Brüssel. Wann startet die europäische Trägerrakete Ariane 6? Die Weltraumagentur ESA nennt einen Termin – und will Europäer zum Mond schicken.

Es ist ein schwerer Rückschlag für Europas große Raumfahrt-Pläne: Wenn die Europäische Weltraumorganisation (ESA) ihre Satelliten ins Weltall schicken will, muss sie jetzt den schillernden US-Milliardär Elon Musk um Hilfe bitten. Für den Transport von vier Satelliten des Galileo-Navigationssystems und weiteren Satelliten zur Erdbeobachtung blieb der ESA zuletzt keine Wahl, als teure Mitflugplätze bei der Konkurrenz zu buchen – auf der Trägerrakete Falcon 9 von Musks Unternehmen SpaceX.

Der Grund: Europa hat trotz großer Ambitionen aktuell keine eigene größere Trägerrakete zur Verfügung: Die Ariane 5 ist seit vergangenem Sommer planmäßig ausgemustert – die Nachfolgerakete Ariane 6, die eigentlich ab 2019 fliegen sollte, ist noch immer nicht am Start.

ESA bläst zur Aufholjagd im All

Jetzt bläst die ESA zu Europas Aufholjagd im All. Erster Schritt: Zwischen Mitte Juni und Ende Juli soll endlich der Erstflug der 63 Meter hohen Trägerrakete Ariane 6 vom europäischen Weltraumbahnhof in Französisch-Guyana starten, erklärte ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher bei der Vorstellung des Jahresprogramms der Organisation. So soll Europa seinen autonomen Zugang zum Weltraum zurückgewinnen – schließlich ist es Aufgabe der ESA, der Deutschland und 21 weitere Staaten angehören, die technologische Unabhängigkeit des Kontinents im All zu sichern.

Die fehlende Trägerrakete gilt als das derzeit größte Problem der ESA. Doch es geht um mehr. Europas Weltraumexperten sind besorgt, dass der Kontinent beim neuen globalen Wettrennen im All ins Hintertreffen gerät, und fordern ein stärkeres Engagement: Die Alarmglocken läuteten schon für Europa, erklärte Aschbacher kürzlich. Zum Jahresauftakt bekräftigt der ESA-Chef das große Ziel einer Mondmission mit europäischen Astronauten. Ein Schritt ist die Teilnahme an der geplanten Nasa-Mission Artemis, für die Europa das Antriebs- und Servicemodul liefert. Es wird federführend von Airbus in Bremen gebaut.

Vor allem die USA und China liefern sich einen neuen Wettlauf um bemannte Mondmissionen. Die ESA will, dass auch Europäer auf dem Mond landen.
Vor allem die USA und China liefern sich einen neuen Wettlauf um bemannte Mondmissionen. Die ESA will, dass auch Europäer auf dem Mond landen. © DPA Images | Jens Büttner

Bei der von der Nasa kürzlich auf September 2025 verschobenen Mondumrundung Artemis 2 sind zwar noch keine Europäer dabei, für drei weitere Flüge ist aber jeweils ein Platz gebucht; Artemis 3 zur bemannten Landung auf dem Mond soll nun 2026 starten. Aus Deutschland kommen derzeit zwei ESA-Astronauten für eine Mondmission infrage: Alexander Gerst und Matthias Maurer.

Weltraum-Flug mit eigenem Raumschiff? ESA hat große Pläne

Mittel- und langfristig aber will die ESA europäische Astronauten unabhängig in den Weltraum bekommen – sogar mit einem eigenen Raumschiff, wenn es nach Aschbacher geht. Mit dem Spitzenreiter USA und auch mit China, das 2030 eine bemannte Mondlandung plant, werde Europa im Weltraum zwar nicht mithalten können. Mit Indien, das 2035 eine eigene Raumstation ins Weltall bringen will und 2040 den ersten Astronauten auf dem Mond spazieren lassen möchte, aber schon. Die Linie der ESA ist klar: Europa dürfe hier nicht den Anschluss verlieren, weil viele geo-, sicherheits- und wirtschaftspolitische Aspekte zusammenspielten.

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Das Debakel mit Ariane 6 will Europas Weltraumorganisation deshalb als Weckruf verstehen. Die Ariane 5 war eigentlich eine Erfolgsgeschichte, sie galt als besonders zuverlässig. In das Nachfolgemodell hat Europa schon vier Milliarden Euro investiert, knapp eine Milliarde zahlte Deutschland. Wegen der Corona-Pandemie und technischer Schwierigkeiten bei der Abtrennung der Raketenstufen und der Boden- und Flugsoftware musste der Jungfernflug ins All immer wieder verschoben werden.

Die Ariane 5 beim Start vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana. Inzwischen ist sie ausgemustert, das Nachfolgemodell Ariane 6 ist aber noch nicht am Start.
Die Ariane 5 beim Start vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana. Inzwischen ist sie ausgemustert, das Nachfolgemodell Ariane 6 ist aber noch nicht am Start. © picture alliance / dpa | S Martin / Arianespace Cnes/Csg

Probleme bei der ESA: Elon Musk hilft gerne aus

Zugleich ist mindestens bis November auch die kleinere Trägerrakete Vega-C ausgefallen, sodass auch kommerzielle Satellitenbetreiber auf private US-Unternehmen angewiesen sind. SpaceX übernimmt gern: Elon Musks Unternehmen hat die Europäer inzwischen mit deutlich günstigerer Technologie überholt.

Lesen Sie auch: Nach Tesla und SpaceX – Die Fast-Food-Pläne von Elon Musk

Die Falcon-9-Rakete, die auch Musks eigene Starlink-Satelliten ins All bringt, ist schon 250-mal gestartet, bis zu viermal pro Woche beginnt in den Raumfahrtzentren in Florida und Kalifornien ein Flug – Europas Ariane 5 schaffte sieben Starts im Jahr. Vor allem: Die ausgebrannte Hauptstufe der Falcon 9 fällt nicht ins Meer, sondern kehrt wenige Minuten nach dem Start zurück und kann für den nächsten Flug wieder eingesetzt werden.

Europa will beim Bau von Raketen wettbewerbsfähig werden

Die weltweit einzigartige Wiederwendbarkeit und die Serienproduktion sind Musks Erfolgsrezept. Die ESA versichert zwar, die von der deutsch-französischen Ariane-Group gebaute Ariane 6 werde „sehr wettbewerbsfähig“ sein, 28 Flüge seien bereits gebucht. Doch der Wettbewerbsnachteil der Europäer ist offensichtlich: Die ESA musste bisher alle Mitgliedsstaaten im Verhältnis ihres finanziellen Beitrags an den Industrieaufträgen beteiligen. So wird der ohnehin hochkomplexe Raketenbau noch komplizierter: 600 Zulieferunternehmen aus 13 Ländern sind an der Ariane 6 beteiligt. Nun zieht Europa Konsequenzen: „Wir müssen beim Bau der Trägerraketen Wettbewerb herstellen“, heißt es in der ESA.

Josef Aschbacher, Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation ESA.
Josef Aschbacher, Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation ESA. © picture alliance/dpa | Jens Kalaene

Das funktioniere schon sehr gut im Satellitenbau, bei dem Europas Raumfahrtindustrie im weltweiten Vergleich sehr gut dastehe. Die ESA-Mitgliedstaaten haben nun auch für den Raketenbau einen Paradigmenwechsel vereinbart: Die Weltraumorganisation wird die Rakete nicht mehr von Anfang bis Ende entwickeln, sondern als „Ankerkunde“ auftreten, den Nutzerbedarf definieren und wichtige Technologiebausteine beisteuern – aber den Flug als Dienstleistung einkaufen. Aschbachers Ziel ist ein „Wettbewerb um die beste Rakete für Europa“ – genau der Ansatz, der in Amerika Erfolg gebracht habe.