Eine Schwarzbrotstrecke auch für heimliche Laufmuffel

Wolfsburg  Wer Laufen zur Regel machen möchten, braucht eine Hausstrecke, die das Schöne mit dem Praktischen verbindet.

Zugegeben: Ich bin nicht zwingend das, was man einen leidenschaftlichen Läufer nennt. Meistens bin ich sogar eher das, was man gemeinhin als faulen Sack bezeichnet. Daher habe ich schon vor Jahren festgestellt: Wenn bei mir das Laufen nicht zum vierteljährlichen Ausnahmeereignis werden soll, braucht es eine gute Hausstrecke. So eine Schwarzbrotstrecke muss vor der eigenen Haustür anfangen – und natürlich trotzdem einiges zu bieten haben.

Ich lebe seit einigen Jahren in der Nähe des Brandenburger Platzes. Und dort ist die Wahl einer solchen Strecke eigentlich ziemlich einfach – schließlich liegt der Klieversberg, die wohl schönste grüne Lunge in der Kernstadt, direkt in der Nähe. Los geht es am Hochring. Warum? Weil heimliche Laufmuffel wie ich Strecken auch ein wenig psychologisch auswählen müssen. Und da ist jetzt erstmal langsames Reingleiten in die Sporttätigkeit gefragt. Entspannt trabe ich über eine Wiese. Zwischen Bäumen begrüßen mich die heimlichen Wolfsburger Wappentiere, die hier in Massen heimischen Kaninchen. Nach wenigen Minuten bin ich an der Christuskirche. Von dort geht es endlich in den Wald. Und zwar so, wie ich es am liebsten mag: bergab.

Entspannt federe ich hinab zu einem kleinen Regenrückhaltebecken, dem man seinen Zweck allerdings nicht ansieht. Romantisch schimmert die Wasserfläche durch die Bäume. Das ist schön. Aber eigentlich steht hier vor allem die erste Bank. Nicht für eine längere Pause, aber als Stretch-Werkzeug für mich meist erste Wahl. Denn danach wird die Strecke schweißtreibender. Es geht bergauf, nicht heftig, aber stetig. Hier trennt sich in der Regel auch die Spreu vom Jogger-Weizen, sprich: Ich trenne mich von fitten Läufern, die entspannt an mir vorbeiziehen, während ich die Steigung in den Beinen merke. Dann ein kleiner Charaktertest. Am Ende der Steigung lädt mich ein Markierungsstein ein, links Richtung Eichelkamp zu laufen. Prima, da will ich hin. Allerdings eigentlich nicht sofort, jetzt ist erstmal eine Schleife bis an die Breslauer Straße dran. Ich packe mich bei der Läufer-Ehre und trabe hin – und gleich wieder zurück.

Wer in der Stadt läuft, muss Strecken eben manchmal doppelt hinter sich bringen, um auf seine Kilometer zu kommen. Zurück am Stein geht es in Richtung Hochring 39. Das markante Hochhaus auf dem Klieversberg ist ein guter Wegpunkt. Denn hier weiß ich: Es geht jetzt hoch hinaus. Oder wie ich das kommende Teilstück nenne: Die Warum-Mache-Ich-Das-Hier-eigentlich-Steigung. Ich schlage mich durch den Wald auf eine breite Schotterpiste, die unter dem Hochring entlang auf den Klieversberg führt. Wolfsburg ist nicht Davos, aber ein Berg ist ein Berg ist ein Berg, egal wo er steht. Und dahin geht es jetzt, mit ordentlicher Steigung. Ich keuche, ich fluche, kurz: Das ist der Teil der Strecke, der richtig wehtut. Auch im Kopf, denn hier wird mir immer wieder klar, dass ich einfach öfter laufen müsste. Nicht nur andere Jogger zeigen mir meine Grenzen auf. Hier oben sind auch viele Mountainbiker unterwegs. Wenn sie an mir vorbeirollen, fühlt sich meine eigene Geschwindigkeit wie ein leichtes Rückwärtsgehen an.

Nun ja, vor die Belohnung hat das Leben die Qual gesetzt. Oder so ähnlich. Und wer mich bei der Bezwingung dieser Steigung beobachtet, der muss davon ausgehen, dass bei so viel Qual aber eine ziemlich dicke Belohnung irgendwo auf mich wartet.

Und genauso ist es. Denn langsam, über kleine Wege, vorbei an hohen Bäumen und wildbelassenem Totholz nähere ich mich dem Höhepunkt meines Laufes. Ich nenne ihn den „Eye-of-the-Tiger“-Moment. Ich komme an den Waldrand, und vor mir erstreckt sich die große Wiese des Klieversbergs mit einem der spektakulärsten Ausblicke, die Wolfsburg zu bieten hat. Das Panorama (vorne die Stadt, dann das Werk) ist atemberaubend. Am liebsten würde man auf den Stufen des dort stehenden Denkmals wie Film-Boxer Rocky Balboa die Fäuste in die Luft reißen und den Bizeps spannen (manchmal mache ich das auch, aber nur wenn keiner guckt). Die Laune ist dann am Ende dieses Laufs ganz oben, sportlich geht es nur noch bergab. Heißt: Die Höhenmeter, die ich mir mühsam erkämpft habe, darf ich jetzt wieder genüsslich herunterjoggen. Ab unter die Dusche!

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