Digitale Lehre in Salzgitter: Alle studieren online! Geht das?

Salzgitter.  Nun also – eine neue Zeitrechnung. Erkenntnis Nummer eins: Es geht, es geht besser, als viele von uns dachten.

So sieht es aus, das digitale Corona-Cockpit der Hochschullehre.

So sieht es aus, das digitale Corona-Cockpit der Hochschullehre.

Foto: Harald Rau

Erkenntnis Nummer zwei: Es ist anstrengender, deutlich anstrengender und zeitraubender als viele in ihren schlimmsten Träumen befürchtet hatten. Erkenntnis Nummer drei: Wer digitale Hochschullehre ernstnimmt, und wer dafür Hingabe zeigt und noch mehr Hirnschmalz investiert, erzielt gemeinsam mit den Studenten zum Teil deutlich bessere Ergebnisse. Die persönliche Erfahrung in der Ostfalia Salzgitter: Besonders gut funktioniert das mit der Digitalisierung in seminaristischen Kursen, bei denen am Ende des Semesters Haus- oder Projektarbeiten abgegeben werden müssen.

Das sieht zum Beispiel so aus: In der ersten Stufe wird eine Projektskizze entwickelt und elektronisch auf einer Plattform eingereicht – wie diese Skizze auszusehen hat, ist für alle Seminarteilnehmer per Formular vorgegeben. Dann bewerten alle gegenseitig ihre Abgaben – auch dafür gibt es ein Formular, bei dem jeder sich ein Urteil über verschiedene Aspekte per Ankreuzen bilden darf – und damit eben auch die eigene Arbeit noch einmal in Frage stellen kann und muss: Ist das Thema verständlich formuliert? Ist die Projektumsetzung passgenau am Seminarkontext ausgerichtet? Stimmt der theoretische Hintergrund? Passen Beschreibung und der so genannte „Workload“ zueinander, also passen Skizze und geplanter Arbeitsaufwand für das Seminar zusammen? All das können die Teilnehmer bewerten – und ihren Kommilitonen zurückmelden, weil auch dieses Formular auf der Plattform gespeichert wird.

Erst nachdem die Projektskizzen mit den Hinweisen der Mitstudierenden angepasst und in einer zweiten Fassung formuliert sind, greift der Dozent ein – kommentiert die Formulare mit konkreten Hinweisen, gibt Anregungen, kritisiert, bewertet und formuliert möglichst präzise Hilfestellungen. Dann dürfen die Studenten ihre Basisideen anpassen, vielleicht die ursprüngliche Skizze konkreter ausformulieren. Erst im Anschluss kommt es zur Begegnung – der Ansatz, das Thema, die Struktur, der rote Faden wird im Gespräch – Face-to-Face, besser: Videobild-zu-Videobild online diskutiert – entweder mit jedem einzelnen (bei klassischen Haus- oder Seminararbeiten) – oder aber mit ganzen Projektteams, je nachdem, für welche Arbeitsweise man sich im Seminar entschieden hat. Man trifft sich online – im Hangout, bei Duo, Skype, WhatsApp, bei Facetime, Zoom, Discord, im Facebook-Messenger oder mit Hilfe des Videoübertragungssystems „Big Blue Button“. Jede dieser Varianten hat Vor- und Nachteile. Beherrschen sollte man als Hochschullehrer inzwischen all diese Systeme – das meiste ist intuitiv gestaltet, vieles ergibt sich beim Ausprobieren. Denn auch das ist eine Erkenntnis dieser Zeit, wir alle sind geduldiger miteinander.

Der größte Unterschied in derart organisierter digitaler Lehre liegt nicht in der Technik selbst, er liegt darin, wie Gespräche online verlaufen, welche Schwerpunkte sie setzen und welche Inhalte ausgebreitet werden. Konsultationen für Seminararbeiten und Projekte, die zum Beispiel mittels Skype-Videotelefonie vorgenommen werden, sind meist deutlich effektiver als Sprechstunden, bei denen man sich im Seminarraum oder Büro trifft. Woran das liegt? Nun, Studieren hat immer etwas mit Denken, mit Kognition zu tun, im Büro, bei der Sprechstunde spielen in der direkten Begegnung Emotionen oft die wichtigere Rolle. Man ist sich unsicher, man glaubt, schnell zu verstehen, das Problem genau zu erfassen und erkennt später, dass man vielleicht doch noch eine Frage hätte stellen müssen; man achtet auf das Umfeld, auf Befindlichkeiten, Atmosphäre, Stimmung. Vieles davon fällt beim Online-Austausch weg.

Das sehen viele Manager übrigens als großen Nachteil von „Home-Office“, man darf es getrost auch mal als Vorteil formulieren: Online wird mehr inhaltlich nachgefragt. Bezogen auf Projektarbeiten sind zumindest im Studiengang Kommunikationsmanagement viele Studenten in diesem Semester, das einige Professoren schon als „Nichtsemester“ klassifizieren wollten, deutlich weiter als in den Jahren zuvor, in denen es selbstverständlich war, sich im Seminar persönlich zu treffen. Dafür aber gilt: Die Lehrangebote sind intensiv und anstrengend, Skype-Gespräche und -Konsultationen zu thematisch anspruchsvollen Arbeitsleistungen der Studenten sind zeitaufwändig, wer Onlinelehre ernstnimmt, arbeitet mehr.

Dr. Harald Rau (54) ist Professor für Kommunikationsmanagement an der Ostfalia Hochschule, zudem Medienökonom, Autor und Journalist.

In vier Teilen berichtet er über die digitale Lehre in Salzgitter-Calbecht.

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