Polizei in Salzgitter gründet Tuning-Kontrollgruppe

Salzgitter.  Es gibt immer mehr Manipulationen, mit denen Besitzer aufgemotzter Autos sich und andere gefährden. Die Polizei will jetzt durchgreifen.

Ein „Klassiker“: Nicht eingetragene Rad-Reifen-Kombination und verändertes Fahrwerk – der Reifen kann die Karosse berühren und platzt im Zweifelsfall während der Fahrt.

Ein „Klassiker“: Nicht eingetragene Rad-Reifen-Kombination und verändertes Fahrwerk – der Reifen kann die Karosse berühren und platzt im Zweifelsfall während der Fahrt.

Foto: Polizei

Illegale Autorennen, laut röhrende Auspuffe – in schöner Regelmäßigkeit klagen Leser unserer Zeitung über Fälle von Raserei und vermeintlich manipulierte Fahrzeuge. Insbesondere in Lebenstedt und am Salzgittersee ist die Tuning-Szene zu sehen und zu hören. Tatsächlich, sagt Polizeikommissar Yannik Schlüter, sind die Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung durch unzulässige Veränderungen an Fahrzeugen immer gravierender geworden. Um das Thema in den Griff zu bekommen, gründet die Polizeiinspektion (PI) Salzgitter-Peine-Wolfenbüttel eine Tuning-Kontrollgruppe. Angedacht ist, dass es künftig flächendeckend solche Gruppen in der Polizeidirektion Braunschweig geben soll.

Bis zu zehn Polizeibeamte werden der Kontrollgruppe der hiesigen PI angehören, sagt Schlüter, der die Gruppe leiten wird. Mitmachen wollen sowohl Männer als auch Frauen. Wäre Corona nicht dazwischengekommen, wäre die Gruppe schon längst durchgestartet. In Kürze, hofft Schlüter, könne es endlich losgehen.

Schlüter ist kein Mann mit einem missionarischen Auftrag, der etwas gegen die Tuning-Szene hätte. Er hat nichts gegen schnelle oder schön aufgemachte Autos. Ganz im Gegenteil, seine Begeisterung für Automobile hat ihn erst dazu bewogen, sich als Leiter für die Tuning-Kontrollgruppe zu bewerben. Fahrzeuge sind seine Leidenschaft. Er selbst fährt privat ein – unverändertes – Audi-Sportmodell. Auch viele der Kollegen, die sich allesamt freiwillig aus Interesse am Thema gemeldet haben, haben ein Faible für Autos. Einige tunen sogar selbst. „Wobei Tuning ja schon damit anfängt, wenn ich andere Felgen und Reifen auf meinem Fahrzeug montiere“, erklärt Schlüter.

Gegen Tuning, also die Veränderungen an Fahrzeugen, sei auch grundsätzlich gar nichts zu sagen – sofern alles ordnungsgemäß überprüft und in den Papieren eingetragen worden sei. Häufig fangen Tuning-Verstöße schon mit vermeintlichen Kleinigkeiten an, wie der 24-jährige Polizeikommissar erklärt. „Vielen Autobesitzern gefallen die roten Rückleuchten nicht. Dann werden sie lackiert oder foliert. Aber sobald ich an den Original-Scheinwerfern etwas verändere, erlischt sofort die Betriebserlaubnis für das Fahrzeug.“ Es sei denn, es liege eine ECE-Genehmigung für das veränderte Bauteil vor. Das ist ein offizielles und internationales Prüfzeichen für Auto-Bauteile. Ist ein Bauteil nicht eintragungsfrei, muss das Fahrzeug zudem bei einer KFZ-Prüfstelle wie dem Tüv oder der Dekra vorgestellt werden.

Ein „Klassiker“ bei den Lichtverstößen ist das US-Tagfahrlicht. Dann ist das Auto so eingestellt, dass die Frontscheinwerfer und die Blinklichter dauerhaft leuchten – was in Deutschland verboten ist. „Das kostet den Fahrzeugführer 90 Euro und bringt ihm einen Punkt in Flensburg ein. Ist der Fahrzeugführer nicht zugleich der Halter, muss auch zusätzlich der Halter zahlen. Und zwar 135 Euro. Zudem bekommt er ebenfalls einen Punkt. Denn der Halter muss immer für einen ordnungsgemäßen Zustand des Autos sorgen“, erklärt Schlüter.

Oft sind es aber gar nicht nur so augenscheinliche Verstöße und auch nicht nur ein Verstoß, mit dem es die Polizeibeamten zu tun haben. Deshalb braucht es auch speziell geschulte Polizisten und gut vorbereitete, gezielte Einsatztage, an denen sich die Tuning-Kontrollgruppe auf die Straße begibt. „Häufig bekommen wir bei Kontrollen gleich eine ganze Mappe mit unzähligen Unterlagen ausgehändigt“, berichtet Schlüter aus dem Kontrollalltag. Und da müsse man schon genau Bescheid wissen, was erlaubt sei und was eben nicht. „Beispielsweise ist es möglich, einen Golf mit einer verlängerten Motorhaube auszustatten. Dann ist das VW-Emblem nicht mehr zu sehen. Dann ist aber keine Kombination zulässig, bei dem auch veränderte Scheinwerfer verbaut sind, die für sich genommen bei einem Golf mit klassischer Motorhaube möglicherweise noch erlaubt wären“, sagt Schlüter. Es braucht also ein unglaubliches Detail- und Fachwissen, über dass die Polizisten verfügen müssen.

Doch selbst unter diesen Voraussetzungen lässt sich nicht alles am Straßenrand überprüfen und aufklären. „Im Zweifelsfall muss ein Fahrzeug auf die Bühne, erst dann sind viele Details zu erkennen“, sagt Schlüter. Beim TÜV in Salzgitter, bei deren fachkundigen Gutachtern die Polizisten regelmäßig zu überprüfende Fahrzeugen vorfahren lassen, gibt es manchmal große Überraschungen oder auch Aha-Effekte. „Vor wenigen Wochen sind bei einem Fahrzeug gleich 28 Verstöße festgestellt worden“, so Schlüter. Das war auch für ihn ein neuer Spitzenwert. Unter anderem hatte die Achse permanenten Kontakt mit der Karosse, so dass ein Achsbruch nur eine Frage der Zeit gewesen wäre. „So etwas kann dann zu einem schlimmen Unfall führen, bei dem auch andere Verkehrsteilnehmer in Mitleidenschaft gezogen werden.“ Bei dem Auto habe es zudem unzulässig folierte Rückleuchten, Umbauten an Motor, Fahrwerk und viele weitere Verstöße gegeben.

In einem speziellen Fall musste gar ein Kfz-Ingenieurbüro mit einem Gutachten beauftragt werden. Neben einer komplett nicht zugelassenen Bremsanlage ging es bei dem Fahrzeug noch unter anderem um eine manipulierte Auspuffanlage: Per Fernbedienung konnten Klappen im Auspuff geöffnet oder geschlossen werden – mit dem Ziel Lärm zu verursachen. Wird solch ein spezielles Gutachten notwendig, wird der Besitzer zur Kasse gebeten – in dem Fall mit 1000 Euro.

„Unser Ziel ist es aber nicht, Fahrzeuge stillzulegen. Wir wollen für die Verkehrssicherheit sorgen“, sagt Schlüter. Die meisten ließen durchblicken, dass ihnen schon klar sei, dass die Veränderungen nicht erlaubt seien. Manchmal gebe es auch Dankbarkeit, etwa als einem Vater und seinem Sohn klar geworden sei, dass die Manipulationen ganz schnell zu einem folgenschweren Unfall hätten führen könnten.

Längst nicht allen Fahrzeugen ist übrigens sofort anzusehen, ob sie verändert worden sind. Manchen Besitzern geht es nur ums Motortuning, von außen sieht ein Auto dann aus wie ein standardmäßiges Serienfahrzeug. Unter dem Strich werde an allen Fahrzeugtypen geschraubt und getunt: Am Oldtimer wie am Neufahrzeug, am Kleinwagen wie am Supersportwagen. Nur Elektro-Modelle spielen noch keine große Rolle in der Szene – zumindest noch nicht.

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