Firmen in der Krise – Ausbildung hat keine Priorität mehr

Braunschweig.  Die Kammern rechnen mit deutlich weniger Lehrstellen als in den Vorjahren. Viele Unternehmen warten ab.

Die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen in unserer Region ist rückläufig – teilweise im zweistelligen Bereich.

Die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen in unserer Region ist rückläufig – teilweise im zweistelligen Bereich.

Foto: Jürgen Runo / DPA

Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise könnten auch den Ausbildungsmarkt in diesem Jahr deutlich ausbremsen. Für den April melden alle Arbeitsagenturen in unserer Region sieben bis acht Prozent weniger Lehrlingsstellen als noch vor einem Jahr. Den Agenturen zufolge warten die Arbeitgeber derzeit noch mit der Entscheidung, ob sie junge Menschen in diesem Jahr ausbilden. „Es ist nachvollziehbar, dass für viele Betriebe das Thema Ausbildung derzeit nicht an erster Stelle steht. Wir hoffen dennoch, dass die Zahl der gemeldeten Ausbildungsplätze noch steigen wird“, sagt Ulf Steinmann, Leiter der Agentur für Arbeit Helmstedt. Gerald Witt, Chef der Arbeitsagentur Braunschweig-Goslar, betonte: „Es gibt auch eine Zeit nach Corona und wir werden wieder stärker über den Fachkräftemangel sprechen.“

Im Bereich der Industrie- und Handelskammern (IHK) Niedersachsen wurden bis 30. April
18 Prozent weniger Ausbildungsverträge geschlossen. Im Braunschweiger IHK-Bezirk waren es 15 Prozent weniger, im IHK-Bezirk Lüneburg-Wolfsburg sind 7,3 Prozent weniger Verträge geschlossen worden als noch im Vorjahr, wie die Kammern mitteilten. „Auch wenn das noch ein moderater Rückgang ist, gehen wir davon aus, dass die Eintragungszahlen bis zum Ende des Jahres deutlich rückläufig sein werden, teils bedingt durch die Corona-Krise, teils bedingt durch den fehlenden Abiturjahrgang“, erklärte der Ausbildungsexperte der IHK Lüneburg-Wolfsburg, Sönke Feldhusen.

Denn rückläufige Stellenangebote treffen auch weniger Schulabgänger. Da Niedersachsens allgemeinbildende Schulen zum Abitur nach neun Jahren zurückkehren, wird es dort in diesem Sommer keinen Abiturjahrgang geben. Allein für den Arbeitsagentur-Bezirk Braunschweig-Goslar, zu dem auch Salzgitter und Wolfenbüttel gehören, bedeutet das laut der Arbeitsagentur rund 1600 Absolventen weniger. Normalerweise verlassen in dem Bezirk jedes Jahr rund 2.000 Abiturienten die Schule, dieses Jahr werden es nach Agentur-Prognosen keine 400 sein.

Handwerksbetriebe sind verunsichert

Doch zurück zur Krise: Laut IHK-Experte Feldhusen hätten viele Unternehmen bereits signalisiert, dass sie angesichts der schwierigen Wirtschaftslage nicht daran denken würden, weniger Auszubildende einzustellen. Im Handwerksbereich sieht es anders aus. Laut einer Umfrage der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade planen 43 Prozent der befragten Betriebe, mindestens genauso viele Ausbildungsstellen anzubieten wie im Vorjahr. 28 Prozent gaben jedoch an, in diesem Ausbildungsjahr weniger Lehrlinge einstellen zu wollen. Diese Zahl ist aber nach Ansicht des stellvertretenden Hauptgeschäftsführers Matthias Steffen eine Momentaufnahme – und geprägt von der derzeitigen Corona-Krise. „Viele Unternehmen sind derzeit verunsichert. Umsatzeinbußen und Auftragsrückgänge führen deshalb zu Vorsicht und Zurückhaltung“, erklärt Steffen.

Arbeitsagentur-Chef Witt rechnet bisher nicht mit einem spürbaren Rückgang der Ausbildungsstellen. Viele Auswahlprozesse zur Azubi-Rekrutierung seien bereits vor März abgeschlossen gewesen. Doch auch in den besonders hart von dem Corona-Shutdown betroffenen Branchen gibt es bereits Betriebe, die vermelden, weniger Lehrlinge in diesem Jahr anstellen zu wollen. So etwa das Steigenberger Parkhotel in Braunschweig. Normalerweise bildet es jedes Jahr sechs Hotelfachleute aus, dieses Jahr werden es wohl nur die Hälfte sein, berichtet der Hoteldirektor Joost Smeulders. „Wir bilden weiterhin aus, Corona hat aber einen Einfluss auf die Anzahl der Ausbildungsplätze. Wir müssen sie auf das Geschäftsaufkommen anpassen“, erklärte er.

Auch der Einzelhandel, der keine Lebensmittel vertreibt, war von den wochenlangen Schließungen hart getroffen. „Dort erwarten wir ganz deutliche Einbrüche bei den Ausbildungsstellen, vor allem im Bereich Mode“, sagte Sebastian Wertmüller, Bezirksgeschäftsführer der Gewerkschaft Verdi. Der Braunschweiger Mode-Riese New Yorker teilte hingegen auf Anfrage mit, in diesem Jahr regulär auszubilden. Eine Sprecherin: „Wir sind trotz der aktuellen Ausnahmesituation stolz darauf, die Anzahl der Planstellen auf dem gleichen Level wie in den Vorjahren zu halten.“ Auch das Traditionskaufhaus WKS in Wolfsburg will in diesem Jahr ausbilden – obwohl es wegen der Corona-Krise Ende März Insolvenz anmelden musste. Geschäftsführer Matthias Lange erklärte allerdings, dass in den vergangenen Jahren im Textil-Einzelhandel nicht das Stellenangebot das Problem gewesen sei, sondern die Nachfrage. „Wir hatten 2018 und 2019 Mühe, überhaupt junge Menschen zu finden, die eine Ausbildung machen wollen“, so Lange.

Auch im Handwerk sind Angebot und Nachfrage längst nicht ausgeglichen – Stichwort Fachkräftemangel. Carsten Richter, Chef der Richter Altstadtbäckereien, die unter anderem in Wolfenbüttel und Braunschweig verkaufen, glaubt, dass sich die Ausbildungssituation in den kommenden zwei Jahren entspannen werde. „Weil wir ja leider auf eine Rezession zusteuern und die Industrie nicht mehr über Maß ausbilden wird“, sagte er. Weil die Cafés schließen mussten und Sortiment verkleinert wurde, haben auch Bäckereien Einbußen im Corona-Shutdown erlebt. Bei Richter waren es nach eigenen Angaben bis zu 30 Prozent Umsatzverlust in der Spitze. Dennoch will der Bäcker- und Konditormeister auch in diesem Jahr ausbilden. „Ich plane meinen Betrieb ja nicht nur bis übermorgen und muss Fachpersonal nachziehen“, sagt er. Auch bei der Löwenbäckerei Schaper beeinflusst die Krise das Ausbildungsangebot nach eigenen Angaben nicht.

In der Gastronomie, die seit dem 11. Mai in Niedersachsen wieder öffnen darf, sei die Ausbildungssituation erst einmal zweitrangiges Thema, erklärt Katja Derer, Bezirks-Geschäftsführerin der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). „Sie hat jetzt mit den Öffnungen zu tun.“ Eine Blitzumfrage unter 50 Industrie- und Handwerksbetrieben im Bereich der NGG in unserer Region vor wenigen Wochen habe bisher keine Erkenntnisse darüber geliefert, dass die Ausbildungsquote einbrechen könnte. „Wir sind aktuell eher in Sorge, dass Auszubildende über Gebühr in die Pflicht genommen werden in der jetzigen Wiederöffnungsphase“, sagt Derer. Sie seien billiger als reguläre Mitarbeiter, die womöglich noch länger in Kurzarbeit gelassen werden könnten. „Es gibt leise Anzeichen, die sich in dieser Richtung anbahnen“, so die NGG-Geschäftsführerin.

Veranstaltungsbranche ist der „Stecker gezogen“

In Kurzarbeit sind auch weiterhin die Beschäftigten in der Veranstaltungsbranche. Nahezu jede Veranstaltung wurde sei März abgesagt – Firmenevents, Messen, Hochzeiten. „Wir sind komplett auf Null heruntergefahren“, erzählt Kai Blome von der Braunschweiger Event-Agentur Blome & Pillardy. Die Agentur ist auf Firmenveranstaltungen spezialisiert und beschäftigt an drei Standorten 21 Mitarbeiter. Viele Kunden hätten geplante Veranstaltungen verschoben und schon erbrachte Leistungen fair bezahlt, berichtet der Agentur-Inhaber. „Das lässt uns ohne Existenzängste schlafen“, sagt er. Ob sie in diesem Jahr wieder Auszubildende einstellen, hätten sie angesichts der aktuellen Krisensituation schon überlegt. Aber weil jetzt schon klar sei, dass sie nächstes Jahr sehr gut zu tun hätten, würden sie doch angehende Veranstaltungskauffrauen und -männer ausbilden. „Wir saßen gestern erst zusammen, um Bewerbungen zu sichten“, berichtet Blome. Je nachdem, wie lange die Corona-Beschränkungen aber fortgeführt werden, könnte es sein, dass sie die Lehre verspätet starten lassen und nicht zum 1. August. „Mal abwarten“, sagt Blome.

Coronavirus in Niedersachsen- Alle Fakten auf einen Blick

Coronavirus in der Region – hier finden Sie alle Informationen

Ein späterer Ausbildungsbeginn ist laut den Industrie- und Handwerkskammern (IHK) gut bis Ende September möglich. „Es muss nicht traditionell der 1. August sein“, sagt Anja Klockenhoff von der IHK Braunschweig. Auf diese Möglichkeit will vielleicht auch Wolf Zenker, Chef der Veranstaltungs-GmbH Meetcon zurückgreifen. Bisher sehe die Planung des Braunschweiger Unternehmens jedoch vor, auf einen neuen Auszubildenden zu verzichten. Das siebenköpfige Unternehmen bildet seit 2001 aus. „Sollte sich die Perspektive in den kommenden Wochen noch ändern, bilden wir dieses Jahr vielleicht doch noch aus“, sagt Zenker. Bei Kunden sei derzeit aber eine starke Zurückhaltung spürbar. Dirk Wöhler, Inhaber von WMS Event, berichtet ebenfalls: „Seit März ist uns der Stecker gezogen.“ Demotivierend seien die täglichen Erinnerungen des Kalenders, welche Veranstaltung eigentlich stattfinden würde. Die Perspektive für die Veranstaltungsfirma sei zwar da, aber ob er Auszubildende in diesem Jahr einstellt, dahinter macht auch Wöhler noch ein Fragezeichen. Auch, ob die Übernahme der zwei jetzt auslernenden Azubis finanzierbar sei, wäre noch fraglich.

VW und Salzgitter AG bilden planmäßig aus

Der größte Arbeitgeber in unserer Region – Volkswagen – bereitet die Auswahl und Einstellung der Azubis wie geplant vor, wie eine Sprecherin mitteilte. Nachwuchs sei besonders in der Zeit der Transformation gefragt, „gerade mit Blick auf die neuen Technologien“. Bei Salzgitter Flachstahl hat sich das Ausbildungsplatzangebot für 2020 auch nicht verändert. Inwieweit sich Corona auf die Stellen im kommenden Jahr auswirke sei heute allerdings noch nicht abzusehen, erklärte ein Sprecher. Im weiteren Industriesektor, erklärt Eva Stassek, Erste Bevollmächtigte der IG Metall Braunschweig, stellt die Gewerkschaft nur eine leicht rückläufige Zahl der Ausbildungsplätze fest. Das hätten zwei Abfragen im ersten Quartal bei Betriebsräten ergeben.

Die Erste Bevollmächtigte, warnt davor, nun an Lehrstellen zu sparen: „Die kurzfristige Einstellung der Ausbildung bringt Fachkräfte-Probleme – in drei bis vier Jahren.“ Auch Arbeitsagentur-Chef Witt sagt: „Wer jetzt nicht ausbildet, schießt ein unternehmerisches Eigentor.“

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (1)