Serie zur Grenzöffnung: Landschaftspflege mit Harzer Rotvieh

Walkenried.  Familie Hanke aus Werna betreibt seit der Wende einen Biobetrieb.

Ursula, Manfred und Jan Hanke (von links) sind Landwirte aus Walkenried.

Ursula, Manfred und Jan Hanke (von links) sind Landwirte aus Walkenried.

Foto: Beatrix Flatt

Jan Hanke kommt morgens mit einem Eimer Äpfel an das Grüne Band zwischen Ellrich und Walkenried im Südharz und ruft sein Harzer Rotvieh.

Die Mutterkuhherde aus muskulösen, rotbraunen Tieren mit schwungvoll gebogenen Hörnern kommt schnell den Berg hinauf gelaufen und genießt das unerwartete Frühstück. Familie Hanke ist begeistert von ihren Tieren. „Diese Rasse passt ans Grüne Band. Sie ist widerstandsfähig, robust und genügsam. Die Tiere fressen selbst Brombeeren und Holunderbüsche“, sagt Jan Hanke. Der Landwirtschaftsmeister beweidet mit seinem Harzer Rotvieh etwa sieben Kilometer Grünes Band auf einer Fläche von 45 Hektar. „Wir betreiben mit unseren Tieren Landschafts- und Wiesenpflege“, erklärt er. „Wenn Wiesen mehrere Jahre nicht ordentlich bewirtschaftet werden, verbuschen sie“, ergänzt seine Mutter, Ursula Hanke. Sie freut sich, dass durch die ordentliche Beweidung im Frühjahr sogar wieder Orchideen auf den Wiesen blühen. „Die Tiere sind gut im Fleisch, obwohl sie nur auf armen Böden weiden“, kommentiert Senior Manfred Hanke.

Der Betrieb verkauft jährlich 40 Bullen Harzer Rotvieh aus eigener Nachzucht. Die Tendenz ist steigend. 90 Prozent des Fleisches landen in einem Braunschweiger Lebensmittelmarkt mit mehreren Filialen. „Das Fleisch ist zart und begehrt“, sagt Jan Hanke. Die Nachfrage könne er gar nicht decken. „Wir legen Wert darauf, dass unsere Tiere separat vermarktet werden“, betont der Landwirt. Ab und zu steht Biolandwirt Hanke selbst an der Theke, um mit den Kunden ins Gespräch zu kommen und um zu erklären, wo das Fleisch herkommt und wie die Tiere gehalten werden.

Vor der Grenzöffnung bewirtschafteten Ursula und Manfred Hanke einen kleinen Betrieb in Walkenried im Südharz mit 16 Milchkühen und Ackerland. Manfred Hanke arbeitete zusätzlich im Wald, um das Einkommen der Familie zu sichern. Von der kleinen Landwirtschaft alleine konnten sie nicht leben. Der Betrieb lag an der Straße nach Ellrich und war das letzte Haus in Niedersachsen vor der Grenze zur DDR. „Es gab hier keinen Verkehr, so dass wir die Kühe einfach über die Straße auf die Weide treiben konnten“, erinnert sich Manfred Hanke. „Ich habe 800 Meter direkt entlang der Grenze bewirtschaftet und den ganzen Grenzausbau verfolgt, auch wie die Minen verlegt wurden.“

Dann kam die Grenzöffnung. Hankes wollten ihren Betrieb erweitern und waren auf der Suche. 1992 kauften sie einen Teil der ehemaligen LPG „Rote Banner“ im etwa sieben Kilometer entfernten Werna, das zur Stadt Ellrich gehört.

„Ich wollte eigentlich den Betrieb mit den ehemaligen Mitarbeitern der LPG gemeinsam führen“, erzählt Manfred Hanke. „Aber es fand sich niemand, der einsteigen wollte. Also machten wir es allein.“ Ursula Hanke ist heute noch begeistert, wie gut sie in dem Dorf aufgenommen wurden. „Es wurde unser zweites Zuhause.“

Der Hof hat seinen historischen Namen wieder bekommen und heißt heute offiziell Martinshof. 2003 wurden die entscheidenden Weichen für den heutigen Betrieb gestellt. In Thüringen wurde ein Biobetrieb gesucht, der Harzer Rotvieh züchtet und vermarktet. Das war die Stunde von Ursula Hanke. „Ich war schon immer eine Befürworterin der ökologischen Landwirtschaft. „Also gründete ich im Alter von 50 Jahren einen eigenen Betrieb und kaufte acht Kühe Harzer Rotvieh.“ Die gelernte Hauswirtschaftsmeisterin und Bäuerin kannte die Tiere aus ihrer Kindheit, da es auf dem kleinen Bauernhof ihrer Eltern im Harz auch eine Kuh dieser Rasse gab. Mittlerweile hat Sohn Jan Hanke einen Großteil des Betriebes übernommen und 2014 komplett auf „Bio“ umgestellt. Manfred Hanke, der über Jahrzehnte seinen Betrieb konventionell betrieben hat, sagt: „Wenn ich sehe, was heute gespritzt wird, bin ich froh, dass wir auf Bio umgestellt haben.“

Das Harzer Rote Höhenvieh, wie es korrekt bezeichnet wird, zählt zu den ältesten Nutztierrassen. Es war ursprünglich eine Dreinutzrasse, das heißt, die Tiere lieferten Milch und Fleisch und eigneten sich als Arbeitstiere. In den 50er Jahren kreuzte man andere Rassen ein, um die Milchleistung zu erhöhen. Damit war die alte Rasse vom Aussterben bedroht. In den 80er Jahren begann man durch Rückzüchtung, eine neue Population aufzubauen.

Der Bestand ist dank der Züchter im Harz wieder angewachsen. Mit 250 Tieren hat der Martinshof die größte Harzer-Rotvieh-Herde in Thüringen. „Die robusten Tiere können magere Wiesenflächen ganzjährig beweiden und von Verbuschung frei halten. Sie betreiben Landschaftspflege“, sagt Ursula Hanke. „Ohne die Flächen im Grünen Band hätten wir im letzten Jahr aufgrund der Trockenheit nicht genug Futter für unsere Tiere gehabt“, unterstreicht Jan Hanke die Bedeutung für den Betrieb. „Die meisten unserer Flächen im Grünen Band gehören der Stiftung Naturschutz Thüringen, von der ich das Grünland gepachtet habe.“

Der Martinshof, der Bioland zertifiziert ist, kann allerdings im Moment sein Fleisch nicht als Bioware verkaufen, da es in der Region keine geeignete ökozertifizierte Schlachterei gibt. „Die Politik fördert Biobetriebe, aber nicht die regionalen Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen“, kritisiert der Biolandwirt. Für ihn ist das kein Problem. Seine Biotiere fährt er selbst in eine Schlachterei in der Region, und der Preis an der Ladentheke passt auch ohne Biosiegel.

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