpasst bis heute kaum ein Spiel.

Gunnar Niemann (rechts) war schon zu Regionalliga-Zeiten ein wichtiger Eckpfeiler im Team von Eintracht Braunschweig II. Hier ist er in der Partie gegen den VfB Lübeck im Mai 2017 zu sehen.

Gunnar Niemann (rechts) war schon zu Regionalliga-Zeiten ein wichtiger Eckpfeiler im Team von Eintracht Braunschweig II. Hier ist er in der Partie gegen den VfB Lübeck im Mai 2017 zu sehen.

Foto: Florian Kleinschmidt/BestPixels.de

Er war gerade 14 Jahre jung, als er auszog, um bei Werder Bremen Karriere zu machen. Jetzt, zehn Jahre später, hat Gunnar Niemann von seinem Profitraum losgelassen. Die Realität des Fußballers von Landesligist Eintracht Braunschweig II heißt nun: Studium – und nebenbei daran arbeiten, die Zweitvertretung der Blau-Gelben wieder zu einer echten Größe im Amateurbereich zu machen. Unterstützen wird ihn dabei weiterhin eine wichtige Bezugsperson: Mama Kathrin steht praktisch bei jedem Spiel ihres Sohnes an der Seitenlinie.

„Ich rechne meiner Mama hoch an, dass sie eigentlich immer dabei war“, sagt Niemann, der in seiner Jugend für die TuS Wieren und TuS Bodenteich in seinem Heimat-Landkreis Uelzen kickte. Dann kam der Werder-Lockruf. Zunächst trainierte und spielte Niemann weiter für Bodenteich und fuhr nur für Turniere nach Bremen. Später wechselte er ins Werder-Internat.

Der Alltag im Internat: Schule und Fußball

„Erst hatte ich abgesagt. Aber die Trainer haben mir deutlich gemacht, dass ich so eine Chance vielleicht nie wieder bekommen würde“, erzählt der Sportler. Also ging er. Sein Alltag: Schule und Fußball. „Um alles andere wie kochen oder Wäsche waschen musste ich mich nicht kümmern“, erinnert sich der Fußballer.

Zu den Spielen reisten seine Eltern an. Weil sein Vater irgendwann schwer erkrankte und schließlich 2019 verstarb, drückte in den vergangenen Jahren Mutter Kathrin an der Seitenlinie alleine die Daumen. „Es war eine gute Möglichkeit, zumindest etwas von ihrem Sohn zu haben. Nach den Spielen sind wir oft zusammen essen gegangen“, erzählt der als Einzelkind aufgewachsene Niemann.

Den Sprung in den Profifußball verpasst

Doch nach zwei Jahren war Schluss bei Werder. Niemann war zwar mit dem heutigen Profi Maximilian Eggestein befreundet, doch ein ähnlicher Weg blieb ihm verwehrt. Seinen Internatsplatz musste er für vermeintlich größere Talente räumen. Dank der Vermittlungstätigkeiten seines früheren Trainers Viktor Skripnik landete der damalige Offensivmann schließlich bei der Eintracht.

Eine gute Entscheidung für ihn selbst, der in seinen drei Jahren in U17 und U19 zweimal in die Bundesliga aufstieg und eine erfolgreiche Zeit erlebte. Und gut für die Mama, die dann nicht mehr ganz so weit fahren musste. Zumindest bei Heimspielen. Die Auswärtsfahrten nach Meppen, Kiel oder Flensburg nahm die Mutter aber ebenfalls auf sich.

Umgeschult zum Verteidiger

Mittlerweile zum Verteidiger umgeschult, schaffte das Talent den Sprung in die U23 des Vereins, in der er drei Jahre spielte. In der Trainer-Ära von Torsten Lieberknecht schnupperte Niemann hier und da mal am Profikader, war aber nie so nah dran, wie er es sich gewünscht hätte. Als im Sommer 2017 der große Umbruch eingeleitet wurde, wechselte der Linksfuß zum TuS Erndtebrück in die Regionalliga West. „Mein Plan war, mich in den Blickpunkt von dort angesiedelten Traditionsvereinen zu spielen“, berichtet Niemann. Doch das Vorhaben missglückte, Niemann bot dem damaligen Eintracht-II-Coach Deniz Dogan erfolgreich seine Rückkehr an und begann gleichzeitig ein Sportmanagement-Studium an der Ostfalia in Salzgitter.

Der Fußballer blieb der Eintracht auch treu, als die Reserve nicht mehr für die Oberliga meldete und in die Landesliga abrutschte. Dort lief es in dieser Saison bislang bei einem Punkt aus drei Ligabegegnungen alles andere als optimal für das Team. „Trotzdem haben wir viel mehr Potenzial als in der Vorsaison. Ich hoffe, dass wir bald zeigen können, was wir wirklich können“, erklärt der Kapitän, der mit Profi Nico Kijewski gut befreundet ist. Die Verbundenheit zum Verein sei groß, sagt er. Und das, obwohl Gunnar Niemann als Kind eher einem ganz anderen Klub nahe stand. „Mein Vater ist oft nach Hannover ins Stadion gegangen und hat mich mitgenommen“, erzählt er fast schuldbewusst.

Mit Werder gegen Topteams

Wo es ihn nach Abschluss seines Studiums in gut einem Jahr hinführen wird, steht in den Sternen. Fest gebucht ist nur das vorherige Praxissemester, das Niemann im Nachwuchsleistungszentrum der Eintracht absolvieren wird. Der Sprung in den Profibereich ist ihm zwar nie geglückt. Dafür sind viele wertvolle Erinnerungen geblieben.

Mit Werder spielte er im Ausland gegen Top-Teams wie Real Madrid oder Manchester City. Und in Bremen lernte er auch Freundin Lena kennen, mit der er heute eine Wohnung in Ölper teilt. Manchmal feuere auch die ihn bei Spielen an, erzählt er. Doch Gunnar Niemanns größter Fan ist und bleibt seine Mama.

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