Mord an Pastorenfrau bei Hötzum: Ameise überführt Klaus Geyer

Beienrode.  Vor 22 Jahren wurde mit Klaus Geyer erstmals ein Geistlicher in der Bundesrepublik wegen Totschlags verurteilt. Er leugnet die Tat bis zu seinem Tod.

Klaus Geyer (links) mit seinem Verteidiger, Rechtsanwalt Bertram Börner, während der Verhandlung im Februar 1998 vor dem Braunschweiger Landgericht.

Klaus Geyer (links) mit seinem Verteidiger, Rechtsanwalt Bertram Börner, während der Verhandlung im Februar 1998 vor dem Braunschweiger Landgericht.

Foto: David Taylor

„Weil nicht sein kann, was nicht sein darf“, heißt es in dem Gedicht „Die unmögliche Tatsache“ von Christian Morgenstern. Vielleicht lässt sich damit die fassungslose Ungläubigkeit angesichts dessen erklären, was vor 22 Jahren Stück für Stück ans Licht der Öffentlichkeit kommt – in einem aufsehenden Indizienprozess, der weit über die Region hinaus in ganz Deutschland für riesige Aufmerksamkeit sorgt. Als das Landgericht Braunschweig am 16. April 1998 den evangelischen Pastor Klaus Geyer aus Beienrode bei Königslutter des Totschlags an seiner Frau für schuldig befindet und zu acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, wird mit diesem Urteil Kriminalgeschichte geschrieben: Noch nie zuvor war in der Bundesrepublik ein Geistlicher wegen eines Tötungsdeliktes angeklagt und verurteilt worden.

Leiche der Pastorenfrau bei Wolfenbüttel gefunden

Die Ereignisse überschlagen sich in jenem Sommer 1997. Am 25. Juli meldet Klaus Geyer seine Frau bei der Polizei als vermisst: Die Beienroder Ortsbürgermeisterin Veronika Geyer-Iwand ist von Besorgungen in der Braunschweiger Innenstadt nicht nach Hause zurückgekehrt. Einen Tag später faxt Geyer unserer Zeitung ein Flugblatt mit der Schlagzeile „Hilfe! Ein Mensch ist verschwunden!“ Dann geht es Schlag auf Schlag: Am 27. Juli wird der rote Passat der Religionspädagogin am Braunschweiger Hauptbahnhof gefunden, am Abend des 28. Juli entdeckt ein Jagdpächter die Leiche der Pastorenfrau mit zertrümmerten Schädel in einem Waldstück bei Hötzum im Kreis Wolfenbüttel. 29. Juli: Klaus Geyer wird unter Mordverdacht festgenommen. 30. Juli: Es wird Haftbefehl gegen ihn erlassen.

Zwischenmenschliche Beziehungen, die mit Mord und Totschlag enden, sind traurigerweise an der Tagesordnung – dafür gibt es damals und wie heute tagtäglich erschütternde Beispiele. Aber ein Pastor als möglicher Täter? Jemand der seiner Gemeinde von der Kanzel die christlichen Werte und Gottes Gebote als Richtschnur ihres Handelns predigt? Das ist Zündstoff, der für unglaubliches mediales Interesse sorgt. Beienrode wird umgehend heimgesucht von Kamerateams und Sensationstouristen, die sich den Ort „nur mal anschauen wollen, wegen dieser grässlichen Tat“. Unter den Prozess-Zuschauern sind neben den Pressevertretern auch viele Menschen aus dem rund 600 Einwohner zählenden Wohnort des Ehepaars dabei. Sie schwanken zwischen blankem Entsetzen und ernsthaften Zweifeln.

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Was in diesem Prozess an insgesamt 20 Verhandlungstagen zutage gefördert wird, ist in jedem Fall dazu angetan, den Glauben in das zu erschüttern, was für Christen ein moralischer Kompass sein soll. Gleich mehrere Affären gibt der Theologe, der seit Mitte der 70er Jahre Gemeindepfarrer in Beienrode und zeitweilig Vize-Superintendent des Kirchenkreises Wolfsburg sowie Bundesvorsitzender der Aktion Sühnezeichen war, zu. Seine Frau habe davon gewusst, man sei „erwachsen“ damit umgegangen: „Diese Unterleibsprobleme waren für uns nicht der Punkt“, sagte er im Prozess.

Das alles irritiert zutiefst – nicht nur die Gläubigen in seiner Gemeinde. In Leserbriefen an unsere Zeitung wird ausgiebig gestritten – darüber, ob die Berichterstattung über den Sensationsprozess einem „Rufmord“ gleich kommt und ob dem unter Mordverdacht stehenden Ehemann die Teilnahme an der Beerdigung ermöglicht werden sollte: „Der Herr Pfarrer mag in stillem Gebet der Seele seiner verstorbenen Ehefrau gedenken, wenn er es denn ehrlich meint“, heißt es da. Manche wähnen die Kirche in einem Dilemma („Gelten die zehn Gebote denn für Pastoren nicht?“), andere verteidigen den Angeklagten („Ein Pastor ist auch nur ein Mensch“).

Im Laufe des aufsehenerregenden Indizienprozesses, in dem das Gericht mehr als 80 Zeugen befragt und rund 8500 Aktenseiten wälzt, tun sich immer mehr Ungereimtheiten auf. Klaus Geyer muss seine ursprünglichen Angaben zum Teil revidieren und wird immer unglaubwürdiger. Die Stimmung unter denen, die ihn der Tat für unfähig halten, kippt zunehmend. Als dann noch herauskommt, dass er versucht hat, eine seiner Freundinnen zu einer Falschaussage zu überreden, um ihn damit zu entlasten, ist sein Ruf endgültig beschädigt.

Ameisen überführen Pastor Klaus Geyer

Am Ende sind es die ganz kleinen unter Gottes Geschöpfen, die dem Geistlichen zum Verhängnis werden. Einer der zahlreichen Gutachter, die gehört werden, ist der heute sehr bekannte Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke. Er hat in diesem pikanten Prozess so eine Art Debüt: Mit Hilfe seiner Expertise, bei der er das Alter von Maden, die an der Leiche gefunden wurden, bestimmt, kann der Todeszeitpunkt des Opfers auf einen Zeitraum eingegrenzt werden, für den der tatverdächtige Pastor kein Alibi hat.

Auch winzige Ameisen spielen eine wichtige Rolle: Der Görlitzer Ameisenexperte Dr. Bernhard Seiffert bestätigt, dass ein unter den Gummistiefeln des Pastors gefundenes Exemplar zur gleichen Gattung gehört, wie zwei weitere Ameisen, die an der Bluse des Opfers gefunden wurden. Sie alle stammen vom Fundort der Leiche.

Übersicht zum Fall Geyer

Geyer bestreitet die Tat bis zuletzt

Für die Schwurgerichtskammer am Landgericht Braunschweig ist es schließlich bewiesen, dass Klaus Geyer seine Ehefrau erschlagen hat, sie befindet ihn für schuldig und spricht das Urteil: acht Jahre Haft. Ein Geständnis hat der Geistliche nie abgelegt. Im Gegenteil: Selbst im Gefängnis trägt er weiter seinen Ehering und lässt durchblicken, dass der wahre Mörder noch nicht gefunden sei: „Die größte Rehabilitation wäre, wenn die Mörder sich fänden, wenn es eine Spur geben würde“, sagte er im Gespräch mit einer Reporterin vor laufender Kamera.

Nach fünf Jahren und vier Monaten kommt Geyer im November 2002 vorzeitig aus der Haft frei – wegen einer Krebserkrankung, an der er ein Jahr später kurz vor der geplanten Hochzeit mit einer Pastorin aus Hannover verstirbt.

Die traurige Sensationsgeschichte vom Pastor, der seine Frau erschlug, taugt schlussendlich noch als Kulturvorlage: Im Oktober 1999 bringt das Staatstheater Braunschweig das Drama „Dunkelheit ist wie das Licht“ auf die Bühne, im März 2003 zeigt das ZDF den Spielfilm „Mord im Haus des Herrn“.

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In unserer Crime-Serie zeigen wir drei Monate lang die verbrecherische Seite unserer Region: Die spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre und die harte Arbeit der Ermittler, die Täter ihrer gerechten Strafe zuführt – manchmal nach Jahrzehnten.

Jede Woche rollen wir wahre Fälle zwischen Harz und Heide auf. Unsere Reporter sprechen mit Ermittlern, Richtern, Forensikern und Staatsanwälten über die Verbrecherjagd, begleiten eine Tatortreinigerin bei der Arbeit und stellen Vereine vor, die sich für die Interessen der Opfer einsetzen.

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