Berlin. Deutschland verpasst schon wieder das Klimaziel im Verkehrssektor. Lernen könnte man von Norwegen – wo E-Autos längst Mainstream sind.

Die Zahlen, die Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) und Dirk Messner, Chef des Umweltbundesamts, am Freitagmorgen für den Verkehrssektor präsentierten, waren keine Überraschung: 146 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente verursachte der Verkehr 2023 in Deutschland, kaum weniger als im vergangenen Jahr. Das Klimaziel für das vergangene Jahr: Um 13 Millionen Tonnen verpasst, und das mit Ansage.

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Die dringend nötige Trendwende beim Klimaschutz im Verkehr lässt auf sich warten. Der Sektor ist ein Sorgenkind der deutschen Klimaschutzbemühungen. Seit 1990 sind die Emissionen hier nur wenig gesunken, ihr Anteil am gesamten deutschen Ausstoß an Treibhausgasen dafür deutlich gestiegen. Das letzte Mal, dass im Verkehr die im Klimaschutzgesetz festgeschriebene Höchstgrenze für Treibhausgas-Emissionen eingehalten wurde, war 2020 – als die Menschen wegen Corona zu Hause bleiben mussten.

Norwegen: 90,9 Prozent der neu zugelassenen Autos waren elektrisch

Deutschland steht mit dem Problem nicht allein, auch viele europäische Nachbarn tun sich schwer, strukturell den CO₂-Ausstoß im Transportsektor zu senken. Mit einer Ausnahme: Norwegen, wo E-Mobilität längst Mainstream ist.

Nach Angaben des norwegischen E-Auto-Verbands machen vollelektrische Pkw dort ein Viertel der im Bestand aus, dazu kommen 7,2 Prozent Elektro-Hybride. Unter den Neuzulassungen haben E-Autos inzwischen uneinholbar die Nase vorn: 90,9 Prozent der in Norwegen im Februar neu zugelassenen Autos waren elektrisch angetrieben. Und auch die Ziele des Königreichs für die Zukunft sind ambitioniert: Bis 2025 sollen alle neuen Pkw und kleine Vans emissionsfrei fahren, bis 2030 auch Lkw.

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    Zum Vergleich: In Deutschland fahren gerade einmal rund drei Prozent aller zugelassenen Pkw rein elektrisch, dazu kommen zwei Prozent Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge. Unter den Neuzulassungen lag der Anteil reiner E-Autos im Februar bei 12,6 Prozent.

    Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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    Der Effekt zeigt sich auch in den Emissionsdaten des skandinavischen Landes. 2015 erreichte der Treibhausgasausstoß des Landes im Straßenverkehr einen Höchststand, seitdem sinken die Emissionen beständig. Rund 15 Prozent wurden seitdem eingespart.

    Autokauf: In Norwegen gab es lange keine Mehrwertsteuer auf E-Autos

    Dass E-Mobilität in Norwegen einen solchen Grad an Selbstverständlichkeit erreicht hat, liegt vor allem an langjähriger und gezielter Förderung. So sparten Käufer von E-Autos unter anderem für lange Zeit vollständig die 25 Prozent Mehrwertsteuer, die beim Kauf eines Autos sonst anfallen. Zudem haben Gemeinden Spielraum, die Nutzung von E-Autos attraktiver zu machen, etwa indem diese auch die Busspur benutzen dürfen. So erfolgreich war dieser Kurs, dass ein Teil der Anreize inzwischen wieder zurückgefahren wurde. Ab einem gewissen Einkaufspreis etwa müssen Käufer von E-Autos inzwischen wieder teilweise Mehrwertsteuer zahlen.

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    Um im Verkehrssektor endlich Fortschritte im Klimaschutz zu machen, kommt laut Expertinnen und Experten auch Deutschland nicht daran vorbei, die Verbrenner im großen Stil durch E-Autos zu ersetzen. „Die Antriebswende ist der größte Hebel, den wir für Klimaschutz im Verkehr haben“, sagt Meike Jipp, Bereichsvorständin für Energie und Verkehr beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Je mehr klimaverträgliche Autos fahren, desto eher würden die Klimaziele im Verkehr erreicht.

    In Norwegen sind E-Autos selbstverständlich.
    In Norwegen sind E-Autos selbstverständlich. © picture alliance/dpa/dpa-tmn | Thomas Geiger

    Die Ampel-Koalition hat deshalb als Zielmarke gesetzt, dass bis 2030 15 Millionen E-Autos auf deutschen Straßen unterwegs sein sollen. Doch es gibt große Zweifel, ob diese Zahl erreicht werden kann. Zwar sei die Zahl der E-Autos in den vergangenen Jahren schneller gestiegen als erwartet, sagt Jipp, aber eben nicht schnell genug. Norwegen habe die entsprechenden Maßnahmen „stringent und über lange Zeit durchgezogen“, sagt sie. „Deutschland ist im Vergleich viel zögerlicher.“

    Experten sicher: Was in Norwegen klappt, könnte auch hier funktionieren

    Will die Politik dafür sorgen, dass Deutschland sich den norwegischen Zahlen nähert, müsse sie deshalb unterm Strich dafür sorgen, dass E-Autos finanziell attraktiver werden und Verbrenner teurer. Eine Neuauflage des ausgelaufenen Umweltbonus etwa, sagt Jipp, hätte einen großen Effekt.

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    Was in Norwegen funktioniert hat, lasse sich mindestens zum Teil auch auf Deutschland übertragen, sagt auch Jens Hilgenberg, Verkehrsexperte beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Die großen Steuerrabatte für Elektroautos etwa, „das war keine direkte Subvention, sondern ein Steuerverzicht“, sagt Hilgenberg. „So könnte man auch in Deutschland agieren.“ Auch bei der Kfz-Steuer könnten schnell Anreize für einen Antriebswechsel gesetzt werden, wenn diese kleine, ressourceneffiziente E-Autos begünstigen würde, sagt er. „Das kann auch aufkommensneutral gestaltet werden, wenn dafür besonders klimaschädliche Wagen höher besteuert werden.“ Der BUND hält zudem eine Änderung bei der Dienstwagenbesteuerung nötig. „Davon profitieren aktuell in erster Linie die Besserverdienenden, auch da könnte man E-Mobilität deutlich attraktiver machen.“

    Die Ampel-Koalition will das Problem bislang allerdings anders lösen. Nach dem Klimaschutzgesetz müsste auf verpasste Klimaziele eigentlich ein Sofortprogramm für die entsprechenden Sektoren folgen. Im vergangenen Jahr wären das der Verkehrs- und der Gebäudesektor gewesen. Das blieb die Bundesregierung jedoch schuldig. Stattdessen setzen SPD, Grüne und FDP auf eine Neufassung des Klimaschutzgesetzes mit weniger strengen Regeln. Vom Kabinett ist der entsprechende Gesetzentwurf bereits beschlossen, im Bundestag geht es derzeit allerdings nicht voran.