Graue Wölfe sind „von Rassismus und Großmannssucht geprägt“

Salzgitter.  Professorin Dorothee Dienstbühl zur Ideologie der „Ülkücü“-Bewegung und einem Verein in Salzgitter.

Screenshot des Zugangs zur Homepage des Vereins "Salzgitter Ülkü Ocagi". Der Verein wird der "Ülkücü"-Bewegung zugerechnet, deren Ideologie der Verfassungsschutz als nationalistisch und rechtsextremistisch einstuft. 

Screenshot des Zugangs zur Homepage des Vereins "Salzgitter Ülkü Ocagi". Der Verein wird der "Ülkücü"-Bewegung zugerechnet, deren Ideologie der Verfassungsschutz als nationalistisch und rechtsextremistisch einstuft. 

Foto: Screenshot: Erik Westermann / BZV

Kriminologin Dorothee Dienstbühl ist Professorin an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen und setzt sich mit extremistischen Bewegungen auseinander. Für unsere Zeitung hat sich die Forscherin die Internet-Auftritte des Vereins angeschaut und erklärt im Interview mit Redakteur Erik Westermann, was sie dort fand.

Was deutet darauf hin, dass der Verein der Ülkücü-Bewegung, den „Grauen Wölfen“, zuzuordnen ist?

Man kann das Auftreten der „Salzgitter Ülkü Ocagi“ sowohl auf ihrer Homepage , als auch auf ihrer Facebook-Präsenz studieren. Der Name beinhaltet Ülkü, das heißt: „Das Ideal“. Diverse Gruppen der Grauen Wölfe (“Bozkurtlar“), die sich auch als „Ülkücü-Bewegung“ (Bewegung der Idealisten) verstehen, haben dieses Wort im Vereinsnamen. Ebenso wie Ocagi, von türkisch „Ocak“ für „Herd“ (im Sinne von warmen Nest oder Heim). In ihrem Logo sieht man die drei Halbmonde. Als ebenfalls gängige Symbolik unter Anhängern der Bewegung findet man sie auf rotem Untergrund auf der Parteiflagge der türkischen MHP (Partei der nationalistischen Bewegung). Sie stehen für die vereinigte islamische Herrschaft der Turkvölker über die Kontinente Asien, Afrika und Europa. Auch die Jahreszahl 1978 ist neben einer möglichen Gründung des Vereins in Salzgitter interessant. 1978 war zum einen das Jahr, ab dem die Grauen Wölfe in Deutschland Fuß fassen konnten, übrigens durch die Hilfe der CSU, namentlich Franz-Josef Strauß. 1978 war auch das Jahr der Pogrome gegen Aleviten in Maras, bei dem im Dezember des Jahres 111 Menschen durch Anhänger der MHP ermordet wurden.

Was sind die Grundzüge ihre Ideologie? Inwieweit spielt extremer Nationalismus eine Rolle?

Die Ideologie der Grauen Wölfe basiert auf den Vorstellungen von Alparslan Türkes, der im Jahr 1961 die MHP gegründet hat. Der Führerkult um Türkes hat Ähnlichkeiten zu dem der Person Adolf Hitlers.

Jedes MHP-Mitglied musste ihn mit dem Titel „Basbugum“ (mein Führer) anreden; er wird von den Anhängern noch immer als „Basbug“ (der Führer) verehrt. [Fotos von Türkes sind im Vereinsheim zu sehen, Anm. der Redaktion] Hitler wird durchaus positiv gesehen. Bei pro-türkischen Demonstrationen habe ich schon den Hitlergruß gesehen, auf Facebook lassen sich immer wieder Sprüche von Anhängern entdecken, die Hitlers Vernichtungskrieg gegen die Juden als unvollendeten „Befreiungskrieg“ verherrlichen. Auch die Rassenideologie ist vergleichbar mit der im nationalsozialistischen Regime. Hier wird lediglich das osmanische Blut beschworen und das Turkvolk als menschlicher Maßstab verstanden.

Mitglieder in Salzgitter zeigen intern den sogenannten Wolfsgruß: Wie ordnen Sie dieses Zeichen ein?

Insbesondere, wenn sich AnhängerInnen vor einem Banner von Türkes fotografieren lassen, wo sie mit dem Wolfsgruß posieren, dann ist das ein klares Bekenntnis.

Welche Verbindungen existieren zwischen anderen türkischen Vereinen und den Grauen Wölfen?

Die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) gilt als Lobbyorganisation der türkischen AKP in Deutschland. Im Zuge des Türkei-Referendums wurden immer wieder Vertreter der UETD mit Wolfsgruß und gemeinsam mit Anhängern der Grauen Wölfe gesichtet. Seitens der UETD dementiert man solche Verbindungen, ebenso wie zum mittlerweile verbotenen Box-Club „Osmanen Germania“. Zusammenkünfte seien lediglich rein zufällig.

In Salzgitter wird der Verein aktuell als unauffällig beschrieben, auch seitens der Polizei. Führende Mitglieder reklamieren, man sei „seit 40 Jahren für Integration, Jugend und Familienarbeit“ in der Stadt tätig. Wie bewerten Sie solche Aussagen?

Ich kenne die Gruppe vor Ort und die einzelnen Anhänger nicht. Aber die Ideologie fußt klar auf Separation, Ultranationalismus und Rassendenken. Entsprechend halte ich eine Rolle als kultureller Mittler für mehr als fragwürdig. Bringen sie dieses Engagement auch Aleviten, Armeniern, Kurden, Juden oder Jesiden entgegen? Wohl kaum. Genau darauf weist der jährliche Bericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz hin: Nach außen gebe man sich gesetzeskonform, die Aktivitäten seien aber klar extremistisch geprägt. Aber hier ist es an der Politik, genau hinzusehen, die Analysen des Verfassungsschutzes ernst zu nehmen und sich mit der Bewegung auseinanderzusetzen.

In der Vergangenheit wurden Anhängern der Grauen Wölfe auch in Deutschland bereits Morde zugeschrieben. Wie gefährlich sind sie?

Die Bewegung ist recht heterogen. Sie reicht von Personen, die für ihre Überzeugung Gewalt anwenden würden bis hin zu jungen Menschen, die in den Versprechungen des großen Turk-Volkes Orientierung suchen. Die Gefährlichkeit sehe ich vor allem in dieser bigotten Attitüde zwischen Herrscherrasse einerseits und ewiges Opfer andererseits. Das zeigt sich auch in der Reaktion auf die Aktion die Linksjugend in Salzgitter: Sie würden missverstanden, aber sie hinterfragen sich selbst nicht oder setzen sich mit der Ideologie kritisch auseinander. Dabei ist die Weltanschauung der Grauen Wölfe von Rassismus und Großmannssucht geprägt. Leider sprechen sie seit Jahren verstärkt junge Menschen an, die sich in Deutschland nicht angenommen fühlen oder eine Identität suchen. Hier müssen wir stärker ansetzen und verstehen, wie sie die Menschen erreichen und diesen Narrativen etwas entgegenhalten. Das bedeutet aber, die Gefahr wahrzunehmen und die Ideologie als das zu sehen, was sie ist: Rechtsextremismus.

Gibt es eine Entsprechung der „Ülkücü“ im deutschen Spektrum, etwa ein Ortsverein der NPD?

Solche Vergleiche existieren, ja. Einerseits kann der helfen, um einfach zu verdeutlichen, dass es keinen besseren oder richtigeren Rechtsextremismus gibt. Andererseits ist es eine Vereinfachung, mit der man die Spezifika der Bewegung vernachlässigt. Wenn wir an Prävention oder auch Aussteigerprogramme denken, dann brauchen wir aber diese Kenntnisse.

Zudem verdient der Gedanke der Ortsvereine eine Korrektur: Das „Counter Extremism Project“ hat in seiner aktuellen Studie aufgezeigt, dass sich Rechtsextremisten global zunehmend vernetzen, sich in apokalyptischen Vorstellungen bestärken, unterstützen und auf den „Tag X“ vorbereiten. Weil Rechtsextremismus zu sehr auf Nationalismus reduziert wird, halten das viele vermutlich nicht für möglich. Aber die Realität zeigt, dass sich Rechtsextremisten über den Nationalismus hinweg verbinden. Damit wächst das Bedrohungspotenzial eines transnationalen Rechtsextremismus.

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