Schily: Energiewende ist ein Desaster

Clausthal-Zellerfeld  Der Ex-Minister Otto Schily warnt in Clausthal vor den Folgen der Windkraft und der Energiewende im Großen und Ganzen.

Ex-Bundesinnenminister Otto Schily sprach in der Aula der TU Clausthal zur aus seiner Sicht komplett missratenen Energiewende.

Ex-Bundesinnenminister Otto Schily sprach in der Aula der TU Clausthal zur aus seiner Sicht komplett missratenen Energiewende.

Foto: Andre Dolle

Von Denkverboten hat sich Otto Schily noch nie einschüchtern lassen. Seine Biografie ist durchzogen von Brüchen. Schily wandelte sich vom Gründungsmitglied der Grünen zum Sozialdemokraten, vom RAF-Anwalt zum Bundesinnenminister. Man wird nicht falsch liegen, wenn man den Schily aus dem Jahr 2018 als Liberal-Konservativen bezeichnet. „Gegen Denkverbote“ sprach sich Schily am Mittwochabend in der Aula der TU Clausthal aus. Er forderte eine offene Debatte in der Energiewende – und eckte mit seinen Ausführungen vor den versammelten Forschern an.

Denn Schily stößt sich am wesentlichen Inhalt der Energiewende: Der besteht im Ausbau der erneuerbaren Energien und im vollständigen Ausstieg aus der Kernkraft. Der streitbare Ex-Minister bezeichnete die Energiewende als Desaster. „Um es gleich vorwegzunehmen“, sagte er. „Die Energiewende verfehlt sowohl unter finanziellem und wirtschaftlichem, als auch unter ökologischem, als auch unter sozialem Vorzeichen sämtliche Ziele.“ Spätestens jetzt wusste jeder in der Aula, wie der Ex-Grüne ein grünes Herzstück sieht.

Die Energiewende sei sündhaft teuer, sagte der 85-Jährige. „Deutschland hat heute nach Italien die zweithöchsten Strompreise in Europa für die Unternehmen und nach Dänemark die zweithöchsten Strompreise in Europa für die privaten Haushalte.“ Die Energiewende habe auch bei den großen Energieversorgungsunternehmen zu Milliardenverlusten geführt. Den RWE-Chef bezeichnete Schily nebenbei als „meinen Freund Jürgen Großmann“ – ein Absolvent der TU Clausthal.

Die Energiewende sei mit ihren vielen Subventionen „Planwirtschaft ohne Plan“. Verlierer seien Verbraucher und Firmen. Gewinner seien die „Subventionsprofiteure“, die es verstanden hätten, eine mächtige Lobby mit der gauklerischen Parole aufzubauen, die Energiewende sei angeblich ein Weg zu einer umweltverträglichen und nachhaltigen Energiepolitik. Auch in unserer Region streiten Befürworter und Gegner über die Windkraft (siehe Titelseite).

Schily berief sich auf laut eigener Aussage offizielle Studien, bezifferte die Kosten der Energiewende bis 2015 auf 150 Milliarden Euro. Alleine die EEG-Umlage habe 125 Milliarden betragen. Bis 2030 werde die Gesamtsumme auf 750 Milliarden wachsen.

Für seine Ausführungen erntete Schily einen zum Teil sehr emotional vorgetragenen Widerspruch. Professor Hans-Peter Beck etwa erklärte, dass Deutschland pro Jahr 120 Milliarden Euro an fossilen Brennstoffen wie Öl an Länder wie Dubai zahle. „Die erneuerbaren Energien produzieren wir hier selbst. Das schafft auch Arbeitsplätze.“

Vor allem an der Windkraft arbeitete sich Schily ab: Massive Verluste in der Vogelwelt, enormer Flächenverbrauch und Zerstörung von historisch gewachsenen Kulturlandschaften sei ihre Folge. Auch all diese Themen werden in unserer Region diskutiert, etwa mit Blick auf den Kaiserdom in Königslutter, der von einem Windpark umgeben werden soll.

Die Grünen mussten an diesem Abend stark sein. Schily zitierte seinen alten Kabinettskollegen Jürgen Trittin. Der habe gesagt, dass die Energiewende eine Kugel Eis koste. Schily: „Fragt sich, wie groß diese Kugel ist.“

Die Energiewende leiste auch keinen nennenswerten Beitrag zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes. „Deutschland hat gegenüber Frankreich einen 15-fach höheren CO2-Ausstoß!“ Außerdem führe die Subventionierung des Anbaus von Pflanzen zur Herstellung von Biogas und Biokraftstoffen zu riesigen Flächen und somit zu Monokulturen, die wiederum eine dramatische Verringerung der 26 bedeutendsten Singvogelarten in Deutschland und eine Einbuße von 75 Prozent der Insektenpopulation zur Folge hätten: „Eine ökologische Katastrophe!“

Schily bezeichnete die Energiewende auch unter sozialen Gesichtspunkten als „krasse Fehlkonstruktion“. Denn sie führe zu einer enormen Umverteilung von unten nach oben: „Der Rentner in Bochum und der Facharbeiter in einem Kohlekraftwerk zahlt die Subvention, die die Profiteure der Energiewende kassieren: der Anwalt in Starnberg für sein Solardach und der Eigentümer einer sonst wertlosen Fläche, der dort ein Windrad errichten lässt.“

Dann überraschte Schily mit einer Forderung: „Warum diskutieren wir nicht vorurteilsfrei, ob moderne Nukleartechnik sinnvollerweise in den Energiemix einbezogen werden sollte?“ Er warb für einen Reaktor, den es in Deutschland (noch) gar nicht gibt, seiner Meinung nach aber dringend geben sollte: der Dual Fluid Reaktor (DFR). Schily: „Es wird nicht zur Kenntnis genommen, dass auch die Technik für Atomkraftwerke nicht stehen geblieben ist.“

Der DFR, eine Art Super-Reaktor, biete viele Vorteile: „Er ist inhärent sicher, bei ihm kann eine Kernschmelze aus physikalischen Gründen nicht eintreten.“ Und, der absolute Clou: „Sie können den Atommüll soweit minimieren, dass ein Endlager nicht mehr erforderlich ist.“ Alle Gegner von Schacht Konrad in Salzgitter müssten begeistert sein.

Der DFR hat tatsächlich die Fähigkeit, abgebrannte Brennelemente aus heutigen Kernkraftwerken energetisch zu nutzen. Nur gibt es den DFR noch nicht. Schily bezifferte die Kosten für den Prototypen auf zehn Milliarden Euro – im Vergleich zur Energiewende sei das ein Klacks. Schily schloss mit den Worten: „Wenn dieser Abend dazu beiträgt, eine vorurteilsfreie Debatte über die Energiepolitik neu zu beleben, dann hätte sich mein Ausflug nach Clausthal-Zellerfeld gelohnt.“ Er bekam vorsichtigen Applaus.

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