Leitartikel

Die Seele verkauft

„Diese Leichtathletik-WM war das abschreckendste Beispiel für die Folgen von Verantwortungslosigkeit im Weltsport.“

Ute Berndt

Was haben die Leichtathleten in den vergangenen Jahren für tolle Titelkämpfe gefeiert! Bei der Weltmeisterschaft in London 2017 oder der Europameisterschaft in Berlin 2018 jubelten zehntausende Fans den Athleten zu, sorgten in Wechselwirkung mit den Stars für elektrisierende Gänsehaut-Momente und trugen die Begeisterung für den Sport auch in die Innenstädte, wo bei Medaillenzeremonien die Topleistungen erneut gewürdigt wurden.

Wer sich diese Eindrücke nochmal vor Augen führt, wird den Verrat als umso schlimmer empfinden, den der internationale Verband seinen Sportlern mit der WM-Vergabe in die Wüste von Katar angetan hat. Was für eine respektlose Entscheidung, Athleten mitten in der Nacht mit Hitzepillen unter immer noch unerträglichen Bedingungen in einer Art Dampfsauna starten zu lassen oder in einem Stadion, das zwar runtergekühlt ist, aber in dem die Ränge leer bleiben. Ganz abgesehen vom umwelt- und klimapolitischen Wahnsinn.

Aus dem Desaster mit Ansage wurde ein Skandal, weil vonseiten des Weltverbands auch noch versucht wurde, Kamerabilder von kollabierenden Sportlern, Notfallmedizinern, Tragen und Rollstühlen zu verhindern. Und, wie es Präsident Sebastian Coe tat, die vielen kritischen Stimmen und Sorgen der Athleten einfach abzubügeln.

Es ist ja legitim, wenn eine Sportart neue Märkte erobern will, wie es zur Begründung der WM-Vergabe nach Doha hieß. Doch welchen Leichtathletik-Markt soll es in Katar geben, in einem Land kleiner als Schleswig-Holstein, das von den Nachbarn isoliert ist und in dem menschenfeindliches Klima über weite Strecken des Jahres keinen Freiluftsport zulässt?

Ehrlicherweise hätte man sagen sollen, dass Märkte erobern nichts anderes als Geldquellen erschließen bedeutet. Dafür drängt sich das reichste Land dieser Erde ja auf, und deshalb haben für 2022 auch schon die Fußballer mit ihrer WM zugegriffen. Den kickenden Spitzensportlern und ihren Fans wird es dann übrigens besser ergehen, weil es im November/Dezember nicht so mörderisch heiß ist.

Für 2032 heißt es, wolle sich der Emir von Katar um die Olympischen Spiele bewerben. Da bietet sich für IOC-Chef Thomas Bach und seine Getreuen zwar auch kein Sportmarkt an, aber – Achtung Ironie – neben den Einnahmen ein toller Vermarktungsgag: Denn diese Sommerspiele mit ihren vielen Freiluft-Wettkämpfen müsste man im Winter machen – das hat es auch noch nie gegeben!

Diese Leichtathletik-WM jedenfalls war das bisher abschreckendste Beispiel für die Folgen von Verantwortungslosigkeit und Korruption im Weltsport, weil sie auch noch auf dem Rücken der Athleten abgeladen wurden. Wie wär’s, wenn sie selbst künftig mal die Großereignisse vergeben dürften?

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