Burnout: SPD-Landrat Tjark Bartels wirft hin

Hannover.  Der Landrat zieht damit wohl auch die Konsequenz aus dem Behördenversagen im Missbrauchsskandal von Lügde.

Tjark Bartels (SPD), Landrat des Kreises Hameln-Pyrmont, spricht im Februar 2019  bei einer Pressekonferenz im Kreishaus.

Tjark Bartels (SPD), Landrat des Kreises Hameln-Pyrmont, spricht im Februar 2019 bei einer Pressekonferenz im Kreishaus.

Foto: Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Lange galt Tjark Bartels als Zukunftshoffnung der SPD. Doch bundesweit bekannt wurde Bartels als der Landrat, dessen Kreisjugendamt den massenhaften Missbrauch von Kindern in Lügde mit ermöglichte. In einer knapp zehnminütigen Videobotschaft verkündete Bartels nun seinen Rückzug - wegen eines schweren Burnouts. „Ich werde formal aus dem Dienst des Landrates ausscheiden“, so Bartels (50).

„Tjark Bartels ist einer der profiliertesten Kommunalpolitiker in Niedersachsen“, erklärte der SPD-Landesvorsitzende und Ministerpräsident Stephan Weil nach Bekanntwerden des Videos. Doch dieser Ruf war längst ramponiert. „Mir ist unverständlich, wie das Jugendamt Hameln-Pyrmont drei Hinweise innerhalb eines halben Jahres falsch würdigen konnte“, hatte Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann (SPD) im März bestürzt erklärt.

Unter tragischen Umständen ins Amt gekommen

Bartels war schon unter tragischen Umständen ins Amt des Landrats im Kreis Hameln-Pyrmont gekommen. Vorgänger Rüdiger Butte (SPD) war in seinem Büro von einem 74-Jährigen erschossen worden, der im heftigen Streit mit den Behörden lag. Der Jurist Bartels hatte zunächst als hauptamtlicher Bürgermeister der Gemeinde Wedemark von sich reden gemacht. Die vorgezogene Landratswahl gewann er - in einer Stichwahl gegen den früheren Innenminister Uwe Schünemann (CDU). Als Landrat bestätigte Bartels seinen Ruf als Macher, so im Kampf um Stromtrassen und Glasfasernetz. In der Wedemark hatte Bartels als Bürgermeister den Bau von Hort- und Krippenplätzen vorangetrieben. Als 2015 viele Flüchtlinge nach Niedersachsen kamen, sah Bartels das als Chance für den Kreis und machte aktive Integrationspolitik. An einige Punkte erinnert Bartels auch in seiner Videobotschaft.

Im Wesentlichen geht es allerdings um Lügde, und das vor allem persönlich. „Im Fall Lügde war meine Grenze deutlich überschritten“, so Bartels zur Flut von Hass- und Schmähkommentaren im Internet. Das Jugendamt des Kreises hatte einem der Haupttäter die Pflegschaft für ein Mädchen übertragen, über das dann weitere Kinder angelockt worden waren. Dabei hatte es Hinweise auf Missbrauchsgefahr gegeben. „Auch wir waren daran beteiligt“, sagt Bartels in seinem Video, es habe Fehlentscheidungen gegeben. Von einer „Serie schwerer Verbrechen“ spricht Bartels, vermeidet im Video aber ein persönliches Bekenntnis der Mitverantwortung. Zwar betont der Landrat, der bereits seit Monaten krank außer Dienst war, dass solche Verbrechen durch Reformen möglichst unwahrscheinlich gemacht werden oder noch besser verhindert werden müssten. Doch in der Botschaft geht es letztlich um ihn: Er könne aber die Symptome eines schweren Burnouts nicht ignorieren. Im Juli hatte ein Bericht über einen möglichen Sonderurlaub Bartels zwecks Englischlernens regional Aufsehen erregt.

Weil: Bittere Erfahrung

„Mit seinem freiwilligen Rückzug vom Amt kommt er einem erzwungenen Rücktritt nur zuvor“, erklärte die FDP-Landtagsabgeordnete Sylvia Bruns. Nun gebe es aber die Chance, die Vorgänge in Lügde mit einem neuen Kopf an der Spitze weiter aufzuarbeiten. Persönlich wünsche man Bartels gute Genesung. Mit dem „erzwungenen Rücktritt“, so die FDP auf Nachfrage, beziehe man sich auf Bartels politische Lage wegen der Lügde-Affäre. „Beschämend und respektlos“ nannte die SPD-Fraktionsvorsitzende Johanne Modder die Erklärung der FDP. Die Erkrankung von Bartels werde zum Anlass der politischen Profilierung genommen. Bartels war jedoch nicht nur wegen der Versäumnisse des Jugendamts in die Kritik geraten. „Mehr Demut wäre angebracht gewesen“, hatte es im März auch aus der SPD-Landtagsfraktion zum Verhalten Bartels in der Affäre geheißen. Die Versäumnisse im Zusammenhang mit den grausamen Taten von Lügde seien eine bittere Erfahrung für den Landkreis und für Tjark Bartels gewesen, heißt es nun in der Stellungnahme Weils.

Weil betonte in seiner Stellungnahme, auch die verabscheuungswürdigen Verbrechen von Lügde rechtfertigten nicht Hassbotschaften gegen politisch Verantwortliche oder Mitarbeiter von Institutionen. Die politische Verantwortung für Fehler wurde auch Bartels in der Tat nicht los. Eine Sprecherin des Innenministeriums bestätigte, dass ein Antrag auf Ausscheiden aus dem Amt vorliege. Damit könnte es wohl im Frühjahr 2020 zur nächsten Landratswahl kommen - ohne Bartels.

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