Alle wollen Kaiser werden

Blankenburg  Die Harzer Wandernadel erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Was macht die Faszination aus?

Wenn der moosgrüne Kasten nach vielen Kilometern Fußmarsch endlich hinter einer Wegkuppe auftaucht, dann schlägt das Wandererherz gleich höher. Dann wird das kleine Heftchen aus dem Rucksack gezerrt, das Kästchen aufgeklappt, der Stempel tief in das Farbkissen gedrückt – und die nächste Stelle im Wanderpass der Harzer Wandernadel abgestempelt.

222 grüne Stempelkästen gibt es insgesamt – und damit 222 Stationen, die der fleißige Wanderer auf dem Weg zum Harzkaiser absolvieren muss. Zu finden sind sie in allen drei Bundesländern, in denen sich der Harz befindet: Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Die Stempelstellen befinden sich immer an außergewöhnlichen Orten: Mal bieten die Plätze eine fantastische Aussicht, mal gibt es Bergwerke, Burgruinen, Naturdenkmäler oder Klippen zu entdecken.

Eines haben sie aber alle gemeinsam: Sie zu erreichen, wird für Besitzer des Wanderpasses irgendwann zur Sucht. „Am Anfang ist man neugierig, macht vielleicht zwei oder drei Stempel an einem Tag. Dann packt die Leute der Ehrgeiz. Sie wollen dann sehen, ob sie fünf Stempel schaffen, planen Übernachtungen ein und verbringen plötzlich ihren gesamten Urlaub mit Wandern“, sagt Klaus Dumeier, Vorstandsvorsitzender des Vereins „Gesund älter werden im Harz“, der die Harzer Wandernadel organisiert. Dumeier selbst ist Wanderkaiser – hat also alle Stempelstellen abgelaufen. „Für mich war es wichtig, das einmal selbst zu erleben.“ Die schönsten Stellen sind für ihn die Zeterklippe und die Wolfswarte.

Aber: „Harzkaiser kann jeder werden“, sagt Dumeier. „Man braucht nur den Wanderpass, den man an teilnehmenden Tourismus- und Kureinrichtungen für 3 Euro kaufen kann, und eine Karte, in der die Stempelstellen verzeichnet sind.“ Und dann heißt es: Wanderschuhe an und los. Auch Radwandern ist erlaubt: „Uns ist wichtig, dass die Leute raus in die Natur kommen und sich bewegen.“

Wer alle Stempelstellen abläuft, hat am Ende ungefähr 850 bis 900 Kilometer Fußmarsch hinter sich gebracht. „Beim zweiten Mal sind die meisten schneller: Sie kennen die Wege und Abkürzungen. Da wandert man eher 650-700 Kilometer.“ Und, das ist gewiss: Viele der 4900 existierenden Harzkaiser haben das Wanderabzeichen nicht nur einmal erhalten. Benno Schmidt, vielen besser bekannt als Brocken-Benno, ist beispielsweise vierfacher Kaiser.

Beim Wandern ist der Weg das Ziel: Wanderer können sich Schritt für Schritt neue Abzeichen erlaufen und müssen nicht auf die höchste Auszeichnung warten. Kinder werden schon bei elf Stempeln Wanderprinz und -prinzessin. Für acht Stempel gibt es für Erwachsene bereits die Harzer Wandernadel in Bronze, 16 Stempel werden für die silberne benötigt und für die goldene Nadel muss ein Wanderer 24 Stempel sammeln. Wanderkönige haben 50 Stempel erwandert, 150 Stempel bescheren dem Wanderer den Kaiserschuh. Aber: Erst wer alle 222 Stempel gesammelt hat, wird zum Harzkaiser gekrönt.

Außerdem gibt es themenbezogene Wandernadeln. Wo wanderte Goethe im Harz? Wo verlief die Grenze von Ost und West? Welche Geschichten sind tief in den Bergwerken verborgen? Der „Harzer Grenzweg“, der „Hexenstieg“, der „Harzer Steiger“ und „Goethe im Harz“ sind solche Sondernadeln.

Übrigens: Die Idee der Harzer Wandernadel wurde im April 2006 im Rahmen einer Arbeitsgelegenheit des Jobcenters in Wernigerode und Goslar in die Tat umgesetzt. Fünf Minijobber haben zunächst 158 Stempelkästen gebaut und aufgestellt. Die Idee fand so viel Anklang, dass auch Thüringen mitzog – und die Stempelstellen auf 222 aufgestockt wurden. Aus der Arbeitsgelegenheit wurde mehr. „Im ersten Jahr hatten wir zwei sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in unserem Team – heute sind es sechs“, so Dumeier. Im dritten Jahr wurden bereits 25 000 Stempelhefte verkauft. Auf Steuergelder ist der Verein nicht mehr angewiesen: „Wir finanzieren uns durch den Verkauf der Abzeichen und Andenken.“ Der Verein und seine Angestellten halten mit Wandermobil und mehr als 100 Freiwilligen die Stempelstellen instand – damit jeder Wanderer, der hinter einer Wegkuppe einen grünen Kasten entdeckt, auch den ersehnten Stempel ins Heftchen drücken kann.

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