Kultusminister verhandelt mit Lehrerverbänden

Hannover.  Zum neuen Schuljahr soll offenbar auch zeitweiser freiwilliger Mehrunterricht helfen, den Stundenausfall zu begrenzen.

Grant Hendrik Tonne (SPD), Kultusminister von Niedersachsen, spricht im Landtag. Bei der Landtagssitzung wies Tonne den Vorwurf der Opposition zurück, Niedersachsen steuere auf einen Schulnotstand zu.

Grant Hendrik Tonne (SPD), Kultusminister von Niedersachsen, spricht im Landtag. Bei der Landtagssitzung wies Tonne den Vorwurf der Opposition zurück, Niedersachsen steuere auf einen Schulnotstand zu.

Foto: Foto: David Hutzler / dpa

Der SPD-Bildungspolitiker Stefan Politze wählte deutliche Worte. Von einem Schulnotstand in Niedersachsen zu sprechen, sei schon sehr gewagt und auch „eine Frechheit“, sagte der Landtagsabgeordnete am Donnerstag während einer Landtagsdebatte zu Stundenausfall und Lehrermangel. Insbesondere auf das neue Schuljahr 2020/2021, das im Sommer beginnt, dürfte jedoch auch Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) mit gemischten Gefühlen blicken. Mit der Rückkehr zum „G9“-Abitur gibt es wieder 13 Schuljahre, rund 20 000 Schülerinnen und Schüler werden dann zusätzlich im Schulsystem sein.

13. Jahrgang kommt wieder

Mitte Januar hatte der Minister die Werte vom sogenannten Statistik-Stichtag zur Unterrichtsversorgung im laufenden Schuljahr bekanntgegeben. Mit einem landesweiten Durchschnittswert von 99,6 Prozent an den allgemein bildenden öffentlichen Schulen, abgefragt Ende August 2019, tritt das Land praktisch auf der Stelle: Ganze 0,2 Prozentpunkte ging es nach oben. Tonne sprach von einem soliden Wert. Läuft es richtig gut für den Minister, könnte durch eine weitere positive Einstellungsrunde - mehr Lehrer werden zum 2. Halbjahr neu kommen als ausscheiden - der Wert im zweiten Halbjahr auf die magischen 100 Prozent klettern. Zur aktuellen Lage will der Minister am 4. Februar berichten. Die Unterrichtsversorgung vergleicht den Stundenbedarf mit den tatsächlich zugewiesenen Stunden. Zum Bedarf zählen neben den Pflichtstunden beispielsweise auch Ganztag und Inklusion. Die GEW-Landesvorsitzende Laura Pooth etwa hatte kritisiert, der Durchschnittswert verdecke die enormen Probleme in ländlichen und sozial problematischen Gegenden sowie an den unterschiedlichen Schulformen. Mit Blick auf Krankheitsfälle und Fortbildungen der Lehrkräfte seien ohnehin erst ungefähr 105 Prozent Unterrichtsversorgung in der Praxis ausreichend. „Weiter fallen tagtäglich tausende Stunden aus“, sagte im Landtag auch der FDP-Abgeordnete Björn Försterling. „Wir werden uns bemühen, in allen Klassen mindestens vier Stunden am Tag stattfinden zu lassen“, schrieb eine Schulleitung aus der Region im Januar an die Eltern. Hintergrund unter anderem: Umfangreiche Abordnungen von Lehrern. Die müssen mit einem Teil ihrer Stunden dann an anderen Schulformen aushelfen. Die Botschaft ist klar: Es gibt keinerlei Reserven. Ein Schulnotstand sei möglicherweise längst eingetreten, sagte daher Försterling. Ein Gegenrezept nannte der FDP-Mann auch: Das Land müsse soviel junge Lehrer einstellen wie möglich und die älteren Lehrer länger im Dienst halten. Neun von zehn Lehrern gingen in den Vorruhestand.

AfD: Tatsächlicher Ausfall wird gar nicht erfasst

Dagegen appellierte die Grünen-Abgeordnete Julia Hamburg, mit „multiprofessionellen Teams“ den Schulbetrieb insgesamt zu sichern, statt Eltern bei Verpflegungsausgabe und Ganztag aushelfen zu lassen. Tonne solle den nicht zu leugnenden Mangel gestalten. „Dann lieber eine Mathestunde im GHR-Bereich weniger“, sagte Hamburg, also am Grund-, Haupt- und Realschulen. In der Landtagsdebatte kritisierte der AfD-Abgeordnete Harm Rykena, dass Niedersachsen den tatsächlichen täglichen Stundenausfall erst gar nicht erfasse. Das Land hält solche Meldepflichten für überflüssige Bürokratie.

Mit Blick auf das kommende Schuljahr will Tonne zum einen möglichst viele neue Lehrer einstellen. In den Vorjahren waren laut Ministerium zum 1. Halbjahr der jeweiligen Schuljahre 1800, 2000 und zuletzt 1900 Stellen ausgeschrieben. Die 2000er Marke müsste das Land im Sommer 2020 allerdings sehr deutlich überschreiten. Die Abordnungen von Gymnasiallehrern an andere Schulformen müssen außerdem wohl stark zurückgefahren werden, weil sie an der Stammschule gebraucht werden . Das alles reicht aber nicht. „Wir führen Gespräche über freiwillige Maßnahmen“, sagte Tonne am Rande der Landtagssitzung zum Kontakt mit den Bildungsverbänden. Möglichst viele Lehrer sollen offenbar freiwillig zeitweise mehr unterrichten - mit späterem Ausgleich.

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