Frühjahrsmüdigkeit: Woher kommt sie und was hilft dagegen?

Berlin  Wenn der Frühling beginnt, klagen viele Menschen über Müdigkeit, Schwindel oder Kopfschmerzen. Warum ist das so? Und was kann man tun?

Sobald es wieder wärmer wird, überkommt viele Menschen die Müdigkeit.

Sobald es wieder wärmer wird, überkommt viele Menschen die Müdigkeit.

Foto: Fotoagentur WESTEND61 / imago/Westend61

Es ist ein seltsamer Gegensatz: Sobald die Tage wieder länger werden, Sonnenstrahlen warm die Nase kitzeln und Krokusse und Primeln blühen, zieht es die einen mit Lust und Energie in die Parks, während die anderen antriebslos auf der Couch herumlümmeln.

Frühlingsgefühle hier, Frühjahrsmüdigkeit da. Woran liegt das? Und wie kann man sich helfen? Wichtige Fragen und Antworten im Überblick:

Gibt es Frühjahrsmüdigkeit wirklich?

Eindeutig: ja! Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen, Schwindel – etwa jeder Zweite klagt im Frühjahr über diese Symptome, sagt Dr. Johannes Wimmer. Der Hamburger ist Doktor der Medizin und moderiert im NDR das Wissensformat „Dr. Wimmer – Wissen ist die beste Medizin“ sowie die Quiz-Show „Dr. Wimmers Medizin-Quiz“.

Er ist damit bekannt geworden, Krankheitsbilder verständlich in seinem YouTube-Kanal zu erklären – und tut das seit 2014 auch bei der Techniker Krankenkasse (TK).

Die eine Hälfte der Menschheit sei im Frühjahr völlig durchgedreht, sagt Wimmer in einem Erklärvideo für die TK. Die hüpfe durch die Gegend, Frühlingsgefühle eben – „und die andere hängt noch komplett in den Seilen.“

Was sind weitere Symptome?

„Morgens schwerer in den Tritt kommen, Tagesmüdigkeit, fehlende Energie, sich aufraffen müssen für sportliche Aktivitäten“ – so beschreibt Professor Dr. Ingo Fietze vom Zentrum für Schlafmedizin der Berliner Charité das Phänomen im Gespräch mit unserer Redaktion. Hinzukommen könnten Kreislaufbeschwerden, Unlustgefühl, Stimmungsschwankungen, Schlaf- und Antriebslosigkeit sowie Konzentrations- und Leistungsschwäche.

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Woher kommt Frühjahrsmüdigkeit?

„Da sind sich Experten nicht ganz einig“, sagt Wimmer. Die genauen Mechanismen seien noch nicht erforscht. Klar sei aber: Das Licht spielt eine große Rolle. „Es gibt Hormone, die funktionieren besonders gut durch Licht. Dadurch legt der Körper los und aktiviert sie. Dazu zählt das Glückshormon Serotonin.“

Im Winter überwog hingegen dessen Gegenspieler, der Botenstoff Melatonin. Dieser sorgt dafür, dass man gut schlafen kann. Bringt der Frühling nun aber mehr Helligkeit, „nimmt die Vorherrschaft des Melatonin ab“, erklärt Dr. Anna Heidbreder, Oberärztin im Bereich Schlafmedizin am Universitätsklinikum Münster.

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Mit diesem durcheinander geratenen Verhältnis der beiden Hormone kommt nicht jeder Mensch gut klar. Das Melatonin wird weniger, das Serotonin schwankt – darauf muss sich der Körper erst einmal einstellen. Ein bisschen wie bei einem Jetlag, so Wimmer. Zudem kommen weitere Veränderungen hinzu.

„Der Temperaturumschwung wirkt sich auf den Kreislauf aus“, erläutert Professor Fietze. Denn wenn es draußen wärmer werde, weiten sich die Blutgefäße, was wiederum dazu führe, dass der Blutdruck sinke. Außerdem verkürze sich die Schlafzeit im Frühjahr um durchschnittlich 30 Minuten. Und auch die winterliche, etwas fettreiche Ernährung mache müde und müsse umgestellt werden.

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Wie lange hält Frühjahrsmüdigkeit an?

„Normalerweise eine bis vier Wochen“, sagt Professor Fietze. Voraussetzung dafür: ein normaler Wechsel von Winter- auf Frühjahrszeit. „Mit den heutigen Wetterschwankungen mag sich das ändern.“ Generell gilt: geduldig bleiben. „Nach diesen ganzen Monaten Winter, wenig Licht, wenig Bewegung, viel Wärme, da muss man dem Körper noch mal ein bisschen Zeit geben“, sagt Wimmer.

Gibt es Menschen, die besonders anfällig sind?

„Das ist wie mit der Schichtarbeit. Viele vertragen die ständigen Wechsel von Schlafen und Wachen, manche aber auch nicht. So ist es auch mit den Jahreszeiten“, sagt Professor Fietze. Gerade bei Menschen mit niedrigem Blutdruck könne sich Frühjahrsmüdigkeit aber besonders bemerkbar machen, gibt YouTube-Arzt Wimmer zu bedenken. Das sei auch der Grund, warum Frauen häufiger darunter leiden als Männer, sagt Heidbreder.

Was hilft gegen Frühjahrsmüdigkeit?

Hier gibt es drei Stellschrauben, an denen man drehen kann: Licht, Bewegung, Ernährung. Schon ein Spaziergang an der frischen Luft kann dem Körper bei der hormonellen Umstellung helfen. Beim Essen sollte man laut Fietze auf eine eiweißhaltige und vitaminreiche Ernährung achten und eher mehrere kleine Mahlzeiten als wenige große zu sich nehmen. Aber auch Kohlenhydrate seien wichtig, da sie den Serotoninspiegel beeinflussen.

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Und natürlich kann man auch im Schlafzimmer gegen Frühjahrsmüdigkeit vorgehen: „Eher ins Bett gehen oder morgens das Licht erst dann ins Schlafzimmer lassen, wenn man aufstehen möchte“, rät Fietze. Wimmer empfiehlt, einfach ein wenig zu schummeln. Und schon vorbeugend Urlaub in der Sonne zu machen.

Den Ratschlag, bei Frühjahrsmüdigkeit bloß keinen Mittagsschlaf zu halten, relativiert Heidbreder. „Wer nicht schlafgestört ist, dem schadet ein Nickerchen tagsüber nicht.“ Es dürfe aber nicht so weit gehen, dass man nachmittags so lange schlafe, dass man abends nicht mehr gut einschlafen könne.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Dafür hat Professor Fietze eine exakte Empfehlung: „Wenn man Woche für Woche mindestens dreimal nicht erholt aufwacht und tagsüber müde und nicht leistungsfähig ist und dies länger als vier Wochen andauert.“ Denn ständige Müdigkeit und fehlende Energie können auch Symptome für Krankheiten sein, sagt Heidbreder – etwa Blutarmut, Schilddrüsenunterfunktion oder auch psychische Erkrankungen wie Depressionen.

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