„Frage-Überschriften können sinnvoll sein“

In der Ausgabe vom 2. August berichtete diese Zeitung erstmals über den Verdacht, dass Eier mit dem Insektizid Fipronil belastet sein könnten. Ein Leser kritisiert, dass der Beitrag viele Fragen offen ließ. Reproduktion: Jürgen Runo

In der Ausgabe vom 2. August berichtete diese Zeitung erstmals über den Verdacht, dass Eier mit dem Insektizid Fipronil belastet sein könnten. Ein Leser kritisiert, dass der Beitrag viele Fragen offen ließ. Reproduktion: Jürgen Runo

Braunschweig Leser Dieter H. Smala aus Vechelde schreibt zum Bericht „1,3 Millionen mit Insektizid belastete Eier im Handel?“ vom 2. August:

Zeitung will und soll informieren. Ja – mit Fragezeichen? Ich halte diese Art halbfertiger Berichterstattung für eine Unsitte. Zeitungsleser wollen aufgeklärt, nicht verunsichert werden! Sensations-Journalismus ohne Recherche haben wir schon genug – brauchen wir nicht.

In besagtem Artikel ist zu lesen: 1.) „könne schädlich sein“
2.) „kein Gesundheitsrisiko“

3.) „akutes Risiko für Kinder“

4.) „für andere Menschen ausgeschlossen“.

Eine kurze sachliche Meldung hätte genügt. Geschenkt. Es bleiben Fragen: Wie kann man die mit Fipronil belasteten Eier erkennen? Was soll man tun oder lassen? Das interessiert den Leser, das aufzuklären wäre doch eine schöne Aufgabe für Journalisten. Fehlt dann nur noch die Meldung, wie viele Kinder daran gestorben sind. Wenn nur ein Teil des Aufwandes, der für Sport oder Klatsch betrieben wird, für lebenswichtige Fragen verwandt würde, wäre uns schon geholfen.

Dazu schreibt der stellvertretende Chefredakteur Harald Likus:

Lebensmittel-Skandale sind auch für Journalisten ein Härtetest. Wie sauber lässt sich die Information über die tatsächlichen Risiken von der Empörung über Schludereien oder kriminelle Panschereien trennen? Wer kann – um auf dieses Beispiel zu kommen – wann genau sagen, wie viele belastete Eier ein Mensch unter welchen Umständen essen müsste, um Schaden zu nehmen?

Unser Leser hat Recht: Die knappe Zusammenfassung der frühen Gemengelage zum Eierskandal, an der er sich stört, war wenig erhellend. Gleich in der nächsten Ausgabe haben wir uns in umfangreichen Stücken auf der „Antworten“-Seite bemüht, den wirklich wichtigen Fragen à la „Wie erkenne ich belastete Eier?“ nachzugehen.

Für den Ombudsrat schreibt David Mache:

Leser Dieter H. Smala hält Überschriften mit Fragezeichen für eine Unsitte. Ganz ähnlich sehen das viele Journalistenausbilder. Sie sagen, „Journalisten beantworten Fragen – und geben keine Rätsel auf.“

Doch – Vorsicht, Frage! – ist dieses Dogma im Sinne einer möglichst umfassenden, korrekten Information der Leser sinnvoll?

Das Beispiel Fipronil-Ei zeigt das Dilemma bei komplexen, sich erst entwickelnden Nachrichtenlagen wie einem Lebensmittelskandal. Redaktionen wollen sachlich aufklären, ohne Panik zu schüren. Die Frage kann also das Mittel der Wahl sein, wenn gravierende Probleme oder Vorwürfe im Raum stehen, es aber nur wenige gesicherte Informationen oder unterschiedliche Einschätzungen gibt. Selbstverständlich sollte die Redaktion die aufgeworfene Frage recherchieren und beantworten – in der nächsten gedruckten Ausgabe und online so schnell wie möglich.

Apropos online: Eine Untersuchung der Norwegian Business School in Oslo kam zu dem Ergebnis, dass Beiträge, die Fragen aufwerfen, im Nachrichtendienst Twitter 150 Prozent häufiger geklickt wurden als Beiträge mit beschreibenden Überschriften.

Es spricht folglich einiges dafür, in ganz bestimmten Konstellationen Überschriften mit Fragezeichen zu verwenden. Zur Panikmache trägt die Überschrift „Belastete Eier im Handel?“ jedenfalls nicht bei. Die konkreten Fragen des Lesers hat die Redaktion dieser Zeitung in einer Reihe von Folgebeiträgen beantwortet.

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