Mit individueller Route um den Stau herum

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Nach einem Unfall auf der A2, Fahrtrichtung Berlin, ist die A2 dicht. Das Foto ist von der Autobahnbrücke bei Peine-Meerdorf aufgenommen.

Nach einem Unfall auf der A2, Fahrtrichtung Berlin, ist die A2 dicht. Das Foto ist von der Autobahnbrücke bei Peine-Meerdorf aufgenommen.

Foto: Bettina Stenftenagel / Archivfoto

Hannover.  Niedersachsen setzt auf landesweite Verkehrslenkung per App – und sieht sich als Vorreiter.

Schluss mit Stau – das wird zwar auf Sicht ein Wunsch bleiben. Doch mit Hilfe einer App will Niedersachsens Wirtschafts- und Verkehrsminister Bernd Althusmann (CDU) den Straßenverkehr deutlich flüssiger machen. „Niedersachsen setzt völlig neue Maßstäbe“, frohlockte Althusmann jüngst bei einer Pressekonferenz in seinem Ministerium. Das Wunderkind hört auf den Namen Nunav und wurde vom früheren Startup-Unternehmen „Graphmasters“ aus Hannover entwickelt.

„In dieses vom Land gemeinsam mit uns entwickelte System fließen die bisher schon vorliegenden, etwa über Messschleifen gewonnenen Verkehrsdaten ein und werden mit Echtzeit-Verkehrsdaten, so genannter Floating Car Data (FCD), verschmolzen“, erläutert der Mitgründer und Chef von Graphmasters, Sebastian Heise. Dazu wertet Nunav auch GPS- und Mobilfunkdaten aus. „Durch das Verschmelzen dieser Infos erhält das Land ein digitales Echtzeit-Verkehrslagebild“, so Heise. Ein Algorithmus berechnet nun für den Nutzer der App die jeweils günstigste Route zum Ziel. Dabei werden nicht allgemeine Ausweichrouten angeboten, auf denen sich der Verkehr dann wieder schnell staut, sondern individuell berechnete Strecken. „Jedes Fahrzeug erhält seine eigene Route“, sagte Althusmann. Dies ist laut des Ministers auch ein wichtiger Unterschied zu herkömmlichen Navigationssystemen. Auch die Daten anderer Nunav-Nutzer fließen jeweils ein.

Unter anderem Messe AG und Konzertveranstalter nutzen das System bereits – und nun das Land. „Niedersachsen ist damit das erste Bundesland, dessen Verkehrsmanagement aktiven Zugriff auf ein Navigationssystem hat“, sagt Heise. Die App kann kostenfrei heruntergeladen werden. Als aktuelles Beispiel für eine Anwendung nannte Althusmann – es sind spezielle Zeiten – die beste Strecke zum Impfzentrum Hannover, und führte das gleich in seinem Smartphone vor. Die App funktioniert deutschlandweit. Die Software zur Zusammenarbeit mit dem Land für die „Verkehrslage in Echtzeit“ sei aber speziell für Niedersachsen entwickelt worden, sagte Annette Schütz vom Wirtschaftsministerium. Aufbau und Betrieb lässt sich das Land 180.000 Euro kosten, das Projekt ist zunächst für drei Jahre angelegt.

Eric Oehlmann, Präsident der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr, ist sicher: „Erstmals erhalten wir mit dem neuen System einen ganzheitlichen Überblick der Verkehrslage für Niedersachsen. Hieraus ergeben sich vollkommen neue Möglichkeiten für Verkehrslenkung und Verkehrsmanagement insgesamt – und auch für meine Behörde.“ Man wolle und werde sich als zentraler Ansprechpartner für Mobilität in Niedersachsen etablieren. Es sei Ziel und Auftrag, den Verkehr in Niedersachsen mit den neuen Möglichkeiten der Digitalisierung effizienter und flüssiger zu gestalten. „Dann könnten zum Beispiel Blechschilder als Regelverkehrszeichen tatsächlich der Vergangenheit angehören“, so Oehlmann. Das allerdings dürfte noch dauern. Gekoppelt wird die App mit der Homepage der Verkehrsmanagementzentrale www.vmz-niedersachsen.de.

Folgt man dem Minister, will Niedersachsen dem Bund nach der Reform der Zuständigkeiten wohl auch ein wenig zeigen, wo der Hammer hängt. Mit der Neuorganisation der Bundesfernstraßenverwaltung sind seit Januar nicht mehr die Länder, sondern ist der Bund zuständig für Autobahnen – und zwar „allein der Bund“, wie das Landesministerium hervorhebt. „Mit dem Jahreswechsel 2020/2021 verabschieden wir uns nicht nur von der Zuständigkeit für die Autobahnen in Niedersachsen, sondern auch von den darauf installierten Verkehrsbeeinflussungsanlagen und überlassen diese der neu gegründeten Autobahn GmbH des Bundes. Gleichzeitig brechen wir auf in ein Zeitalter des Verkehrsmanagements in digitaler Form auf Basis einer breit angelegten Internetplattform“, so der Minister. Das Land setzt nun, neben seinen verbleibenden Aufgaben bei Bundes- und Landstraßen, auf E-Mobilität, Radverkehr und eben Verkehrsmanagement.

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