Melitta – Stauffenbergs tapfere Schwägerin

Braunschweig An diesem Sonntag jährt sich die „Operation Walküre“ zum 70. Mal. Eine Widerstandsgruppe um den Wehrmachtsoffizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg hatte am 20. Juli 1944 versucht, Adolf Hitler zu töten, um die Herrschaft der Nationalsozialisten und den Zweiten Weltkrieg zu beenden. Das Attentat scheiterte jedoch. Die Hauptverantwortlichen wurden hingerichtet, hunderte Regimegegner sowie Angehörige der Verschwörer wurden verhaftet. Darunter waren auch Stauffenbergs Bruder Alexander und dessen Frau Melitta – sie hatte jüdische Wurzeln und war unter den Nationalsozialisten eine mehrfach ausgezeichnete Ingenieurin und Testfliegerin. Welche Rolle diese außergewöhnliche Frau spielte, hat der Journalist Thomas Medicus recherchiert und in einer Biografie veröffentlicht. Mit ihm sprach Cornelia Steiner.

Herr Medicus, wie konnte eine Frau aus einer jüdischen Familie damals so eine Karriere machen?

Melitta Schillers Herkunft – ihr Vater war Jude – wurde erst offenkundig, als ihr Mann, der
Althistoriker Alexander Schenk Graf von Stauffenberg, zum ordentlichen Professor berufen werden sollte und entsprechende Papiere vorlegen musste. Normalerweise hätte sie als „jüdischer Mischling ersten Grades“, wie ihr Status im Nazi-Jargon lautete, ihre Tätigkeit als Ingenieurpilotin verlieren müssen, die Eheschließung wie der professorale Beamtenstatus ihres Mannes wären hinfällig gewesen. Doch für ganz wenige privilegierte Leute gab es die Möglichkeit der Gleichstellung mit „deutschblütigen Personen“. Diese Bescheinigung erhielt sie.

Was ist über ihre Einstellung zum NS-Regime bekannt?

Sie war leidenschaftliche Ingenieurin und Fliegerin, war unglaublich ehrgeizig und ist 1943 von Reichsluftfahrtminister Hermann Göring unter anderem mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse persönlich ausgezeichnet worden. Das deutet auf eine große Nähe zu den Spitzen des Regimes hin, heißt aber auch nicht unbedingt, dass sie nicht abweichender Meinung hätte sein können. Dazu ist nichts Eindeutiges überliefert.

Was wusste sie über die Attentatspläne ihres Schwagers? Einer These zufolge soll geplant gewesen sein, dass sie Claus Schenk Graf von Stauffenberg zum Führerhauptquartier Wolfschanze und nach dem Attentat wieder nach Berlin fliegen sollte.

Es gibt es keine Dokumente, die eine Mitwisserschaft oder gar eine geplante Beteiligung klar und eindeutig belegen.

Trotzdem wurde sie nach dem Attentat wie viele andere Angehörigen der Verschwörer in „Sippenhaft“ genommen.

Ja, aber nach knapp sechs Wochen wurde sie wieder entlassen, weil ihre Tätigkeit in der Luftwaffenakademie in Berlin-Gatow als „kriegswichtig“ galt. Sie war dann weiterhin sehr aktiv in ihrem Beruf – sie musste ihre Pflicht erfüllen, deswegen war sie aus der Haft entlassen worden. Den Namen Stauffenberg durfte sie nicht mehr tragen, und sie konnte auch nicht sicher sein, ob es bei der „Gleichstellung mit deutschblütigen Personen“ bleiben würde.

VORTRAG

Thomas Medicus hält am Montag, 21. Juli, ab 19 Uhr einen Vortrag über Melitta von Stauffenberg. Ort: Gedenkstätte KZ-Außenlager Schillstraße 25 in Braunschweig. Um Anmeldung wird gebeten: (0531) 270 25 65.

Dennoch hat sie sich bis zu ihrem Tod für das Überleben und die Freilassung ihres Mannes und vieler inhaftierter Frauen gekümmert, hat Lebensmittel und Kleidung besorgt. Im April 1945 wurde Melitta von Stauffenberg während eines Fluges abgeschossen, wahrscheinlich von einem US-Jagdflugzeug. Sie starb kurz nach dem Absturz.

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