Pflegeheime wollen sich nicht mehr abschotten

Gifhorn.  Wie kann man die Einrichtungen gut vor Infektionen schützen, ohne die Bewohner zu isolieren? Ein Besuch im Gifhorner Christinenstift.

Siegfried Voigt lebt seit 2018 im Gifhorner Christinenstift. Mitarbeitern Corinna Plickat ist auch Ansprechpartnerin für die Sorgen und Nöte der Bewohner. Nähe zuzulassen, gleichzeitig aber den nötigen Infektionsschutz zu wahren, ist eine riesige Herausforderung für die Pflegekräfte.

Siegfried Voigt lebt seit 2018 im Gifhorner Christinenstift. Mitarbeitern Corinna Plickat ist auch Ansprechpartnerin für die Sorgen und Nöte der Bewohner. Nähe zuzulassen, gleichzeitig aber den nötigen Infektionsschutz zu wahren, ist eine riesige Herausforderung für die Pflegekräfte.

Foto: Foto: Privat

Es vergeht kaum ein Tag, an dem Michael Möller nicht von verunsicherten Bewohnern angesprochen wird. Sie fragen: Muss das Heim bald zumachen? Können uns die Angehörigen weiter besuchen? Was ist mit Weihnachten? „Das Haus an den Feiertagen schließen zu müssen, wäre schlimm“, sagt er.

Möller leitet das Christinenstift in Gifhorn, eine Einrichtung, in der 297 Senioren wohnen und knapp 200 Mitarbeiter ein- und ausgehen. Pflege- und Altenheime sind in der Corona-Krise besonders gefährdet. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neue Coronavirus-Ausbrüche in solchen Einrichtungen gemeldet werden. Mitte voriger Woche waren nach Angaben des Sozialministeriums bereits 146 in Niedersachsen betroffen. Ist das Virus erst einmal in die Flure und Zimmer eingedrungen, verbreitet es sich rasend schnell. Möller ist dankbar für jeden Tag, an dem sein Heim von Infektionen verschont bleibt. „Bisher hatten wir Glück.“

Heimleitungen stehen vor einer scheinbar unlösbaren Aufgabe

Er sitzt mit Abstand und Schutzmaske in einem Besprechungszimmer und erzählt, wie alle beunruhigt verfolgen, dass die Infektionszahlen trotz strengerer Corona-Regeln weiter in die Höhe schnellen. Wieder diskutieren Politiker und Fachleute, ob die derzeitigen Regelungen reichen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen – oder ob die Kontakte nicht noch weiter eingeschränkt werden müssen. Und wieder werden die Mitarbeiter des Christinenstifts begleitet von der ständigen Sorge, das Virus in die Einrichtung zu tragen.

Die Heimleitungen stellt das vor eine scheinbar unlösbare Aufgabe. Möller muss ständig abwägen zwischen der Würde von alten Menschen, ihrer Selbstbestimmtheit, aber auch der Notwendigkeit, sie bestmöglich zu schützen. „Die Bewohner komplett zu isolieren, wollen wir vermeiden, auch wenn das Risiko einer Infektion dadurch drastisch sinken würde“, sagt er. Kontakte zuzulassen bedeute aber auch, mit der ständige Sorge vor einem Corona-Ausbruch zu leben. „Es wird kein Heim geben, das vor Infektionen geschützt ist.“

Als während des ersten Lockdowns im Frühjahr Heime quasi von der Außenwelt abgeschottet wurden, war die Dachstiftung Diakonie Kästorf eine der ersten gewesen, die öffentlich und eindringlich vor den Folgen einer weit reichenden Isolation warnte. Inzwischen hat man sich in vielen Einrichtungen zum Strategiewechsel entschieden. In der zweiten Corona-Welle sollen die Pflegeheime möglichst offen bleiben, so lange es geht. In der Corona-Verordnung des Landes sei ganz klar ein Recht auf Besuch verankert, sagte Sozialministerin Carola Reimann jüngst in einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Dieses Recht könne nur eingeschränkt werden, wenn es triftige Gründe dafür gibt. „Das ist ein sensibler Abwägungsprozess.“

Für Heimleiter Möller bedeutet das, die Lage immer wieder neu bewerten zu müssen. „Auf der einen Seite gibt es strikte Vorgaben, auf der anderen Seite heißt es: Ihr regelt das schon“, sagt er. So müsse jeder die bestmögliche Lösung für seine Einrichtung finden.

Für Besuche gelten Einschränkungen, aber die werden meist akzeptiert

Wer das Christinenstift betritt, muss eine Maske aufsetzen, sich die Hände desinfizieren und am Eingang Fieber messen. In den Fluren riecht es nach Desinfektionsmitteln. Das Gebäude ist unterteilt in drei Trakte, die voneinander abgetrennt sind – damit nicht gleich das ganze Haus geschlossen werden muss, sollte es einen positiven Fall in der Einrichtung geben. Auch die Wohnbereiche sind voneinander getrennt. Gesellige Treffen, Konzerte, gemeinsames Singen und Gymnastik in großen Gruppen – all das geht nicht mehr. Jetzt gibt es Angebote in den einzelnen Bereichen. Und statt im Speisesaal mit anderen Bewohnern zu essen, sitzen die Bewohner während der Mahlzeiten in ihren Zimmern. Das wurde als das kleinere Übel gesehen.

Auch für Besuche gelten Einschränkungen. Sie sind für eine Stunde erlaubt, Besucher müssen Schutzkleidung tragen und Maske, müssen Abstand halten und dürfen in den Räumen nicht essen. „Natürlich weiß man nicht immer, was hinter den Türen passiert, sagt Sozialbetreuerin Sonja Milobinski. Es habe ein Stück mit Vertrauen zu tun, dass sich Bewohner und Besucher angemessen verhalten. Und nach ihrer Erfahrung tun sie das auch. Ebenso wie die Mitarbeiter, die in der Einrichtung ein- und ausgehen.

Ihre Kollegin Kerstin Oldenburg nickt. „Wir gehen sensibel mit dem Thema um, versuchen im Privaten, Kontakte zu reduzieren“, sagt die Pflegefachkraft. Abstand halten, achtsam sein, das begleite sie durch den Alltag. „Und Hygiene, Hygiene – desinfizieren, waschen, bis die Hände rau sind. Wenn etwas passiert, ist das der Super-GAU.“

Pflegekräfte arbeiten seit Monaten im Ausnahmezustand

Seit Monaten arbeiten die Mitarbeiter im Ausnahmezustand. Als Besuche im Frühjahr nicht mehr möglich waren, blieben den Bewohnern nur noch die Pflegekräfte als Kontaktpersonen, sie mussten trösten, beruhigen, Mut machen, zuhören, auch mal mit de Bewohnern spazieren gehen – zusätzlich zu ihren sonstigen Aufgaben. Es ging darum, die Isolation irgendwie erträglich zu machen, die Folgen der Einsamkeit abzuschwächen.

Auch die Bewohner blicken mit gemischten Gefühlen auf diese Zeit zurück. „Ich habe mich ein bisschen eingesperrt gefühlt“, sagt Erna Blum. Die 90-Jährige lebt seit 15 Monaten im Christinenstift. Ihr Sohn und ihre Tochter seien sonst zweimal in der Woche mit ihr spazieren gegangen, doch das sei plötzlich weggefallen ebenso wie die Krankengymnastik. „Da ist alles zum Stillstand gekommen.“ Glücklicherweise sei Sonja Milobinski mit ihr im Heim auf- und abgegangen, mittlerweile sei sie schon wieder viel besser unterwegs. Die Einschränkungen in der Einrichtung hält sie trotz allem für richtig, ungeschützt wolle schließlich keiner dem Virus ausgeliefert sein.

„Wir waren nicht nur Mitarbeiter, sondern für viele Bewohner auch Familienersatz“, sagt Sonja Milobinski. Man sei noch enger zusammengerückt. Gleichwohl leugnet sie nicht, dass die Belastung hoch ist. „In unserem Job kann man nicht einfach nach Feierabend abschalten.“ Das sieht auch ihre Kollegin Kerstin Oldenburg so: „Selbst im Urlaub bin ich mit den Gedanken immer im Heim.“

„Und trotzdem ist es erstaunlich, wie viele von uns das mental gut verarbeiten“, ergänzt Sonja Milobinski. „Es ist doch ein ständiger Druck: Egal, wie ich mich vorsehe, ich spüre möglicherweise nicht, ob ich das Virus ins Heim trage.“ Es ist ihre größte Sorge: sich infiziert zu haben, ohne es zu merken.

Schnelltests sind noch nicht überall verfügbar

Antigen-Schnelltests , wie sie schon in einigen Alten- und Pflegeheimen eingesetzt werden, sollen Mitarbeitern, Bewohnern und Angehörigen mehr Sicherheit geben und das Risiko von Infektionen verringern. Mit einem Stäbchen wird ein Nasen-Rachen-Abstrich genommen, nach etwas 20 Minuten liegt ein Ergebnis vor. Seit Mitte Oktober ist diese Methode mit der Testverordnung sogar Teil der nationalen Teststrategie . „Doch nicht überall sind solche Tests schnell verfügbar“, sagt Heimleiter Möller.

Tatsächlich berichten viele Träger von Lieferengpässen, die Nachfrage ist so groß, dass es noch Wochen dauern könnte, bis alle Heime solche Tests auch einsetzen können. Und der Einsatz ist auch kein Allheilmittel: Im Vergleich zu den herkömmlichen PCR-Tests sind Schnelltests weniger genau. Virologen wie Hendrik Streeck warnen deshalb: Es könne vorkommen, dass infizierte Menschen mit einer niedrigen Viruslast im Rachen gar nicht entdeckt werden. Durch die Tests werden strenge Kontakt- und Hygieneregeln ohnehin nicht überflüssig. Und die Gefahr, dass gerade bei älteren Menschen eine Coronavirus-Infektion schwer verläuft, bleibt nach wie vor hoch.

Die 90-jährige Erna Blum hat inzwischen gelernt, mit dieser Gefahr zu leben. Als die Corona-Krise über die Welt hereinbrach und ältere Menschen wie sie in die Isolation zwang, habe sie die Hoffnung nicht aufgegeben. „Ich habe gehofft, dass es bald besser wird“, sagt sie.

„Man sagt ja, die Hoffnung stirbt zuletzt.“

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