Lions lehnen Start in European League of Football vorerst ab

Braunschweig.  Auch der Football-Rekordmeister Lions Braunschweig wurde bei den Planungen der European League of Football von TV-Experte Patrick Esume bedacht.

New Yorker Lions

New Yorker Lions

Foto: Karsten Reißner

Patrick Esume kennt jeder, der schon einmal ein Spiel der nordamerikanischen Profi-Football-Liga NFL im deutschen Fernsehen verfolgt hat. Das „Hamburger Abendblatt“ bezeichnete den 46-Jährigen zuletzt als anerkanntesten Football-Experten Deutschlands. Nun will der ehemalige Spieler und heutige Trainer den Sport in Europa revolutionieren. Mit einer neuen Liga: der European League of Football (ELF).

Die Liga: Die Pläne werden von Woche zu Woche konkreter. Anfang November hatten die Macher um Esume, der künftig als Commissioner der neuen Spielklasse fungieren wird, verkündet, dass die ELF ihren Spielbetrieb schon im Juni 2021 aufnehmen soll. Sechs deutsche Mannschaften sollen an den Standorten Berlin, Frankfurt, Stuttgart, Hannover oder Hildesheim, Ingolstadt und Hamburg an den Start gehen. Dazu kommen der polnische Meister Panthers Breslau sowie ein noch nicht benanntes ausländisches Spitzenteam. Irgendwann soll die Liga auf bis zu 20 Teams aus zehn europäischen Ländern aufgestockt werden. Gespielt wird von Juni bis September. Anders als in allen anderen europäischen Ligen soll nach Regeln der US-Profiliga NFL gespielt werden. Esume wünscht sich „eine enge Allianz mit der NFL im Hinblick auf die Entwicklung von Spielern und Schiedsrichtern“. Um Spielpraxis für einheimische Spieler zu gewährleisten, darf jeder Kader nur zwei US-Profis umfassen. „In der NFL Europe hattest du 42 Amerikaner und einen Spieler, der aus der Stadt kam, in der sie gespielt haben. Wir drehen das Ganze um“, sagte Esume dem Sport-Informations-Dienst (SID). Zudem funktioniert die ELF wie die NFL über ein Franchise-System. Ebenso wie die German-Football-League ist die ELF laut Esume aber keine reine Profi-Liga.

Der Geldgeber: Esume hat sich als Investor und Gesellschafter Zeljko Karajica mit ins Boot geholt. Der 49-Jährige war einst Geschäftsführer von Sport 1 (früher DSF) und später von ProSiebenSat1-TV. Er war es, der 2015 die NFL ins deutsche Fernsehen holte. Auch Spitzenspiele der ELF sollen übertragen, ganze Spieltage zumindest im Netz gestreamt werden. Gut möglich, dass Karajica mit seinen Kontakten in diesem Punkt geholfen hat. Er sagt: „Wir sind überzeugt, dass die Zeit reif ist für eine solche Topliga. Wir bieten den vielen Football-Fans damit in der Spielpause der NFL ein hochattraktives Produkt.“ Dass er es ernst meint, zeigen seine Investitionen mit der Firma Sports and Entertainment Holding GmbH. Die Fußball-Klubs Austria Klagenfurt und Viktoria Berlin hat er unter seinen Fittichen. Sein Bruder Tomislav ist zudem Hauptgesellschafter des Basketball-Bundesligisten Hamburg Towers. Im Sportbusiness kennen sich diese beiden aus.

Die Konkurrenz: Bei der German-Football-League (GFL), in der auch die Lions an den Start gehen, hat man den Vorstoß der neuen europäischen Superliga durchaus mit Argwohn betrachtet. „Auf der Grundlage unserer Erfahrungen, die wir in vielen Jahren in Deutschland und Europa mit unserem Sport gesammelt haben, sind wir aktuell und mittelfristig durchaus skeptisch bezüglich der Finanzierbarkeit einer reinen Football-Profiliga“, sagt GFL-Ligavorstand Carsten Dalkowski. „Hierzu gab es auch in der Vergangenheit schon verschiedene Versuche, die allesamt wirtschaftlich nicht erfolgreich waren.“ Dennoch sieht man die neue Liga als Konkurrenz bei Spielern, Sponsoren, Fans und Spielstätten an. Die vom Verband organisierte GFL mit der GFL 2 ist vom Deutschen Olympischen Sportbund anerkannt. Es gibt Pläne, die Strukturen bald zu professionalisieren und die Topligen auszugliedern, wie es beim Fußball, Basketball oder Handball bereits Standard ist.

Die Teams: Sechs deutsche Standorte sind für den Start der EFL vorgesehen. Geht es nach den Machern der neuen Liga, werden sich diese nicht aus den Teams der GFL rekrutieren. Doch schon mit der Auswahl der Städte wurde klar, dass das nicht funktionieren wird. Die Gewissheit folgte, als die Mannschaften für die GFL melden mussten. Die Hildesheim Invaders ziehen sich in die GFL 2 zurück und die Ingolstadt Dukes starten gar nur noch in der Regionalliga.

Insbesondere Braunschweigs langjährigen Rivalen trifft es hart. Der Hildesheimer Orthopädie-Unternehmer Frank Meyer hatte bis vor kurzem viel Geld bei den Invaders investiert. Dann zog er sich kurzfristig als Sponsor und Geschäftsführer zurück – offenbar, um ein neues Team in der niedersächsischen Landeshauptstadt aus dem Boden zu stampfen. Auch ein Großteil der Spieler soll angeblich nach Hannover abwandern. In Ingolstadt sind es vormalige Verantwortliche der Dukes, die nun die Leitung des neuen ELF-Teams Praetorians antreten. Die Stuttgart Scorpions haben hingegen einen Lizenzantrag für die GFL eingereicht, allerdings auch die Absicht geäußert, in der ELF antreten zu wollen. Schlecht für die GFL: Die beantragte Lizenz verpflichtet nicht dazu, auch an den Start gehen zu müssen.

Die Lions: Auch der deutsche Football-Rekordmeister war von den Initiatoren der ELF als möglicher Starter berücksichtigt worden. Es gab Verhandlungen, die in Vertretung von Hauptsponsor New Yorker geführt wurden. Das Braunschweiger Unternehmen stieg jedoch Ende Oktober aus kaufmännischen Gründen aus den Gesprächen aus. Die Lions verbleiben zunächst in der GFL. „Als ein Team, welches sowohl in die aktuellen Bestrebungen der GFL als auch in die Planungen zur ELF eingebunden ist beziehungsweise war, können wir sagen, dass beide Projekte die gleichen Ziele haben“, sagt Christoph Wolk. Er ist Vorstand Leistungssport GFL beim 1. FFC Braunschweig und gehört auch zum Ligavorstand der GFL. „Die eine Seite verfügt offensichtlich über großartige Vermarktungsmöglichkeiten, die andere Seite über Ressourcen und teilweise auch schon über ein Produkt.“ Das Franchise-System stößt bei den Vereinsvertretern jedoch auf Ablehnung: „In Bezug auf die Struktur sehen wir eine Liga vollkommen außerhalb des organisierten Sports als kritisch.“ Auch aus Verantwortungsbewusstsein entschieden sich die Lions gegen die ELF. Die Mitarbeiter der Geschäftsstelle befinden sich nach wie vor in Kurzarbeit. Und auch sportlich befürchtet man keinen Aderlass, weil Teams aus der neuen Liga mit Geldscheinen wedeln: Ein Großteil des Kaders steht bei Headcoach Troy Tomlin im Wort, auch in der kommenden Saison dabei zu sein.

Die Probleme: Zwei Ligen, die den Anspruch haben, die beste zu sein: Zwangsläufig wird es zu Qualitätsverlust kommen, wenn sich die besten deutschen Spieler, Trainer und die treuen Fans zwischen GFL und ELF aufteilen. Längere Reisewege für 50 Mann starke Aufgebote plus Betreuer bedeuten höhere Kosten – Geld, das an anderer Stelle fehlt. Ausbildung an der Basis ist von der ELF zudem nicht geplant – sie ist zunächst ein Franchise- Raumschiff ohne Anbindung an den Vereinssport. Offenbar um eine zentrale Vermarktung zu ermöglichen. Doch was nützt TV-Präsenz, wenn beide Spielklassen ihr volles Potenzial nicht entfalten können. Ein Gesprächsangebot des GFL-Vorstands sollen die ELF-Macher um Esume zudem ausgeschlagen haben. Es wird deutlich, dass nicht der Sport, sondern vor allem Egos im Mittelpunkt stehen.

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