Vollsperrungen in Sierße – Gastronom fürchtet um Existenz

Sierße.  Olaf Wehsner verbucht eine 30-prozentige Umsatzeinbuße wegen der Verkehrsbehinderungen im Zuge des Ausbaus der Ortsdurchfahrt.

Fürchtet um seine Existenz: Olaf Wehsner, Eigentümer und Betreiber der Gaststätte/des Hotels „Verdi“ in Sierße. 

Fürchtet um seine Existenz: Olaf Wehsner, Eigentümer und Betreiber der Gaststätte/des Hotels „Verdi“ in Sierße. 

Foto: Harald Meyer

Nein, auf eine solche Berichterstattung in der berühmten „Washington Post“ hat es Olaf Wehsner beileibe nicht abgesehen – dazu ist die Situation für sein „Verdi“ (Gaststätte mit Saal/Hotel) in Sierße auch viel zu ernst. „30 Prozent Umsatzeinbuße“ – so beschreibt der Gastronom die Folgen, die seinem Betrieb durch die Vollsperrungen im Zuge des Ausbau der Sierßer Ortsdurchfahrt (Bundesstraße 65) entstehen. In den 1950er-Jahren ist der Lessinghof in Braunschweig, den Wehsner ebenfalls betreibt, auch durch einen Straßenausbau gebeutelt gewesen: „Die ,Washington Post’ hat damals berichtet, die Gästen seien wegen der Straßensperrung mit dem Hubschrauber zum Lessinghof gebracht worden.“

So etwas ist heute in Sierße nicht denkbar, und so hofft Wehsner auf andere Lösungen. Seit März ist die Bundesstraße 65 in Sierße (Ahornallee) für den Durchgangsverkehr voll gesperrt, bis Mai des nächsten Jahres sollen die Arbeiten fertig sein – erfahrungsgemäß gibt es allerdings bei solchen Straßenausbauvorhaben immer wieder Verzögerungen. Vollsperrung – das bedeutet für Sierße: Die Bundesstraße 65 ist – von Vechelde und von Peine kommend – in Sierße gesperrt, gleiches gibt für die Kreisstraße in Sierße – von Bettmar kommend. „Sierße ist quasi von der Außenwelt abgeschnitten“, beschreibt Wehsner mit einer Portion Sarkasmus.

Denn für einen Gaststätten- und Hotelbetrieb wie das „Verdi“ ist das die Höchststrafe: „Ich bin auf die auswärtigen Gäste angewiesen – sie müssen zu mir mit dem Auto gelangen können“, beschreibt der Gastronom. Zum Großteil sind Monteure und Geschäftsleute seine Gäste – und „die stehen jetzt an der Bundesstraße und an der Kreisstraße vor Durchfahrt-Verboten-Schildern und wissen nicht weiter“, klagt der 49-Jährige. Die einzige Zufahrt – der Weg, um nicht zu sagen der „Schleichweg“ von Wahle nach Sierße – ist diesen Gästen als Ortsfremde nicht bekannt, er ist auch nicht als Zufahrtsmöglichkeit nach Sierße ausgeschildert.

Was ist zu tun – schließlich muss jede Straße mal ausgebaut werden? Wehsners Antwort klingt einleuchtend bei einem Blick auf die gegenwärtige Situation: Aktuell finden die Bauarbeiten auf der Ahornallee zwischen der Kreisstraße nach Bettmar und dem Ortsausgang in Richtung Peine statt. „Deshalb ist klar, dass die Bundesstraße 65 (B 65) – von Peine kommend – gesperrt werden“, stellt Wehsner fest. Die anderen beiden Zufahrten – auf die B 65 von Vechelde kommend und auf der Kreisstraße von Bettmar kommend – könnten ihm zufolge aber freigegeben werden, und dann „könnten diejenigen, die in Sierße zu tun haben, durch die anderen Straßen im Ort an ihr Ziel kommen“. Beispielsweise zum „Verdi“.

Zuständig für die Ausbau der Ortsdurchfahrt in Sierße ist die Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr, verantwortlich für die Beschilderung ist der Landkreis als Verkehrsbehörde. Dessen Sprecher Fabian Laaß verweist darauf, dass „die B 65 in diesem Abschnitt die offizielle Umleitungsstrecke der Autobahn 2 ist“. Wenn die Autobahn A2 wegen eines Unfalls oder Bauarbeiten gesperrt sei, werde die B 65 noch stärker befahren als ohnehin schon. „Fahren 40-Tonner in die Baustelle in Sierße, können sie nicht drehen oder fahren in die viel zu schmalen Dorfstraßen und bleiben dort stecken – das würde ein großes Chaos auslösen“, ist der Kreissprecher überzeugt. Wehsner hingegen sieht diese Gefahr nicht – es gebe immer Möglichkeiten, zu wenden oder andere Wege zu nehmen – auch für 40-Tonner.

Sei es, wie es ist: Der Landkreis hat aus Angst vor diesem „Chaos“ in Sierße die gesamte Ortsdurchfahrt für den überörtlichen Verkehr gesperrt. Von Wehsners Vorschlag, nur die unmittelbar von Bauarbeiten betroffene Zufahrt zu sperren und die anderen offen zu lassen, hält Laaß nichts: „Die Erfahrung hat gezeigt, dass es für den Verkehrsteilnehmer einfacher ist, während der Vollsperrung eine immer gleichbleibende Umleitungsstrecke zu fahren.“ Eine Umleitung, die dem jeweiligen Baufortschritt angepasst werde, führe zu „erheblichen Verwirrungen und Missmut“ bei den Autofahrern wegen ständig geänderter Fahrtrouten.

Abgesperrt sind die drei besagten Zufahrten mit „Durchfahrt-Verboten-Schildern“ und dem Zusatzhinweis „Anlieger bis Baustelle frei“. Wehsner zufolge führt dieses Zusatzschild jedoch bei vielen seiner Gästen – oft sind es ausländische Kunden – zu Irritationen: „Sie wissen nicht, ob sie als Anlieger gelten und bis zur Baustelle durchfahren dürfen.“ Laaß klärt auf: „Die Anlieger – also die Personen, die in Sierße wohnen, arbeiten oder jemanden dort besuchen – können je nach Baufortschritt die betreffenden Grundstücke anfahren.“ Die Anwohner seien von der Baufirma frühzeitig darüber informiert worden, sollten ihre Grundstücke für einen Zeitraum nicht erreichbar sein.

Zwar hat die Kreisverwaltung Olaf Wehsner Vorschläge unterbreitet, wie er seine Kundschaft über die Erreichbarkeit seines Hotels informieren kann – beispielsweise durch ein Hinweisschild auf der Höhe der Absperrschranken. „Ein kleines Schild, das ich selbst hätte kaufen müssen“, antwortet Wehsner – der Vallstedter bezweifelt, dass ihm das etwas bringe, und fragt sich: „Seit 24 Jahren betreibe ich das ,Verdi’ in Sierße – ich hoffe, dass wir hier das 25. Jahr noch erleben.“

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