Gedenkfeier in Peine – Hass spaltet, hetzt auf, tötet

Peine.  Die Stadt gedenkt am Mahnmal an der Hans-Marburger-Straße in Peine den Opfern der Reichspogromnacht 1938.

Kränze haben sie am Freitag am Mahnmal an der Hans-Marburger-Straße in Peine niedergelegt. 

Kränze haben sie am Freitag am Mahnmal an der Hans-Marburger-Straße in Peine niedergelegt. 

Foto: Harald Meyer

Eine Stimme, die unter die Haut geht: Sie – die jüdische Bevölkerung – sei in der Nazi-Diktatur ermordet worden, weil sie „Dir“ – also Gott – treu geblieben sei, heißt es im jüdischen Gebet „El Male Rachamim – Gott voller Erbarmen“, das die Kantorin Svetlana Kundish am heutigen Freitag am Mahnmal an der Hans-Marburger-Straße in Peine zum Gedenken an die Holocaust-Opfer vorgetragen hat.

Mit bewegenden Worten hat zuvor Renate Wagner-Redding, die Svetlana Kundishs Gebet ins Deutsche übersetzt hat, als Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Braunschweig an die Reichspogromnacht 1938 erinnert. Angesichts dessen, dass „die Menschen vergessen“, seien Gedenktage wie der am heutigen Freitag in Peine wichtig, damit Ereignisse wie die Ermordung der Juden im Dritten Reich „im Gedächtnis bleiben“. Am 9./10. November 1938 seien in Deutschland „gewaltige Flammen aus Synagogen“ geschlagen; Geschäfte und Wohnungen der jüdischen Bevölkerung seien vernichtet worden; jüdische Menschen seien geschlagen und ermordet worden. „Bis zum 9. November 1938 hat die jüdische Bevölkerung noch geglaubt, sie könne in einer schmalen Nische neben den Deutschen existieren“, erinnert Renate Wagner-Redding. Danach sei das aber nicht mehr möglich gewesen – auch weil „die wenigen Anständigen geschwiegen haben“.

Angesichts der wiederaufflammenden Rechtsradikalität und des Antisemitismus’ in Deutschland warnt die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde: „Es ist nicht fünf vor Zwölf, sondern bereits nach Zwölf.“ Ihre mahnenden Worte: „Hass spaltet, hetzt auf, tötet Menschen, wie es sich in Halle gezeigt hat.“ Leider könne man „nicht davon ausgehen, dass jeder Mensch anständig und klug ist“. Daher seien Initiativen zu unterstützen, die das „friedliche Miteinander fördern – nicht nur in dieser Stadt“.

In Peine wurde der Jude Hans Marburger am 10. November 1938 ermordet, die Synagoge an der heutigen Hans-Marburger-Straße niedergebrannt. „Unfassbar, unbegreiflich, unmenschlich, unglaublich“: So beschreibt der Peiner Bürgermeister Klaus Saemann am Freitag vor Dutzenden von Zuhörern – darunter viele Schüler – seine Gedanken zu dieser Gedenkveranstaltung. Bis zum 9. November 1938 sei es den Nazis in Deutschland um „seelische Grausamkeiten und die soziale Isolation der jüdischen Bevölkerung“ gegangen. Saemann: „In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 eskalierte aber die sukzessive Diskriminierung zu blanker Gewalt.“ Danach sei es um die „Vernichtung der jüdischen Glaubensgemeinschaft“ gegangen, die Regierung sei als „Drahtzieher für das landesweite Pogrom“ verantwortlich. Der Sozialdemokrat weiter: „Es ist unbegreiflich, dass ein Mensch von einem anderen Menschen gehasst und zum Tode verurteilt wird, nur weil er eine jüdische Mutter oder einen jüdischen Vater hat.“

Saemann nennt den Nationalsozialismus den „Tiefpunkt der Zivilisation“ und appelliert eindringlich: „Wir müssen Menschen, die in der heutigen Zeit die Ideologien des Nationalsozialismus verherrlichen, entgegentreten, denn so etwas darf sich niemals wiederholen.“ Antisemitismus und Rassismus machten sich aber heute wieder in Deutschland breit – Saemann beschreibt das so: „Hass und Verblendung schleichen sich im Gewande des Populismus von Rechts in die Parlamente und in die Gesellschaft – dagegen müssen wir entschlossen, mutig und wehrhaft zusammenstehen.“

Unglaublich sei es, dass „es heute Personen gibt, die anzweifeln, dass es Massenvernichtungen in Konzentrationslagern gegeben hat“. Der Gipfel des Unglaublichen sei, dass „sogar die Existenz von Konzentrationslagern in Frage gestellt wird“.

Anschließend legten Vertreter der Kommunalverwaltungen und der Parteien Kränze am Mahnmal nieder.

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