Und dann war da die Mauer

Berlin.  Auszubildende unseres Medienprojekts „Zukunft Bilden“ besuchten Gedenkstätten in Berlin und befassten sich mit dem Thema DDR.

32 Auszubildende des Projekts "Zukunft Bilden" unserer Zeitung fuhren nach Berlin und besuchten dort die Gedenkstätte Berliner Mauer und das ehemalige Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. 

Foto: Nadine Zimmer

32 Auszubildende des Projekts "Zukunft Bilden" unserer Zeitung fuhren nach Berlin und besuchten dort die Gedenkstätte Berliner Mauer und das ehemalige Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. 

Am 22.8.1961 springt Ida Siekmann aus dem dritten Stock ihrer Wohnung in der Bernauer Straße 48. Zehn Meter unter ihr liegt die Freiheit: Der Westteil der Stadt – dort, wo ihre Schwester nur wenige Häuserblocks entfernt wohnt. Und dort liegt ihre Matratze, die sie auf die Straße geworfen hat. Sie hofft, die Matratze könne ihren Sprung abfedern. Sie kann es nicht.

Ida Siekmann ist das erste verzeichnete Todesopfer an der Berliner Mauer. Es folgen ihr bis zur Wiedervereinigung 1989 viele weitere Menschen – 140 sind am Fenster des Gedenkens in der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße dokumentiert.

Wie sah sie aus die Mauer? Und wo war sie genau?

Darunter etliche Menschen, die gar keine Fluchtabsichten hatten. Auch Kinder aus Westberlin ertranken in der Spree, die zum Osten gehörte, weil Rettung zu spät kam – aus Unsicherheit, Ohnmacht und Angst vor den bewaffneten Grenzern mit Schießbefehl.

Solche Schicksale machen die Bedeutung der deutsch-deutschen Geschichte auch für junge Menschen greifbar. Andreas Hoffmann, Mitarbeiter der Gedenkstätte Berliner Mauer, weiß das und er erzählt bei seinen Führungen davon. Die 32 Auszubildenden unseres Medienprojekts „Zukunft Bilden“ hören ihm aufmerksam zu, während sie entlang der ehemaligen Grenzanlage an der Bernauer Straße gehen.

Sie alle wurden in ein wiedervereintes Land geboren – in einer Zeit, in der die Mauer bereits Stoff für den Geschichtsunterricht geworden ist. Aber wie sah sie aus, die Mauer? Und wo war sie genau? Die Berlinfahrt führt die Auszubildenden auf Spurensuche – an Orte in Berlin, die Geschichte durch konkrete Geschichten vor Augen führen.

In der Bernauer Straße lässt sich heute noch erahnen, was für ein komplexes und ausgefeiltes Grenzsystem die Mauer tatsächlich war. Jedes Detail genau geplant - von der weiß getünchten Wand über den Zaun mit stillem Alarm bis hin zum Bodenbelag vor dem Grenzbereich. Hoffmann tritt mit dem Fuß auf einen Streifen mit Schotter. „Hört ihr das? Das hört auch jeder Grenzer“, sagt er und erklärt, wie der Grenzstreifen über die Jahre immer raffinierter, unüberwindbarer wurde. Mit jedem Fluchtversuch, ob geglückt oder nicht, wurden Schwachstellen offensichtlich und sofort ausgeschaltet.

Und hier lässt sich nachfühlen, was das mit den Menschen wie Ida Siekmann gemacht hat, deren Zuhause plötzlich selbst zur Grenze wurde.

Gehörte es vor 1961 für viele noch zum Alltag, als Grenzgänger unbehelligt die Sektorengrenze zu überschreiten, ändert sich am 13. August 1961 schlagartig alles. Die SED-Führung lässt die Grenze abriegeln. In den ersten Wochen nach dem Mauerbau fliehen viele Anwohner aus den Grenzhäusern der Bernauer Straße, weil sie die Trennung von Angehörigen nicht hinnehmen wollen. Am Anfang ist das oft noch durch einen Gang aus der eigenen Haustür möglich.

Erst zugemauerte Fenster und Türen, ab 1964 der Abriss

Ab dem 18. August aber werden Eingangstüren, die auf den West-Berliner Gehweg führen, verbarrikadiert und stattdessen neue Zugänge von der der Ostseite aus zu den Häusern gebaut.

Erst zugemauerte Fenster und Türen, ab 1964 dann der Abriss. „Hier verschwand ein ganzes Stadtviertel. Und dann war da die Mauer“, sagt Hoffmann und zeigt den Auszubildenden ein Bild, auf dem nur noch Häuserwände standen. Häuserwände, die plötzlich Teil der Grenzmauer geworden waren.

Später im ehemaligen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen, der zweiten Station der Berlinfahrt, erhalten die Jugendlichen einen Einblick darin, wie es in der DDR Menschen erging, die sich nicht anpassten, unbequem waren, die fliehen wollten, erwischt wurden. Ivan Kultev – ein junger Historiker – führt sie durch den Komplex der früheren Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit, der auf keinem Stadtplan Ost-Berlins eingezeichnet war. Mitten in einem Wohngebiet und doch so etwas wie ein blinder Fleck, eingezeichnet als Leerfläche. „Selbst die Inhaftierten wussten nicht, wo sie waren. Das Ziel war, die Menschen psychisch zu zermürben, damit sie Geständnisse unterschreiben“, erklärt Kultev und mit jedem Schritt durch den Gebäudekomplex wird deutlicher, wie diese Methode funktionierte. Kein Lichtschalter in der Zelle, um selbst das Licht an- oder auszuschalten. Immer hell. Kultev zeigt auf das Bett. Die Inhaftierten durften nur auf dem Rücken schlafen, die Hände ausgestreckt. Methode Schlafentzug!

Die Auszubildenden sehen die Fenster aus Glasbausteinen, die keinen Blick erlaubten auf das Draußen. Keine Orientierung. Und sie sehen das Ampelsystem auf dem Flur, das dafür sorgte, dass man auch auf dem Weg zur Vernehmung niemandem sonst begegnete. Methode Isolation!

Dazu die Verhöre – geführt von extra ausgebildeten Vernehmern, die die Inhaftierten glauben ließen, alles über sie zu wissen. Von den familiären Verhältnissen bis hin zur Lieblingsteesorte. „Schlafentzug und Isolation reichen vollkommen, um Menschen fertig zu machen“, sagt Kultev. „Und irgendwann fühlt man sich ohnmächtig, hoffnungslos und unterschreibt alles. Denn man ist sich sicher: Die Stasi weiß alles.“

Alles wissen – über die Zeit damals, die DDR, ihr System, ihre Menschen, ihre Opfer, ihre Täter – das geht nicht nach einem Tag Spurensuche in Berlin. Aber vieles nachfühlen, einiges begreifen und manches mitnehmen aus der Geschichte für die Zukunft – das geht.

Zukunft Bilden ist ein Medien- und Bildungsprojekt für Auszubildende in der Region. Es wurde vom BZV Medienhaus mit vielen Partnerunternehmen ins Leben gerufen.

Die Bausteine: Azubis lesen während der einjährigen Projektteilnahme die Zeitung und werden durch ein vielseitiges Mitmach-Programm begleitet. Dazu gehören zum Beispiel Foto- und Schreibwerkstätten, Rhetorik-Workshops, Fachvorträge und der Austausch mit anderen Auszubildenden.

Kontakt:
www.zukunftbilden.org

(05 31) 39 00 590


info@zukunftbilden.org

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