BTSC-Tänzer üben monatelang, aber Meisterschaft fällt aus

Braunschweig.  Die deutsche Meisterschaft der Standard-Tanz-Formationen in Bremen wurde wegen der Corona-Pandemie abgesagt.

Vor einem Jahr wurden die Tänzer des Braunschweiger TSC in Hamburg deutsche Vizemeister mit der alten Kür. In diesem Jahr wird es keinen Titelträger geben. Die Veranstaltung in Bremen fällt aus.

Vor einem Jahr wurden die Tänzer des Braunschweiger TSC in Hamburg deutsche Vizemeister mit der alten Kür. In diesem Jahr wird es keinen Titelträger geben. Die Veranstaltung in Bremen fällt aus.

Foto: Frank Rieseberg

Ist das ein Tanz mit dem Coronavirus! Sportler, die es mit Quickstep, Tango und Walzer halten, haben es in Zeiten der Pandemie zwar besser als so manche andere Bewegungs-Begeisterte – weil ja nur zwei Personen miteinander in Kontakt kommen müssen. Aber wer diesen Paarsport in Mannschaftsstärke liebt und betreibt, ist ganz schön gekniffen. Lockdown, Lockup, Lockdown, Übungsräume per Verfügung geschlossen, geöffnet und wieder zu – nachhaltige Spitzenleistungen oder gar über einen längeren Zeitraum aufeinander aufbauende Lehrinhalte sind kaum zu verinnerlichen in diesen Wochen. Und so trifft Corona die Welt des Formationstanzen vergleichsweise besonders hart – und noch stärker die Weltklasse-Formation des Braunschweiger TSC.

Anfang des Jahres begann turnusmäßig die Vorbereitung auf eine neue Choreographie mit neuer Musik, neuen Schritten und neuen Kleidern. Mehrere zehntausend Euro verschlingt solch eine Runderneuerung, die alle zwei, drei Jahre nötig ist, um in der Weltspitze mithalten zu können. Und einher ging diesmal der Aufbau eines ganz neuen Vortrags mit großer Personalfluktuation, mit starker Verjüngung im Team, darunter hochkarätige Nachwuchstalente des Paartanzens mit fast keiner Formationserfahrung.

Auch EM und WM in Braunschweig wurden abgesagt

Der Plan sah vor, dass alles fertig und schön ist, wenn wie üblich Mitte November die deutsche Meisterschaft steigt. Und perfekt sein sollte das Ganze zur Weltmeisterschaft in der eigenen Stadt, am 4. Dezember 2020, in der Volkswagenhalle. „Titelfähig“, nannte der erfahrene Cheftrainer Rüdiger Knaack das Lernziel bis dahin.

Doch Corona machte einen dicken Strich durch diese Rechnung. Genauer gesagt eine Strichellinie. Erst musste die Europameisterschaft in Göttingen abgesagt werden, die im September zur Austragung kommen sollte. Das war den Braunschweigern angesichts der vielen Aufgaben und der kurzen Zeit noch recht.

Deutsche Meisterschaft wurde mehrfach verschoben

Dann aber sagte der BTSC schweren Herzens die Weltmeisterschaft ab, weil man Monate vor dem Event überhaupt nicht einschätzen konnte, wie sich die Corona-Pandemie entwickeln würde. Und nun in diesen Tagen, genau am vergangenen Freitag, wurde auch die deutsche Meisterschaft abgesagt, die mehrfach aus ganz anderen Gründen als Corona verschoben werden musste, nun für den 12. Dezember geplant war und in Bremen über die Bühne gehen sollte.

Sicherlich nicht die schlechteste Entscheidung, auch wenn die Bremer Veranstalter doppelgleisig geplant hatten, also mit und ohne Zuschauer. Denn während der gesamten Corona-Zeit gab und gibt es bundesweit höchst unterschiedliche Beschränkungen des Trainingsbetriebs. Eine faire und für alle Teilnehmer gleiche Chance, optimal vorbereitet um den nationalen Titel zu kämpfen, existiert nicht. Das monieren nicht nur die Tänzer, viele Sportarten, die zwar auf allerhöchstem Niveau agieren, aber dennoch keinen Profistatus besitzen, sind betroffen. Die puren Amateure der deutschen Tanzformationen sowieso.

Vollbremsung mitten in der heißen Phase

Andererseits sind gute und richtige Entscheidungen nicht unbedingt beliebt Mit Akribie, Fleiß, Ausdauer und viel Freude bereiteten sich die knapp 30 Tänzerinnen und Tänzer des BTSC seit dem Sommer auf das Saisonhighlight deutsche Meisterschaft vor – nur nicht jetzt in der entscheidenden Phase vor dem Titelkampf.

„Es ist eine Vollbremsung“, sagt Rüdiger Knaack, der sich eh schwer tut, unter den herrschenden Bedingungen seinen Schützlingen Höchstleistungen abzuverlangen. „Um Spitzensport abliefern zu können, müssen die entsprechenden Voraussetzungen dafür auch gegeben sein. Das sehe ich in der aktuellen Situation nicht.“

Aus Sicherheitsgründen freiwillig in Quarantäne

Dabei war Knaack mit seinem neuen Team, zu dem zwei mehrfache deutsche Jugendmeister und eine WM-Finalistin gehören, mit der neuen Kür trainingstechnisch bereits kurz vor der Zielgeraden. Trotz des Zeitdrucks wurde in den Monaten, in denen Training möglich war, sehr gewissenhaft und sorgfältig mit der Corona-Problematik umgegangen. Fast wöchentlich wurden ein oder auch zwei Personen aus Sicherheitsgründen nach Urlaubsrückkehr oder Klassenfahrten in häusliche Quarantäne geschickt. Dennoch ging alles gut voran.

Die Absage der Bremer Veranstaltung war schließlich auch die Folge einer Empfehlung des Deutschen Tanz-Sport-Verbandes. Viel Einsatz und Energie hatte das Organisationsteam des Grün-Gold-Clubs bereits in die Vorbereitungen gesteckt. Hygienekonzepte waren erarbeitet und bereits zur Genehmigung eingereicht worden. Es half nichts.

Fairness und Gleichbehandlung war nicht möglich

Jens Steinmann, der Vorsitzende des GGC, meint: „Das wichtigste im Sport ist Fairness und Gleichbehandlung aller im Wettbewerb stehenden Athletinnen und Athleten – vor, während und nach dem Wettkampf. Da diese grundlegenden Bedingungen zurzeit nicht gegeben sind, ist die Entscheidung, die Meisterschaft abzusagen, nur eine logische Konsequenz.“

Karl-Heinz Michel, der Vorsitzende des Braunschweiger TSC, pflichtet bei: „Gerne hätten unsere Tänzerinnen und Tänzer ihre deutsche Meisterschaft in Bremen getanzt. Jedoch nicht unter den derzeit gültigen Rahmenbedingungen.“

Hoffen auf die Bundesliga-Saison

Ob diese sich zeitnah ändern, ist völlig unklar. Doch die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Und so fiebern die Protagonisten samt Trainer von Weltruf der Bundesliga-Saison entgegen, die gewöhnlich von Januar bis März läuft. Verschiebung nicht ausgeschlossen, Absage auch nicht.

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