Warum die Asse so marode ist

Wolfenbüttel  Die Instabilität des Atommüll-Lagers war von vorneherein klar. Doch wirklich gegengesteuert wurde erst spät.

Die Diagnose ist nüchtern: „Das Grubengebäude der Schachtanlage Asse II befindet sich im Zustand zunehmender Entfestigung (Verlust der Tragfähigkeit)“. So heißt es in einem Vermerk des Landesumweltministeriums vom 29. Januar 2009.

An diesem Tag haben sich Behördenvertreter und Wissenschaftler, darunter vom Institut für Gebirgsmechanik in Leipzig, zu einem offiziellen „Fachgespräch“ zur Lage in der Asse getroffen. Die Experten kommen zum Ergebnis, dass „bis 2020“ eine „Resttragfähigkeit des Grubengebäudes“ gegeben sei.

Die Aussage gilt bis auf weiteres immer noch. Das heißt nicht etwa, dass die Grube 2020 zusammenkracht. Eine aktuellere Prognose würde wohl zu anderen Zahlen führen. Es heißt aber, dass Atommüll in einem instabilen Bergwerk liegt. „Es ist schon ein mulmiges Gefühl, nicht zu wissen, wie lange das Bergwerk noch stabil sein wird“, sagt der damalige Bundesumweltminister Sigmar Gabriel.

„Ein Indiz für die Standfestigkeit der Asse sind die Verformungen im Gestein, die messbar sind“, heißt es beim Bundesamt für Strahlenschutz. Also misst man, und das an vielen Stellen. Dabei gibt es auch mal positive Überraschungen, zum Beispiel weniger starke Verschiebungen im Deckgebirge als erwartet.

Doch die große Bedrohung bleibt: Seit mindestens 1988 gibt es erhebliche Laugenzuflüsse aus dem Deckgebirge. Würden diese Zuflüsse stark zunehmen, was jederzeit möglich ist, gäbe es eine neue Lage. Jede Bewegung im Berg aber kann neue Wege für noch mehr Zuflüsse öffnen. „Im Extremfall nicht mehr beherrschbar“ nennt das Bundesamt diese Problemlage. Die Behörde arbeitet fortlaufend an einer Notfallplanung. Dass die Asse nicht sicher ist, davor haben Experten schon früh gewarnt.

1928 betont der Berliner Wissenschaftler Erich Harbort in einem Gutachten, dass man beim Abteufen des Schachtes Asse II nur „zufällig einen verhältnismäßig günstigen Punkt gefunden hatte“. 1962 erklärt das Oberbergamt Clausthal, dass die Asse aus Sicherheitsgründen nicht zum Einlagern von Atommüll geeignet sei. Schon die Grundgeologie gilt wegen Rissen als problematisch. Hinzu kommen massive Beeinträchtigungen der Stabilität durch den Salzabbau: Es wurden etliche Hohlräume geschaffen. Zum bekanntesten Warner wird später der Wissenschaftler Helge Jürgens (siehe Text unten).

Doch Bundesregierung und -behörden sowie die Industrie wollen sich die billige „Entsorgung“ des Atommülls nicht kaputtmachen lassen.

Die Bundesanstalt für Bodenforschung, Sitz in Hannover, stellt der Asse ebenso wiederholt ein gutes Zeugnis aus wie die Wissenschaftler von der Gesellschaft für Strahlenforschung. „Ein Wassereinbruch wie auf der Schachtanlage Asse I ist hier (...) ausgeschlossen“, heißt es in einer Broschüre von 1973.

Der Laugeneinbruch von 1988 ist da zwar noch weit entfernt. Doch zunehmend werden „bergtechnische Gegenmaßnahmen“ gegen die Verformungen des Bergwerks gefordert, so im Mai 1979 von der Bundesanstalt für Geowissenschaft und Rohstoffe. Der Bund als Asse-Eigentümer blockt das Verfüllen lange ab, wegen der Kosten. Doch dann kommt es doch dazu: „Zur Stabilisierung der Südflanke des Bergwerks wurden von August 1995 bis Anfang 2004 in die Abbaue rund 2,2 Mio. Tonnen Salz von der Halde Ronnenberg bei Hannover eingebracht“, heißt es in einem Bericht des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Material aus der Asse selbst ist in geringerem Umfang schon verfüllt worden.

„Einsturzgefährdet“, das klingt dem Bundesamt für Strahlenschutz als Zustandsbeschreibung heute zu pauschal. „In Gänze“ könne aufgrund der vielen Stabilisierungsarbeiten das Tragsystem gar nicht mehr versagen, heißt es bei den Experten. „Da muss man differenzieren“, hat auch der Geologe Ralf Krupp von der Asse-II-Begleitgruppe im Landkreis Wolfenbüttel erklärt. Bei den Einlagerungskammern auf der 750-Meter-Sohle seien zum Beispiel 50 Meter mächtige Steinsalz-Barrieren zum Nebengebirge vorhanden. „Dort ist die Situation weniger kritisch einzuschätzen als in der Mitte des Abbaufeldes“, so der Wissenschaftler.

Doch welche Kräfte am Werk sind, zeigt sich im November 2012: „Die Decke der Einlagerungskammer 7 in 750 Meter Tiefe hat sich gesenkt“, teilt die Asse GmbH mit. Bei Probebohrungen treffen die Bergleute die Kammer nicht. Fast drei Meter liegt sie unter dem Bohrloch.

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