Kommentar

Wo Macron recht hat

„Europa muss verstehen, dass die USA nicht mehr als Garantiemacht für alle Sicherheitsprobleme zur Verfügung stehen.“

Damit hätte Nato-Generalsekretär Stoltenberg rechnen müssen: Sein Kriseneinsatz in Paris, um Präsident Marcon vor dem Nato-Gipfel nächste Woche an die Leine zu nehmen, ist gescheitert. Auch in Stoltenbergs Gegenwart blieb Macron bei seiner harschen Kritik am Zustand des größten Verteidigungsbündnisses: Die Diagnose „hirntot“ für die Nato sei ein notwendiger Weckruf gewesen, so der Franzose. Für die Jubiläumsfeiern der Allianz verheißt das nichts Gutes.

Aber Macron weiß, was er tut – auch wenn sich jetzt mit Kanzlerin Merkel eine wichtige Verbündete von ihm abwendet und verkündet, die Nato sei mindestens so stark wie im Kalten Krieg. Ist sie das wirklich? Wohl kaum. Nüchtern betrachtet hat Macron mit seiner Analyse überwiegend recht. Er hat nur mit einem falschen medizinischen Begriff unzulässig zugespitzt – und mit seinem selbstherrlichen Stil die Debatte vergiftet. Inhaltlich stellt der Präsident ja nicht die militärische Funktionstüchtigkeit der Nato infrage, sondern benennt ein brisantes Problem: Dass die USA als Führungsnation der Allianz die Abstimmung mit den Verbündeten in zentralen Fragen verweigern, ist offenkundig. Europa muss verstehen, dass die USA nicht mehr als Garantiemacht für alle Sicherheitsprobleme zur Verfügung stehen.

Macrons Antwort darauf greift aber zu kurz. Nein, Europa ist auf mittlere Sicht eben nicht in der Lage, sich ohne den Partner USA selbst zu verteidigen. Das zu ändern dürfte über ein Jahrzehnt dauern und dreistellige Milliardensummen kosten. Es gilt deshalb erstens, die USA im Bündnis zu halten, dabei die strategische Abstimmung in der Nato zu verbessern. Und zweitens müssen die Europäer mit langem Atem endlich ihre eigene Verteidigungsfähigkeit stärken.

Auf diesen europäischen Aufbruch wollte wohl auch Macron hinaus, aber mit seiner „Schocktherapie“ erreicht er das Gegenteil.

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