Die Grizzlys Wolfsburg und ihr "Blitz" aus Montreal

Wolfsburg  Jordan Boucher, Neuzugang des Eishockey-Erstligisten Grizzlys Wolfsburg, will zu den Schnellsten in der DEL zählen - ein Porträt.

Mit seiner Schnelligkeit taucht Wolfsburgs Jordan Boucher (rechts) immer wieder brandgefährlich vor des Gegners Tor auf.

Mit seiner Schnelligkeit taucht Wolfsburgs Jordan Boucher (rechts) immer wieder brandgefährlich vor des Gegners Tor auf.

Foto: City-Press GmbH/Grizzlys/oh

Läuferisch gute und flinke Spieler stehen seit Jahren im Kader der Grizzlys Wolfsburg. Christoph Höhenleitner (Karriereende) und Kris Foucault (jetzt Berlin) zum Beispiel hängt(e) fast niemand ab in der Deutschen Eishockey-Liga. Doch ein Neuzugang schickt sich an, neue Maßstäbe in puncto Schnelligkeit zu setzen. Jordan Boucher, der Blitz aus Montreal, bringt mit seinen atemberaubenden Sprints das Eis zum Glühen.

„Bei aller Bescheidenheit, aber ich denke, ich werde unter den Top 3 der schnellsten Spieler der Liga in diesem Jahr sein“, sagt der 26-jährige Außenstürmer selbstbewusst. Das darf er auch sein. Wer seinen Antritt einmal erlebt hat, kommt zur selben Erkenntnis. Viele DEL-Profis werden ein Laufduell mit ihm nicht gewinnen. „Ich weiß, dass Mannheims Brendan Shinnimin ziemlich schnell ist. Ich habe in den vergangenen beiden Jahren in Schweden gegen ihn gespielt. Aber ich kann ganz sicher mithalten mit ihm“, fügt der vom schwedischen Erstligisten Örebro in die VW-Stadt gewechselte Profi hinzu.

Gute Gene und hartes Training

Von nichts kommt nichts. Bouchers Schnelligkeit ist nicht nur eine natürliche Gabe. „Als ich jung war“, erzählt der Franko-Kanadier, „habe ich viel Powerskating trainiert. Ich weiß nicht genau, ob das der Hauptgrund dafür ist, dass ich so schnell geworden bin. Aber ich bin sicher, dass es etwas damit zu tun hat. Das Training zahlt sich nun aus.“

Nicht nur im Kraftraum und auf dem Eis arbeitete Boucher hart für den Erfolg. Er ist ein kluger Kopf, verzichtete fürs Studium auf einen Platz in einem Team der kanadischen Top-Junioren-Ligen. Stattdessen wechselte er an ein US-College, das eher für die Ausbildung von Finanz- und Wirtschaftsexperten sowie Ingenieuren als für seine Eishockey-Mannschaft bekannt ist. „Die Clarkson Universität war die erste, die mir ein Stipendium angeboten hat. Ich bereue es nicht, dass ich dort hingegangen bin.“

Ausbildung hat Priorität

Zumal: Eishockey kam immer erst an zweiter Stelle. „Meine Eltern hatten immer gefordert, dass die schulische Ausbildung oberste Priorität besitzt. Gute Noten in der Schule erlaubten es mir dann, Eishockey zu spielen“, sagt der Mann, der einen Abschluss in den Fächern Finanzen und Wirtschaft besitzt. „Ich trete in die Fußstapfen meines Vaters, der als junger Mann auch viel Wert aufs Studium gelegt hatte. Er ist heute Finanzberater. Das Geschäft war immer ein Thema bei uns am Esstisch.“

Mittlerweile steht Bouchers Profisport-Karriere aber im Vordergrund. Nach einer ordentlichen Saison in der AHL bei Laval in seiner Heimat Quebec folgte er dem Ruf aus Schweden. Als dort im Frühjahr Schluss war, suchte „Bouche“ (gesprochen Buuusch) eine neue Herausforderung. „Aufgrund der Covid-Situation war es sehr schwer, einen Job zu finden in diesem Sommer. Als das Grizzlys-Angebot kam, war mir sofort klar: Es ist eine gute Wahl, denn Wolfsburg ist eine gute Organisation.“

Energiebündel und Stimmungskanone

Der Linksaußen verspricht sich viel von seinem Engagement hier. „In der DEL wird ein etwas anderer Stil gespielt als in Schweden. Ich brauchte eine Weile, mich daran zu gewöhnen. Mit meiner Schnelligkeit kann ich für die Grizzlys aber eine große Wirkung erzielen. Die DEL ist nicht ganz so schnell wie die schwedische SHL und ist eher nordamerikanisch geprägt. Hier kommt meine Schnelligkeit noch besser zum Tragen als in Örebro.“

Die ihm zugewiesene Rolle gefällt Boucher. „Ich mag es, viel Energie ins Team zu bringen.“ Abseits des Eises könne er der Mannschaft auch helfen. „Ich kann für gute Stimmung sorgen. Mit mir kann man gut auskommen.“ Das bestätigt Kapitän Sebastian Furchner, der den Neuen kürzlich als „lustigen und kommunikativen Typen, der auf eine angenehme Art viel redet“ bezeichnete. „Ich bin sehr froh, dass ,Furchi' das über mich gesagt hat. Genau das ist es, was ich sein möchte“, sagt Boucher lächelnd.

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Kommunikativer Typ

Wenn er morgens zum Training in die Kabine komme, beginne er sofort Unterhaltungen mit seinen Mitspielern. „Mit ihnen zusammen zu sein, ist für mich die beste Zeit des Tages. Ich mag es, mit den Jungs abzuhängen und Spaß zu haben. In der aktuellen Situation ist es aber schwer, sich abseits des Eises mit den Teamkollegen zu treffen. Wenn ich mich mal allein fühle in meinem Appartement, sage ich mir, dass es allen Menschen zurzeit so geht.“ Mit dem einen oder anderen in der Nachbarschaft wohnenden Mannschaftskameraden wie Phil Hungerecker, Valentin Busch und Julian Melchiori treffe er sich aber hin und wieder. „Dann gehen wir zum Beispiel eine Runde spazieren.“

Ganz gemütlich aber, hier drosselt Boucher seine Geschwindigkeit. Beim Thema Ziele nimmt er indes sofort wieder Fahrt auf. „Das Hauptziel sind die Play-offs. Jeder erwartet von uns, dass wir sie erreichen. Und auch wir als Team haben hohe Erwartungen an uns selbst.“

Finanzexperte in spe

Boucher wirkt aufgeräumt und strukturiert von seiner ganzen Art her. Was er macht, macht er richtig – und er weiß, was er will und was er nicht will: „Ich möchte zwar so lange spielen, wie ich kann. Aber ich habe auch schon berufliche Pläne für die Zeit nach dem Eishockey. In meinen letzten beiden Karriere-Jahren möchte ich zum Beispiel in die britische Profi-Liga EIHL wechseln. Dort kann man für ein zwar relativ kleines Gehalt spielen, parallel aber auch studieren. Ich möchte meinen Masters-Abschluss machen und anschließend zurück nach Kanada gehen, um dort einen Job in der Finanzindustrie zu finden.“ Falls er doch im Eishockey-Business bleibt, nur in einer Rolle: „Als Klub-Manager. Es ist die einzige Funktion, die ich mir dort für mich vorstellen könnte. Aber es ist nicht meine erste Option.“

Bis dahin lässt Blitz Boucher noch x-mal die Eisflächen glühen. Den Grizzlys möchte er zurück in die DEL-Spitze helfen. „Jeder weiß, dass wir ein gutes Team haben und wir für eine positive Überraschung sorgen können.“ Fonds, Anleihen und Wertpapiere müssen erst einmal warten. Bouchers volle Konzentration gilt vorerst folgender Aufgabe: „In jedem Spiel der schnellste Spieler auf dem Eis zu sein – das ist in diesem Jahr meine größte Rolle und mein Ziel.“

Zur Person:

Jordan Boucher wurde am 21. Februar 1994 in Montreal/Kanada geboren.

Der Außenstürmer ist 1,83 Meter groß und 82 Kilogramm schwer.

Seine früheren Stationen als Eishockey-Profi waren die AHL-Teams Binghamton Senators und Laval Rocket, der ECHL-Klub Brampton Beast sowie Örebro HK in der schwedischen SHL.

Sein Familienstand ist ledig.

Seine Hobbys sind Golf spielen („Es hilft mir, den Kopf freizubekommen“), Lesen („Biografien, Romane, Bücher über Finanz- und Wirtschaftsbusiness. Aktuell lese ich ,10x DNA' des deutschen Autors Frank Thelen“) und Podcasts hören („,Real Vision', einen Wirtschaftspodcast von Raoul Pal, höre ich gern“).

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