DSMZ – Die größte Sammlung der kleinsten Lebewesen

Braunschweig.  Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen in Braunschweig wird 50 Jahre alt. Seine Dienste sind weltweit gefragt.

Im Sequenzierzentrum der DSMZ entschlüsseln die Forscher das Erbgut von Mikroorganismen wie Bakterien.

Im Sequenzierzentrum der DSMZ entschlüsseln die Forscher das Erbgut von Mikroorganismen wie Bakterien.

Foto: Hübner / DSMZ

Eine riesige Sammlung der kleinsten Lebewesen. Ein Archiv für Bakterien, Einzeller, Pilzkulturen, Pflanzenviren und weitere Mikroorganismen. So lässt sich die Aufgabe des Leibniz-Instituts Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen (DSMZ) knapp beschreiben. „Die Vielfalt des Lebens ist im mikroskopischen Be­reich. Wir versuchen, einen großen Teil dieser Diversität abzubilden“, sagt der Wissenschaftliche Direktor Prof. Jörg Overmann mit dem Understatement dessen, der keine Übertreibungen nötig hat. Keine andere Sammlung beherbergt mehr bekannte Bakterienarten als die DSMZ, die nun ihren 50. Gründungstag feiert – am Mittwoch, 20. November, mit einer Podiumsdiskussion mit Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU).

Schwerpunkte der DSMZ: sammeln und forschen

Overmann (58) leitet das Institut seit 2010. Rund 200 Mitarbeiter, darunter 60 Wissenschaftler, arbeiten in dem kastenförmigen Bau auf dem Campusgelände in Stöckheim im Süden Braunschweigs. „370.000

Ampullen mit Bioressourcen umfasst unser Lager mittlerweile“, berichtet er, 2500 bis 3000 neue kämen jedes Jahr hinzu. Aus ihrem Lager beliefert die DSMZ Forscher in 82 Ländern. „Wenn unsere Vorräte zur Neige gehen, produzieren wir nach. Pro Stamm haben wir nie weniger als fünf Ampullen.“

Außerdem wird geforscht – seit 2010 in einer eigenen, von Overmann geleiteten Abteilung. Deren Schwerpunkte: Die Wirkung einzelner Mikroorganismen und ihre Interaktion. Eine digitale Datenbank, die derzeit aufgebaut wird, soll gezielten Zugriff auf Wissen über die Kleinstlebewesen ermöglichen.

Keimzelle des Instituts in Göttingen

Die Keimzelle der DSMZ war in Göttingen. 1969 beschloss man, am dortigen Institut für Mikrobiologie eine Deutsche Sammlung für Mikroorganismen aufzubauen. Ihr Auftrag schon damals: anderen Forschern Mikroorganismen zur Verfügung stellen. 1987 wurden der DSM andere ähnliche Sammlungen einverleibt und sie zog um nach Braunschweig. Dort erhielt sie ihren heutigen Namen. Und wuchs weiter.

Revolution der Molekularbiologie in den Neunzigern

Das war eine besonders spannende Zeit, sagt der Mikrobiologe Overmann rückblickend. In den neunziger Jahren habe man erst zu begreifen begonnen, welch wichtige Rolle Bakterien „praktisch überall“ spielen. Damals ging es los mit der Molekularbiologie. Erstmalig wurde mühevoll das Erbgut eines Bakteriums entschlüsselt – heute schaffen die DSMZ-Forscher dies innerhalb weniger Stunden. „Aus heutiger Sicht war das damals eine echte Revolution“, fasst Overmann zusammen. „Vormals galten Biologen als zur Arbeitslosigkeit verdammt. Auf einmal waren wir als Spezialisten gefragt.“

Overmann: Potential noch nicht ausgeschöpft

Heute ist das mehr denn je der Fall. Erst 16.000 von schätzungsweise einer Milliarde Bakterienarten seien beschrieben, sagt Overmann. In ihrer Erforschung sieht er ein riesiges Potenzial – mit Blick aufs Klima, auf Böden, auf die Landwirtschaft. „Aber“, bedauert er, „das Bewusstsein in der Öffentlichkeit und in der Forschungspolitik dafür ist längst noch nicht so ausgeprägt, wie es sein müsste.“

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