Neue Modelle – VW, BMW und Mercedes-Benz unter Strom

Die Produktion des rein elektrischen SUV ID.4 der Marke VW soll noch in diesem Jahr in Zwickau anlaufen. 

Die Produktion des rein elektrischen SUV ID.4 der Marke VW soll noch in diesem Jahr in Zwickau anlaufen. 

Foto: VW

Wolfsburg. Das Coronavirus hat zwar den Genfer Automobilsalon in der Schweiz verhindert, nicht aber den Präsentationsehrgeiz der Autobauer. Am Dienstag, der eigentlich der erste Ausstellungstag in Genf gewesen wäre, veröffentlichten unter anderem VW, BMW und Mercedes-Benz ihre Pläne für die nahe Zukunft. Und die drehen sich ganz stark um das Thema Elektro-Mobilität. Die Hersteller stehen buchstäblich unter Strom – das gilt nicht nur für den Ausbau der Hybrid-Flotte, sondern auch des Angebots rein elektrischer Fahrzeuge, um die es in diesem Bericht gehen soll.

Die Marke VW will in diesem Jahr nicht nur ihr rein elektrisches Kompaktmodell ID.3 auf den Markt bringen, zum Jahresende soll zudem die rein elektrische Geländelimousine (SUV) ID.4 folgen, die über eine Reichweite bis 500 Kilometer verfügen soll. Der Produktionsstart ist Mitte des Jahres geplant, erste Modelle sollen dann Ende des Jahres ausgeliefert werden.

Auch Mercedes-Benz baut sein Angebot rein elektrischer Modelle aus. So soll Mitte des Jahres die Großraumlimousine EQV auf den Markt kommen, Ende des Jahres wollen die Stuttgarter zudem das Kompakt-SUV EQA vorstellen. Diese Autos ergänzen die bisherigen Stromer Smart EQ und das SUV EQC.

Als Frontalangriff auf den US-Autobauer Tesla, der eine Fabrik in Brandenburg bauen will, darf wohl der rein elektrische Concept I4 von BMW gewertet werden. Die Münchner wollen die Serienproduktion des Coupés im nächsten Jahr in München anlaufen lassen und versprechen bis zu 600 Kilometer Reichweite und eine Leistung bis zu 530 PS. Der Concept I4 ist nach dem kompakten I3 das zweite rein elektrische Modell von BMW.

„Die vorgestellten Projekte sind der wichtige Beginn für die Transformation der Branche“, sagte Professor Stefan Bratzel, der das Autoinstitut der Fachhochschule in Bergisch Gladbach leitet, unserer Zeitung. Für diese Transformation gebe es zwei Triebfedern. Mit der Erweiterung ihrer elektrifizierten Modelle reagieren die Hersteller auf die sich verschärfenden CO2-Grenzwerte. Werden die nicht eingehalten, drohen empfindliche Bußgelder. Nach Einschätzung Bratzels werden die Autobauer die Grenzwerte in diesem Jahr zwar einhalten können. Im nächsten Jahr werde dies aber deutlich schwieriger, weil Sonderregelungen entfielen.

„Deshalb müssen die Hersteller die Kunden überzeugen, die neuen Autos zu kaufen“, sagte Bratzel. Ein entscheidendes Kaufkriterium sei aber von den Autobauern nicht alleine zu beeinflussen: die Ladeinfrastruktur. Der Autoexperte fordert daher mehr staatliches Engagement beim Aufstellen von Ladesäulen. „Das ist ganz wichtig für die Verlässlichkeit.“ Dabei sei Eile geboten, weil Deutschland im europaweiten Vergleich Nachholbedarf habe. Tatsächlich will die Bundesregierung am Mittwoch einen Gesetzesentwurf beschließen, der das Laden erleichtern soll, wie die Deutsche Presse-Agentur berichtete. So sollen zum Beispiel künftig bei Neubauten oder Renovierungen Rohre für die entsprechenden Leitungen gleich mit verlegt werden.

Bratzel will den Ausbau der E-Auto-Flotte deutscher Hersteller aber nicht allein auf die strengere CO2-Gesetzgebung zurückführen. Bei den Unternehmen habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass sie bei der technischen Entwicklung der E-Mobilität nicht weiter zurückfallen dürften – das gelte besonders mit Blick auf Tesla.

Das US-Unternehmen habe bei der Batteriezellen- und bei der Batteriemanagement-Kompetenz einen Vorsprung, den die deutschen Autobauer erst nach fünf bis sieben Jahren aufholen könnten. So setze Tesla etwa bei der Produktion von Batteriezellen vergleichsweise wenig von dem Rohstoff Kobalt ein. Beim Batteriemanagement, mit dem unter anderem das Laden gesteuert wird, sei Tesla mit seiner Software führend. Das Batteriemanagement sei ein entscheidender Faktor für die Reichweite der E-Autos und die Lebensdauer der Batterie. „Am Ende geht es um Kosten, von denen der wirtschaftliche Erfolg abhängt“, sagte Bratzel.

Und er spannte den Bogen noch weiter. Eng verwandt mit dem Batteriemanagement sei die Vernetzung der E-Fahrzeuge, die Software sei jeweils entscheidend. Bratzel: „Beim Betriebssystem für das Fahrzeug und beim Over-the-Air-Update hat Tesla noch Jahre Vorsprung.“ Nur mit großen Anstrengungen könnten die deutschen Autobauer aufschließen. „Sie haben sogar die Chance, zum Marktführer aufzusteigen. Dabei können vor allem die Baukastensysteme helfen.“

VW will das SUV ID.4 in Deutschland, den USA und in China produzieren. In Deutschland soll der Stromer zunächst mit dem ID.3 im eigens umgerüsteten Werk Zwickau gebaut werden, ab 2022 dann im Werk Emden, das ebenfalls umgerüstet werden soll. Zwickau verfügt über eine Kapazität von 330.000 Fahrzeuge im Jahr. Neben ID.3 und ID.4 sollen in Sachsen auch Stromer der Konzerntöchter Audi und Seat produziert werden. Für dieses Jahr peilt VW zunächst ein Produktionsvolumen von 100.000 Autos an. Obwohl in der jüngeren Vergangenheit immer wieder von Software-Problemen bei den neuen Modellen zu hören war, hält VW an seiner Aussage fest, dass der ID.3 wie geplant produziert und ausgeliefert werde. Ob diese Prognose bestand hat, wird sich spätestens im Sommer zeigen, dann soll die ID.3-Auslieferung anlaufen.

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