Eintracht-Aufsichtsratschef Fiedler: Wir brauchen noch mal Hilfe

Braunschweig.  Frank Fiedler spricht über die Lage von Eintracht Braunschweig und seine Hoffnungen und Ziele als Aufsichtsratsvorsitzender des Aufsteigers.

Eintracht Braunschweigs neuer Aufsichtsratschef Frank Fiedler sprach den handelnden Personen bei der Eintracht Vertrauen aus – er will der ausgegliederten Profiabteilung zudem jederzeit mit seinem Rat zur Seite stehen.

Eintracht Braunschweigs neuer Aufsichtsratschef Frank Fiedler sprach den handelnden Personen bei der Eintracht Vertrauen aus – er will der ausgegliederten Profiabteilung zudem jederzeit mit seinem Rat zur Seite stehen.

Foto: Bernward Comes / Braunschweiger Zeitung

Seit dem überraschenden Rücktritt Sebastian Ebels vor wenigen Wochen ist Frank Fiedler neuer Aufsichtsratsvorsitzender der ausgegliederten Profifußball-Abteilung von Zweitliga-Aufsteiger Eintracht Braunschweig. Im Interview mit unserer Zeitung spricht der 57-Jährige über seine veränderte Aufgabe, seine Vorstellungen und erläutert gemeinsam mit Eintracht-Geschäftsführer Wolfram Benz, wie es um die Finanzen der Eintracht steht.

Herr Fiedler, was hat Sie dazu motiviert, das sicher arbeitsreiche Amt als Aufsichtsratsvorsitzender von Eintracht Braunschweig anzutreten?

Frank Fiedler Das ist relativ einfach. Ich bin Braunschweiger und ich bin Eintracht-Fan. Wir haben 2018 alle erleben müssen, was es heißt abzusteigen. Und anschließend haben wir gesagt, wir müssen uns zusammenraufen und zurückkommen. Und dieses „Wir“ sind die Menschen, die für die Eintracht einstehen. Allen voran war das Sebastian Ebel. Er hat mich um Unterstützung gebeten, und ich habe ihm gesagt: Wenn du dem Verein zur Stange stehst, dann mache ich das auch. Und vom Stellvertreter zum Aufsichtsratsvorsitzenden war der Weg nicht mehr weit.

Gab es keine Zweifel?

Frank Fiedler Wir haben das sehr intensiv diskutiert, weil ich ja auch einen Sponsor vertrete. Ich finde es schwierig, wenn man beides macht: einerseits das Geld gibt und andererseits die Entscheidungen trifft. Das ist nicht sauber. Deswegen brauche ich einen Gegenpart, wie es Sebastian Ebel war – wir waren zwei, die sich auch mal ordentlich streiten konnten. Das brauchen wir auch in Zukunft. Es kann nicht sein, dass einer alles entscheidet. Das ist immer ungesund.

Wie vermeiden Sie als Sponsor und Aufsichtsratschef Interessenkonflikte?

Frank Fiedler Es gibt bei VWFS ein Sponsoringkomitee, in dem entschieden wird, auf welche Sponsoring-Aktivitäten sich VW Financial Services konzentriert. Dr. Michael Reinhart von der Volkswagen Bank, Jens Legenbauer von der Volkswagen Leasing und ich sitzen dort drin. Und wenn es um die Eintracht geht, enthalte ich mich. Da muss man sauber sein, sonst ist das Vetternwirtschaft.

Sebastian Ebel war als Aufsichtsratsvorsitzender der Kapitalgesellschaft und Präsident des Gesamtvereins sehr präsent. Wie wollen Sie Ihre Rolle interpretieren?

Frank Fiedler Eins vorweg: Ich werde nicht der nächste Eintracht-Präsident, denn irgendjemand muss mein Widerpart sein. Und auch die Außendarstellung und Entscheidungen obliegen eher der Geschäftsführung.

Der kürzlich als Eintracht-Präsident zurückgetretene Sebastian Ebel hat Helmut Streiff für seine Nachfolge ins Spiel gebracht. Wäre das ein Kandidat, mit dem Sie sich wohlfühlen würden?

Frank Fiedler Helmut Streiff und ich kennen uns persönlich. Ich schätze ihn sehr. Er wäre als Person für die Eintracht ein Gewinn, aber die Entscheidung, wer Präsident wird, treffen der Wahlausschuss und dann die Mitgliederversammlung. Und die ist nicht in meiner Verantwortung oder der des Aufsichtsrats. Deswegen werde ich da auch keine Wünsche äußern. Richtig ist, dass ich in meiner Position mit dem Präsidenten umgehen muss. Wir müssen uns unterstützen und ergänzen sowie gemeinschaftlich für Eintracht kämpfen.

Wie wollen Sie als Aufsichtsratsvorsitzender agieren?

Frank Fiedler Mein Verständnis für die Arbeit im Aufsichtsrat kommt aus den Worten Aufsicht und Rat. Das bedeutet, ich kümmere mich nicht um das operative Geschäft. Da gibt es mit Wolfram Benz einen Geschäftsführer und mit Peter Vollmann einen Sportdirektor, denen wir einen Rahmen geben, in dem die beiden sich bewegen. Und dann sagen wir: So weit gehen wir ins Risiko und weiter nicht. Das übertreiben wir nicht. Dafür bin ich als Aufsichtsratsvorsitzender verantwortlich. Und Rat bedeutet: Wo immer ich helfen kann, können mich die Verantwortlichen anrufen. Mir ist wichtig, dass wir keine Schattengeschäftsführung sind, sondern den handelnden Personen vertrauen. Da sitzt ein Team, das weiß, wie es geht. Dieses personelle Gerüst musste hier nach dem Abstieg mit weniger Ressourcen noch mehr tun und quasi ein Unternehmen sanieren. Wie es das gemeistert hat, darauf bin ich sehr stolz. Mein Ansinnen ist es, aus dem Aufsichtsrat heraus eindringlich dafür zu werben, dass wir transparent sind und sagen wo und wofür wir stehen.

Wo steht die Eintracht nach dem Aufstieg?

Frank Fiedler Wir sollten daran erinnern, dass wir vor zwei Jahren abgestiegen sind und im vergangenen Jahr beinahe in die vierte Liga durchgerutscht wären. Dann wäre es zu Ende gewesen. Ein Jahr später steigen wir auf. Ganz ehrlich: Der Plan war, erst am Ende der nächsten Saison aufzusteigen. Dass das früher geklappt hat, ist wirklich spektakulär.

Was bedeutet dieser Aufstieg finanziell?

Frank Fiedler Viele werden jetzt sicher glauben: Jetzt sind wir in der zweiten Liga, jetzt haben wir Geld, jetzt können wir uns in Ruhe mit allem befassen. Das ist leider nicht so. Es gibt zwei Aspekte. Der eine ist Corona – es gibt keine Einnahmen durch Zuschauer oder Catering. Der andere ist noch viel dramatischer: Uns fehlen erhebliche TV-Gelder von der Deutschen Fußball-Liga, ein sechsstelliger Betrag. Auch das hängt mit der Corona-Pandemie zusammen. Wir müssen wieder zusammenrücken und darum bitten, dass uns alle helfen, da durchzukommen.

Wie will die Eintracht das bewältigen?

Frank Fiedler Wir wissen eins: Wir sind aufgestiegen, um da zu bleiben. Noch einmal schaffen wir das nicht. Wir müssen in der 2. Bundesliga bleiben. Das ist das absolute Ziel. Wir müssen mit einer zweitligafähigen Mannschaft antreten. Mit sehr vielen Ad-hoc-Maßnahmen haben wir uns in den vergangenen Jahren durchgeschlagen – zugegeben erfolgreich. Aber dadurch entsteht ein Dilemma. Wir haben eine finanzielle Belastung, die wir noch nicht gelöst haben. Auf der anderen Seite müssen wir investieren, um in der Liga zu bleiben, weil das für die langfristige Existenz von Eintracht Braunschweig elementar ist. Jetzt freuen wir uns, dass wir zurück sind, aber finanziell ist es eben nicht so, dass wir mit dem Aufstieg frei von Sorgen sind. Wir kommen also wieder zu unseren Partnern, Sponsoren und Fans und sagen: Wir brauchen noch einmal eure Hilfe, weil wir noch einmal eine schwierige Phase überstehen müssen.

Wolfram Benz Ohne das Wort Solidarität wird es auch im nächsten Jahr nicht funktionieren. Das gilt sowohl für die Partner als auch Fans. Es gibt vielerorts Überlegungen, eine Solidaritätsdauerkarte herauszugeben. Ein ähnliches Konstrukt ist auch bei uns denkbar.

Frank Fiedler Was bei uns aber nicht passiert, ist, dass wir uns einen fremden Großinvestor suchen. Wir werden uns alle zusammenraufen müssen, gehen aber ein Risiko ein, weil wir die 2. Liga halten wollen.

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Sie sprechen die Fans an. Bei der Mitgliederversammlung der Deutschen Fußball-Liga (DFL) hat sich die Eintracht der Stimme enthalten, als es um den Vorschlag ging, bei der Rückkehr der Fans ins Stadion auf Gästefans und Stehplätze zu verzichten. Wie beurteilen Sie die Anträge der DFL?

Frank Fiedler Die Gesundheit geht vor. Wir müssen ein tragbares Modell finden, müssen Sorge tragen, dass die Leute sich nicht infizieren. Wenn wir einen Weg für eine Rückkehr der Fans ins Eintracht-Stadion finden, dann werden wir ihn auch gehen.

Wolfram Benz Deswegen standen wir inhaltlich hinter allen gestellten Anträgen. Die Enthaltungen waren eine Positionierung für das Thema Fankultur.

Frank Fiedler Wir wollen nicht verantwortlich dafür sein, dass eine zweite Corona-Welle in Braunschweig oder bei einem Heimspiel von Eintracht Braunschweig startet.

Wolfram Benz Ich glaube, wir müssen uns Vertrauen aufbauen. Ein null auf hundert wird es bei der Rückkehr der Fans leider nicht geben. Wir werden uns an die 100 Prozent heranarbeiten. Wann das sein wird, weiß keiner. Und hierbei ist die Politik der kleinen Schritte sicherlich sinnvoll.

Wie wichtig ist Ihnen, die Fans mitzunehmen, die Fans auch mitreden zu lassen?

Frank Fiedler Auf der einen Seite lebt der Verein von seinen Fans. Die Eintracht ist ein Traditionsverein, und das muss auch so bleiben. Unsere Entscheidungen müssen so ausfallen, dass dieser Verein unabhängig bleibt und durch seine Mitglieder geführt werden kann. Der BTSV und seine Mitglieder sind als Muttergesellschaft die Eigentümer der Kapitalgesellschaft und damit des Profi-Fußballs – und das soll auch immer so bleiben. Und zur Frage des Mitbestimmens: Wir müssen dafür sorgen, dass wir Gremien haben, in denen klar ist, wer was entscheidet, damit nicht jeder bei allem mitredet. Das gilt für Fans und auch für Sponsoren. Alle Interessengruppen müssen eingebunden werde. Und da sind wir auf dem Weg, eine Lösung zu finden. Aber noch einmal: Fußball ohne Fans, das haben wir gerade erlebt: Das ist schlimm.

Vor der Eintracht liegt eine spannende Saison. Was macht Sie zuversichtlich, dass nach vielen Trainerwechseln wieder Ruhe und Kontinuität einkehrt?

Frank Fiedler Die Hoffnung haben wir immer. Aber wir planen auch sehr konstruktiv an unserer Strategie. Und für die kommende Saison gibt es nur ein Ziel: Wir müssen in der 2. Liga bleiben. Das wird schwer genug. Uns immer wieder daran zu erinnern, wo wir herkommen, reicht, um unseren Anspruch zu verstehen. Nichtsdestotrotz überlegen wir, wie es weitergeht, wie wir nachhaltig wirtschaften. Es gibt Pläne, die in der Schublade liegen, aber erst muss der Klassenerhalt gesichert sein.

Mit dem Abstieg 2018 musste die Eintracht massive Einschnitte hinnehmen. Was kann mittelfristig wieder hochgefahren werden?

Frank Fiedler Wir wollten ja eigentlich jetzt mit der Rückkehr in die 2. Liga wieder hochfahren. Aber Corona und die Reduzierung der Fernsehgelder sorgen bei uns für eine Verzögerung. Wir wissen, was wir wollen, aber wir können es uns derzeit einfach nicht leisten. Wir wollen nachhaltig wieder etwas aufbauen und Strukturen etablieren, die unabhängig von Personen Erfolg versprechen.

Was soll die Eintracht nach dieser turbulenten jüngeren Vergangenheit in den nächsten Jahren auszeichnen?

Frank Fiedler Am besten Erfolg. Aber das Thema Erfolg hat auch mit Identität zu tun. Wir brauchen Identität zwischen der Mannschaft, dem Verein, den Fans und der Stadt. Immer, wenn das der Fall war, hat es uns getragen und war manchmal wichtiger als der Ausgang eines Spiels.

Daniel Meyer hat das Amt von Aufstiegstrainer Marco Antwerpen übernommen. Was erwarten Sie von ihm?

Frank Fiedler Am Ende zählt das Ergebnis. Das habe ich gelernt. Das ist nicht immer gerecht, denn manche Leute machen Dinge falsch und gewinnen trotzdem. Aber das ist ja das Tolle im Fußball. Er ist abhängig von den Menschen. Wir können den Trainer stützen, ihm Raum geben, dass sich etwas entwickelt, und wir müssen die Erwartungen managen. Das ist in Braunschweig manchmal schwierig. Deswegen gibt es von uns auch nur dieses eine Ziel, den Klassenerhalt, für den wir vorher versuchen, vieles richtig zu machen.

Herr Fiedler, Sie scheinen sich gut überlegt zu haben, sich auf das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden einzulassen. Was soll in den nächsten fünf Jahren bei der Eintracht passieren, damit Sie sagen, dass Ihre Entscheidung, diesen Posten zu bekleiden, eine richtige war?

Frank Fiedler Das kann ich noch nicht beantworten, weil wir eine solche Strategie erst gemeinsam aufstellen. Ich könnte sagen, was ich mir ausgedacht habe. Das hat aber keine Basis. Diese Basis kann ich nur haben, wenn die Mannschaft in der Geschäftsstelle ihre Strategie auf den Tisch legt und ich dann sage, dass ich diese unterstütze. Aber es gibt eine ganz klare Sache, die wir erfüllen wollen. Wir müssen es schaffen, dass Eintracht Braunschweig unabhängig und nachhaltig die eigene Existenz sichert. Das ist das Entscheidende, denn sonst geht hier etwas verloren, was Teil der Identität der Stadt ist. Doch erst einmal brauchen wir sportliche Sicherheit und dann folgen die nächsten Schritte. Und wenn die Menschen sagen, dass das „unsere Eintracht“ ist, dann kann ich sagen: Es hat sich gelohnt, dass ich den Job gemacht habe.

Zur Person

Frank Fiedler wurde am 16. Februar 1963 in Bern geboren. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Sein Studium der Rechtswissenschaften absolvierte Fiedler an der Universität Bayreuth mit dem Abschluss des zweiten Staatsexamens – zudem verfügt er über eine wirtschaftswissenschaftliche Zusatzausbildung. Von 1990 an nahm er am Traineeprogramm der Volkswagen AG teil. Im Jahr 1994 assistierte er dem Vorstand Finanz der Marke Volkswagen PKW. 1995 wurde er Assistent des Konzern-Vorstandes Finanz. 1996 übernahm Fiedler die steuerliche Betreuung des Konzerns in Asien und der Financial Services weltweit. 1999 wechselte er in den Vorstand der Wolfsburg AG und wurde 2001 zusätzlich Mitglied der Geschäftsleitung der Autovision. Von 2007 an war er Vorstand von Volkswagen Nutzfahrzeuge. Seit September 2008 ist Frank Fiedler Finanzvorstand der VW Financial Services AG.

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