Insektenschwund-Warnung: Die Libellen ziehen in die Stadt

Braunschweig.  TU-Forscher Suhling warnt vor Gefahren durch Artenrückgang. Viele Insekten sind Verlierer des Klimawandels – es gibt aber auch Gewinner.

Die Speer-Azurjungfer (Coenagrion hastulatum), heimisch an Moorgewässern, ist die Libelle des Jahres 2020. Ihr Bestand geht zurück. „Sie leidet vermutlich unter der Veränderung ihrer Habitate und unter dem Klimawandel“, so TU-Professor Suhling.

Die Speer-Azurjungfer (Coenagrion hastulatum), heimisch an Moorgewässern, ist die Libelle des Jahres 2020. Ihr Bestand geht zurück. „Sie leidet vermutlich unter der Veränderung ihrer Habitate und unter dem Klimawandel“, so TU-Professor Suhling.

Foto: Frank Suhling / TU Braunschweig

Nicht nur für die Ohren der Mitmenschen sind Laubsauger und -gebläse mitunter schwer zu ertragen. Für Insekten und andere kleine Tiere ist ihr Einsatz fatal. „Die Geräte können nicht gut für Insekten sein, da sie sicher viele Tiere einsaugen und dabei verletzen“, gibt der Insektenforscher Frank Suhling unserem Leser Recht. Noch wichtiger sind jedoch die Auswirkungen auf den Lebensraum. „Das Laub in der Umwelt hat ja einen Wert“, erklärt der Geoökologe der Technischen Universität Braunschweig (TU). Die herabgefallenen Blätter seien im Prinzip Rohdünger. „Durch eine reiche Lebensgemeinschaft aus Würmern, Insekten, Asseln, Pilzen und Bakterien wird das Laub wieder zu gutem, nährstoffreichen Boden. Wenn wir es jedoch entfernen, wo bleibt da der Boden?“

Suhling ist tief besorgt über den Rückgang der Insektenpopulationen und den Rückgang der Artenvielfalt. Deshalb hat er sich mit 30 internationalen Forschern zusammengetan. In zwei gerade erschienenen Beiträgen in der Fachzeitschrift „Biological Conservation“ warnen die Insektenexperten vor den Folgen des Rückgangs der Insektenarten und zeigen Gegenmaßnahmen auf. Ihr Anspruch ist nicht geringer, als eine „Warnung an die Menschheit“ auszusenden.

Artenreichtum auf Ackerflächen gering

„Agrarlandschaften sind derzeit am wenigsten geeignet, eine hohe Artenvielfalt zu erhalten“, sagt der TU-Professor, den unsere Zeitung auf einer Forschungsreise in Namibia erreicht. In Städten dagegen sieht es mittlerweile weit besser aus. In 30 Städten, die die Landschaftsökologen des Instituts für Geoökologie der TU untersuchten, fanden diese einen großen Artenreichtum vor. Entscheidend ist die Art der Landnutzung.

Die Landflucht der Libellen

Suhling erklärt dies am Beispiel seines Fachgebiets – der Libellen. In Braunschweig könne man sogar 70 Prozent der in Deutschland vorkommenden Libellen-Arten antreffen. „Ein Grund ist vermutlich, dass die Randbereiche der Städte eher Erholungszwecken dienen und dafür umweltverträglicher bewirtschaftet werden als das landwirtschaftliche Umland“, so Suhling. Hier gebe es mehr naturnahe Landschaftselemente. Auch würden weniger Pestizide eingesetzt. Hier fänden die Flugakrobaten ideale Bedingungen an renaturierten Flüssen oder angelegten Teichen. In Städten fühlten sich insbesondere Arten wohl, die vom Klimawandel profitierten. Früher seien diese Arten eher selten gewesen. „Wir gehen davon aus, dass ihr häufiges Vorkommen negative Folgen für andere Arten hat“, so Suhling.

Insekten sind „unerlässliches Puzzlestück“

Durch den Artenverlust bei den Insekten sei die Funktion des gesamten Ökosystems gefährdet, unterstreichen die Autoren der beiden Beiträge. Insekten tragen nicht nur zu natürlichen Zersetzungsprozessen und damit zum Nährstoffkreislauf bei, sie sorgen auch für die Bestäubung von Wild- und Nutzpflanzen. „Mit dem Artenverlust verlieren wir nicht nur ein weiteres Stück eines komplexen Puzzles, das unsere Lebenswelt darstellt, sondern auch Biomasse, die beispielsweise für die Ernährung anderer Tiere in der Lebenskette unerlässlich ist, außerdem einzigartige Gene und Substanzen, die eines Tages zur Heilung von Krankheiten beitragen könnten“, wird Pedro Cardoso vom Naturkundemuseum der Universität Helsinki, Initiator der beiden Beiträge, in einer TU-Mitteilung zitiert.

Die wichtigsten Faktoren, um ein weiteres Insektensarten-Sterben zu verhindern, sind den Experten zufolge die Bekämpfung des Klimawandels und hochwertige Naturschutzflächen. Auch die landwirtschaftliche Produktionsweise weltweit müsse sich grundlegend ändern, damit auch auf solchen Flächen verschiedene Arten parallel existieren könnten.

Experten: Die Zeit drängt

Aus Sicht der Forscher drängt die Zeit. „Das Thema ist wichtig, aber die Aufmerksamkeit dafür flaut gerade wieder ab. Durch unsere gemeinsame Aktion hoffen wir, es am Leben zu halten.“ Dass nur 30 Forscher hinter den beiden Texten stehen, erklärt Suhling damit, dass es sich nicht um eine Unterschriftenaktion, sondern um eine gemeinsame Autorschaft handelt.

Die Wissenschaftler hätten miteinander diskutiert, ob sie die Warnung auch von vielen anderen Kollegen unterschreiben lassen sollten. Aber, sagt Suhling: „So etwas kann dauern. Wir wollten mit unserer Botschaft schlicht nicht so lange warten, bis alle unterschrieben haben, die das Thema angeht.“


Neun Insektenschutz-Tipps der 30 Forscher:

- Vermeiden Sie häufiges Mähen Ihres Gartens. Lassen Sie die Natur wachsen, und
füttern Sie so Insekten.

- Pflanzen Sie einheimische Pflanzenarten. Viele Insekten benötigen diese, um zu überleben.

- Vermeiden Sie Pestizide. Gehen Sie organisch vor, zumindest in Ihrem eigenen Garten.

- Entfernen Sie alte Bäume, Baumstümpfe und abgestorbene Blätter nicht. Sie sind die Heimat unzähliger Arten.

- Bauen Sie ein Insektenhotel mit kleinen horizontalen Löchern, die zu Nestern werden können.

- Reduzieren Sie Ihren CO-Fußabdruck.

- Unterstützen Sie Naturschutzorganisationen, und arbeiten Sie ehrenamtlich in diesen Organisationen mit.

- Führen Sie keine lebenden Tiere oder Pflanzen ein oder lassen Sie sie nicht in die Natur frei, da sie einheimischen Arten schaden können.

- Seien Sie sich der kleinen Lebewesen bewusst. Schauen Sie auch auf die kleine Seite des Lebens.

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