Freier Fall mit Tempo 280

Wolfsburg  Das perfekte Wochenende: Sascha Meyer stürzt sich aus Spaß immer wieder aus völlig intakten Flugzeugen.

Sascha Meyer bevorzugt das Freeflying – den freien Fall im Sitzen, Stehen, über Kopf oder in Rückenlage..

Foto: privat

Sascha Meyer bevorzugt das Freeflying – den freien Fall im Sitzen, Stehen, über Kopf oder in Rückenlage..

In 4000 Meter Höhe öffnet sich die Luke der Cessna 208 Caravan. Ohne zu zögern springt Sascha Meyer in die Tiefe. „Es gibt nichts Vergleichbares“, beschreibt der 40-Jährige das Gefühl, keinen Boden unter den Füßen zu haben und mit Tempo 280 auf die Erde zuzurasen. Was ihn reizt? „Die Höhe, der freie Fall, das Adrenalin, die Freiheit“, sagt er. Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein, sang schon Reinhard Mey. Doch es ist ein Unterschied, ob man in einem einmotorigen Flugzeug sitzt oder sich aus selbigem herausstürzt. „Ein bisschen verrückt ist das schon“, gibt Meyer grinsend zu. Doch ein erfüllenderes Hobby als das Fallschirmspringen kann sich der Informatiker nicht vorstellen.

Mit einem Tandemsprung fing alles an. Den hatte sich der 40-Jährige damals von seiner Freundin und der Familie zum Geburtstag gewünscht. „Ich saß im Flieger und hatte einfach nur Schiss. Dann ging die Tür auf. Sobald wir raus waren, überkam mich innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde totale Freude“, erinnert er sich an den ersten Sprung.

Fallschirmspringer Sascha Meyer über sein Hobby

Sascha Meyer ist Fallschirmspringer aus Leidenschaft. Im Video erklärt er die Faszination seines Hobbys. Video: Sascha Meyer/Anja-Carina Riechert
Fallschirmspringer Sascha Meyer über sein Hobby

Für Meyer kein einmaliges Erlebnis, sondern die Tür in eine ganz andere Welt. „Der Sprung hat mich so begeistert, dass ich ein Jahr später mit der Ausbildung angefangen habe“, sagt Meyer, der in Schandelah wohnt. Vor fünf Jahren hat er dann die international gültige Sprunglizenz erworben. 300 Sprünge hat Meyer inzwischen absolviert. Von April bis Oktober dauert die Saison. „Wenn das Wetter mitspielt, verbringe ich viele Samstage und Sonntage auf dem Flugplatz Hildesheim“, erzählt der 40-Jährige, der Mitglied im Verein „SkyDive-Hildesheim 2016“ ist und somit 24 Euro pro Sprung zahlt. Den Winter mag Meyer nicht so sehr. „Mir fehlt dann das Springen.“ Auch auf Reisen hat der 40-Jährige seine Ausrüstung dabei. In Portugal und auf Gran Canaria ist er schon gesprungen. Er muss nur seine Lizenz und sein Sprungbuch vorlegen, in dem jeder Sprung registriert wird.

Wer selbstständig springen möchte, braucht eine Lizenz. Gelehrt wird nach der AFF-Methode, der beschleunigten Freifallausbildung. Sie ist in 7 Level aufgeteilt. „In Level 1 bis 3 begleiten einen zwei speziell ausgebildete Fallschirmsprunglehrer, in Level 4 bis 7 ist nur noch ein Lehrer dabei“, erklärt Meyer. 23 Freifallsprünge muss man mindestens absolvieren. Dabei sind unterschiedliche Sprünge vorgeschrieben. Außerdem gilt es, eine theoretische Prüfung zu bestehen. Darin geht es um Fragen aus den Bereichen Meteorologie, Luftrecht, Technik, die Theorie des freien Falls, menschliches Leistungsvermögen und Aerodynamik.

Zu Anfang fliegt jeder in Bauchlage. „Relative Work Skydiving nennt sich das oder auch Belly Flying. Wer das Bauchfliegen perfektioniert, bildet dann irgendwann schöne Formationen am Himmel“, erklärt Meyer. Es gibt jedoch viele verschiedene Disziplinen, die den Nervenkitzel weiter in die Höhe treiben und den freien Fall zur sportlichen Bühne werden lassen. Meyer bevorzugt das Freeflying. „Das ist alles, nur nicht auf dem Bauch. Sitzen, Stehen, über Kopf, in Rückenlage“, veranschaulicht der 40-Jährige. Freeflying lebt von ungewohnten Positionen und Blickwinkeln. Durch die geringere Widerstandsfläche sei die Freifall-Geschwindigkeit höher als beim Bauchfliegen. Auch Kleidung und Gewicht beeinflussen die Geschwindigkeit. Meyer trägt eine maßgeschneiderte Sprungkombi aus Nylon und Taslan. Das Gewebe ist wasser- und windabweisend, glatt und strapazierfähig. „Da oben wirken ziemliche Kräfte“, sagt Meyer, „wer sich das annähernd vorstellen möchte, kann mal bei 200 km/h den Arm aus dem Auto halten.“ Wichtig sei vor allem die Körperspannung. Die können Anfänger oder Profis, die sich verbessern wollen, zum Beispiel im Windkanal in Bottrop üben. Meyer selbst hat dort das Fliegen in Bauchlage und im Sitzen gelernt.

55 bis 60 Sekunden dauere der freie Fall in Bauchlage, da es in dieser Position den größten Luftwiderstand gebe, beim Freeflying seien es etwa 45 Sekunden. „Diese Sekunden kommen einem in der Luft faszinierend lang vor“, erzählt Meyer begeistert. Wann er den Fallschirm öffnen muss, zeigt ihm der Höhenmesser am Handgelenk an. Im Helm integriert ist ein Höhenwarner, der ab 1500 Meter das erste Mal piept. „Bei einer Höhe von 800 Meter sollte man am Schirm hängen.“ Den Reserveschirm musste Meyer auch schon mal nutzen, da sich sein Fallschirm verheddert hatte. „Es kann eigentlich nichts passieren. Selbst wenn man bewusstlos wäre, würde die Technik ab einer bestimmten Höhe den Reserveschirm automatisch rausfeuern.“

Angst hat auch Anett Popp aus Wolfenbüttel nicht. „Autofahren ist gefährlicher“, sagt sie. Die 18-Jährige ist heute mit Meyer und anderen gesprungen. Im April begann sie, als 17-Jährige noch mit der Unterschrift ihrer Eltern, die Ausbildung zur Fallschirmspringerin. Seit Juli hat sie die Lizenz und ist fast jedes Wochenende auf dem Flugplatz. „Fallschirmspringen wollte ich, seit ich 12 war. Ich war fasziniert davon“, erzählt sie. Mit 14 Jahren machte sie einen Tandemsprung. „Beim vierten Sprung habe ich gemerkt, dass es eine Leidenschaft wird.“ Inzwischen hat die Wolfenbüttelerin 48 Sprünge hinter sich. „Es ist ein Gefühl der Freiheit, in dem Moment des freien Falls ist man ganz im Hier und Jetzt“, erzählt sie begeistert. Noch springt sie immer in Bauchlage, im kommenden Jahr will sie mit Freeflying loslegen. Ihre Faszination fürs Springen ist inzwischen auch auf ihre Mutter übergesprungen. Die möchte demnächst einen Tandemsprung machen, um zu verstehen, was so toll ist am freien Fall.

Anett Popp spart für einen eigenen gebrauchten Schirm: „Ein neuer kostet mit Gurtzeug und Reserve 6000 bis 8000 Euro“, sagt sie. Man fange mit einem relativ großen Schülerschirm an, erzählt Sascha Meyer. „Mein jetziger ist mit 135 Squarefeet halb so groß wie mein erster.“ Denn: Je kleiner die „Kappe“ – so wird im Fallschirmsport der eigentliche Fallschirm bezeichnet –, desto schneller sei man unten und desto höher sei der Spaßfaktor. Inzwischen haben Sascha Meyer und Anett Popp ihre Schirme wieder akribisch gepackt, und ihre Namen werden aufgerufen für den nächsten Sprung. Die Cessna wird sie in 15 Minuten erneut auf Absprunghöhe bringen. Die Vorfreude ist beiden anzumerken. Als Meyer zum Flugzeug geht, sagt er mit einem Augenzwinkern: „Segelflieger behaupten übrigens immer, Fallschirmspringen sei Missbrauch von Rettungsgerät – für mich ist es das geilste Hobby!“

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder