Braunschweiger mittendrin im Wettlauf um Corona-Medikament

Braunschweig.  Corat Therapeutics setzt auf Antikörper. Die Firma zählt sich selbst zu den schnellsten Programmen. Dabei sind 15 Wirkstoffe in klinischer Phase.

Die Forscherin Katharina Kleilein untersucht an der Sterilbank im Labor des Braunschweiger Startups Yumab die optische Dichte einer Bakterienkultur. Das Unternehmen forscht zur Entwicklung menschlicher Antikörper und versucht so, ein Medikament gegen Covid-19 zu entwickeln.

Die Forscherin Katharina Kleilein untersucht an der Sterilbank im Labor des Braunschweiger Startups Yumab die optische Dichte einer Bakterienkultur. Das Unternehmen forscht zur Entwicklung menschlicher Antikörper und versucht so, ein Medikament gegen Covid-19 zu entwickeln.

Foto: Ole Spata / dpa

US-Präsident Donald Trump betonte es im Wahlkampf in den USA bei seinen Auftritten immer wieder: „Und wisst Ihr, wer es bekommen hat? Ich!“ Er meinte die Ansteckung mit dem Corona-Virus. Bei einem anderen Auftritt erklärte Trump: „Ich hatte es, hier bin ich.“ Das sollte zeigen: Ist doch alles nicht so schlimm – und wurde von vielen Beobachtern als verantwortungslos kritisiert.

Trump war unter anderem mit einem zu dem Zeitpunkt noch experimentellen Antikörper-Medikament behandelt worden, das er als „Heilmittel“ bezeichnete. Es handelte sich um das Mittel REGN-COV2 des US-Biotech-Unternehmens Regeneron.

WHO zieht vernichtendes Fazit

Doch das von Trump gepriesene Mittel hält noch nicht, was es verspricht. Regeneron musste das Medikament nach einer sehr kurzen Zeit wieder vom Markt nehmen, nachdem es durch Trump zu großer Bekanntheit gelangt war.

So geht es nicht nur Regeneron. Das von so vielen erhoffte Wundermittel ist noch nicht erkennbar, im Gegenteil. Erst Mitte Oktober ging die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit einem vernichtenden Fazit an die Öffentlichkeit: Mehrere in weltweiten Testreihen überprüfte, potenzielle Corona-Medikamente haben nach Angaben der WHO wenig oder keinen Nutzen gezeigt. Das ging aus Daten der von der WHO koordinierten Solidaritätsstudie hervor. Unter den überprüften Mitteln ist auch Remdesivir. Es erhielt im Juli als erstes Mittel überhaupt in Europa eine Zulassung unter Auflagen zur spezifischen Behandlung von bestimmten Covid-19-Patienten.

Es ist daher erklärlich, dass Forscher aus Braunschweig, die ebenfalls unter Hochdruck an einem Corona-Medikament arbeiten, nicht gerade die Öffentlichkeit suchen. Und sie stapeln tief, weil sie genau wissen, wie schwer es ist, ein neues Corona-Medikament auf den Markt zu bringen. Gerade in dieser Kürze der Zeit.

Braunschweiger Medikament basiert auf Antikörpern

Doch das Team um Yumab- und Corat-Therapeutics-Chef Thomas Schirrmann ist zuversichtlich. Alles andere wäre ja auch sinnlos. Corat Therapeutics wurde erst Mitte Mai gegründet. Hinter dem kleinen, hoch spezialisierten Biotech-Unternehmen steht die Yumab GmbH, eine Ausgründung der TU Braunschweig und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung. Nötig wurde die Gründung von Corat Therapeutics, weil Yumab zwar einen Forschungsauftrag, nicht aber den Auftrag zur Entwicklung eines Corona-Medikaments hat.

Wie beim angeblichen Wundermittel, das Trump verabreicht bekommen hat, forschen auch die Braunschweiger an einem Corona-Medikament, das auf Antikörpern basiert. Die Braunschweiger bereiten derzeit die Phase eins der klinischen Studien vor. Anfang des nächsten Jahres sollen dann die ersten Tests an Freiwilligen vorgenommen werden.

Bis zu 100 Personen sind involviert

Laut Schirrmann ist Corat Therapeutics derzeit „virtuell“ organisiert, das heißt, die meisten Arbeiten werden extern im Auftrag ausgeführt. „Alles andere wäre in so kurzer Zeit auch nie organisierbar gewesen“, so Schirrmann.

Die Braunschweiger forschen seit Anfang des Jahres an einem Corona-Medikament, haben alles andere hinten angestellt. In der Summe arbeiten zwischenzeitlich 50 Leute bei einzelnen Schritten mit. „Insgesamt waren bisher über 100 Personen an der einen oder anderen Stelle involviert“, sagte Schirrmann.

Das Kernteam in Braunschweig besteht gegenwärtig nur aus acht Leuten. „Die Firma wird im ersten Quartal nächstes Jahr auf 15 Leute aufstocken müssen, um die fortgeschrittenen Studien bis zur Marktzulassung durchzuführen“, sagte Schirrmann.

Corat Therapeutics benötigt noch 60 Millionen – mindestens

Dafür ist viel Geld notwendig. Erst im Sommer bekam Corat Therapeutics eine Millionen-Finanzspritze von der landeseigenen NBank sowie von zwei Unternehmern und einem Privatier aus Braunschweig. Die drei Braunschweiger wollen für die Öffentlichkeit unbekannt bleiben. Obwohl sie hohes Risiko eingehen und mit ihrem Geld Gutes für die Allgemeinheit tun. Sie fürchten einen gewissen Neidfaktor, hieß es auf Anfrage unserer Zeitung.

Vor der klinischen Phase 1-Studie liegt die Erfolgs-Chance für ein Entwicklungsprogramm bei unter 3 Prozent, danach steigt sie auf über 25 Prozent. Es gibt drei klinische Phasen, die sich im Wesentlichen in der Anzahl der Probanden unterscheidet. Die Prozentzahlen sind aber nur durchschnittliche Werte. „Wir haben hier bei unserem Wirkstoff eine besondere Situation, weil der Wirkmechanismus klar ist und unsere Daten sehr gut aussehen. Ich denke, dass wir die Erfolgschancen objektiv deutlich höher einschätzen dürften“, sagte Schirrmann.

15 Wirkstoffe in Deutschland in klinischer Phase

Der Geschäftsführer schätzt die Summe, die das Unternehmen noch benötigt, um das Medikament zur Marktreife zu bringen, auf mindestens 60 Millionen Euro. Das Geld von der NBank und von den drei Braunschweigern reicht noch bis zur ersten Phase der klinischen Studie. Es handelte sich um einen eher niedrigen einstelligen Millionenbetrag. Schirrmann sucht parallel zu den weiteren Forschungs-Arbeiten nach Sponsoren. „Ansonsten verlieren wir wertvolle Zeit.“ Auch Gespräche mit verschiedenen Pharmafirmen laufen. Die sollen das Medikament dann auf den Markt bringen.

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Es ist ein Wettlauf. Laut dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das Medikamente prüft und genehmigt, sind derzeit alleine in Deutschland 15 Wirkstoffe bereits in klinischen Phasen. Zu den Bemühungen der Braunschweiger und deren Erfolgs-Chancen darf die Sprecherin des PEI nichts sagen, da es sich um Vertraulichkeit handele.

Die Braunschweiger nehmen den Wettbewerb gerne an. Dass andere bereits in der klinischen Phase sind, macht Schirrmann nicht nervös. Seine Firma habe schnell aufgeholt. Außerdem müssten andere Hersteller beziehungsweise Forscher immer wieder nachbessern. Er ist sogar so selbstbewusst, um zu sagen: „Wir sind in Europa sicher eines der schnellsten, möglicherweise das schnellste Programm.“ Da darf man gespannt sein.

Besser mehrere Medikamente

Die Aufmerksamkeit der Politik haben die Braunschweiger längst auf sich gezogen. Landeswirtschaftsminister Bernd Althusmann und Landeswissenschaftsminister Björn Thümler (beide CDU) haben sich Yumab angesehen. Die NBank, die Millionen locker gemacht hat, untersteht Althusmanns Ministerium. Corat Therapeutics war auch schon Thema im Landtag.

Für Schirrmann ist gar nicht entscheidend, wer der erste auf dem Markt ist: „Am Ende wird die Qualität des Medikamentes, das heißt Wirksamkeit und Sicherheit, entscheiden.“ Außerdem sei wichtig zu begreifen, dass die Zahl der Covid-19-Patienten in den nächsten Jahren so hoch sein wird, das niemand allein den Markt abdecken könne. Schirrmann: „Mehr Medikamente können nur zum Vorteil für den Patienten sein.“

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