„Technik soll dem Menschen dienen – nicht umgekehrt“

Braunschweig.  An der TU Braunschweig haben Wissenschaftler bei einer Fachtagung über die Veränderungen in der Arbeitswelt von morgen diskutiert.

Ein Mädchen versucht im Reisezetrum des Berliner Hauptbahnhofs mit "Semmi", einem Roboter vom Kundenservice der Deutsche Bahn, auf Spanisch zu sprechen. Die neue "Kollegin" funktioniert durch Künstliche Intelligenz (KI) und soll Reisenden Auskunft in mehreren Sprachen geben und weiterhelfen.

Ein Mädchen versucht im Reisezetrum des Berliner Hauptbahnhofs mit "Semmi", einem Roboter vom Kundenservice der Deutsche Bahn, auf Spanisch zu sprechen. Die neue "Kollegin" funktioniert durch Künstliche Intelligenz (KI) und soll Reisenden Auskunft in mehreren Sprachen geben und weiterhelfen.

Foto: Lisa Ducret / dpa

Ein Rechner kann nur Null und Eins unterscheiden. Alles, was er tun soll, wird von uns Menschen erdacht, in Algorithmen beschrieben und programmiert. Die Ausführung erfolgt dann rasend schnell. Aber weder künstlich noch intellektuell oder künstlich intellektuell.

Das bemerkt unser Leser Geert Teunis aus Braunschweig

Zum Thema recherchierte
Christoph Exner

Computer – das sind weitaus mehr als nur bessere Schreibmaschinen. Sie sind entscheidender Bestandteil und maßgeblicher Taktgeber der Digitalisierung. Doch schlussendlich sind sie eben auch nur von Menschen erbaut, so wie uns Geert Teunis neulich in einem Leserbrief schrieb. Da liegt es nahe, dass der Mensch genau wie die Komplexität eines Computers auch die Art und den Umfang der Digitalisierung maßgeblich selbst beeinflussen kann.

Inwieweit sich dadurch die künftige Arbeitswelt verändern wird, wie Forschung und Praxis enger zusammenarbeiten müssen, um die digitale Transformation in Unternehmen zu gestalten und wie Führungskräfte ihre Mitarbeiter motivieren sollten, sich Veränderungen zu öffnen – zu diesen und mehr Fragen diskutieren seit Mittwoch rund 650 Wissenschaftler aus der Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Technischen Universität Braunschweig.

Zu Gast war unter anderem auch Katrin Cholotta. Die studierte Psychologin arbeitet in der Grundsatzabteilung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales und befasst sich dort mit dem digitalen Wandel der Arbeitswelt aus der Perspektive der Fachkräftesicherung. Am Donnerstagabend diskutierte sie gemeinsam mit Professorin Simone Kauffeld, vom Institut für Psychologie der TU Braunschweig sowie Thomas Rigotti, Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Moderiert wurde die Veranstaltung durch Armin Maus, Chefredakteur unserer Zeitung.

„Künstliche Intelligenz und digitale Transformation sind für Arbeitnehmer Verheißung und Hiobsbotschaft zugleich“, sagte Cholotta. Zum einen würden Roboter oder Exoskelette die körperliche Arbeit erleichtern oder gar komplett übernehmen. Der Mensch bekäme mehr Zeit, sich kreativ zu entfalten. Zum anderen entstehe unter der Bevölkerung jedoch auch schnell die Angst, die Assistenzsysteme könnten Arbeitsplätze kosten, weil sie menschliche Interaktion überflüssig machten. Am Ende blieben nur die stupiden, schlecht bezahlten Jobs übrig.

Tatsächlich seien laut einer Studie 25 Prozent aller Arbeitsplätze heutzutage von der Automatisierungsoffensive betroffen. Die Gefahr, dass Maschinen den Menschen komplett ersetzen, bestehe jedoch nicht, so Cholotta. Vielmehr werde sich das Beschäftigungsfeld vieler Arbeitnehmer wandeln.

In Zukunft werde es in der Arbeitswelt etwa nicht mehr so stark auf die Sozialkompetenz, sondern vielmehr auf Gestaltungskompetenz oder Selbstkompetenz ankommen. Gleichzeitig würden sich auch die fachlichen Anforderungen verändern, erklärt Kauffeld. Bei diesem Wandel holen sich schon heute viele Unternehmen Unterstützung von Psychologen. Diese helfen beispielsweise Führungskräften, mit dem Handlungsdruck umzugehen, geben aber auch Tipps, wie Arbeitnehmern die Angst vor der Digitalisierung und damit auch ein Stück weit vor der Unsicherheit genommen werden kann.

„Am Anfang hört sich Wandel immer erstmal negativ an. Deshalb ist es wichtig, die Mitarbeiter gezielt in den Veränderungsprozess mit einzubinden und sie aktiv mitgestalten zu lassen“, sagte Kauffeld. Führungskräfte hätten insbesondere gegenüber älteren Mitarbeitern oft zu Unrecht Vorurteile – etwa, dass sie nicht mehr qualifizierbar seien.

Dabei seien gerade die Älteren aufgrund ihrer Erfahrung die Leistungsträger vieler Unternehmen und auch bereit, sich anzupassen, so Rigotti. Die Frage sei einzig die nach der richtigen Motivation, mit der sich auch ein möglicher, innerer Widerstand brechen lasse. Auch da unterstützen die Wirtschaftspsychologen. „In jedem Mitarbeiter, der sich aktiv gegen den Wandel sträubt, steckt Energie – durch die richtige Motivation könne man diese umwandeln“, so Kauffeld. Unternehmen sollten die Digitalisierung als Chance zur Weiterentwicklung sehen.

„Einer der Grundsätze, der von Seiten des Bundesarbeitsministeriums dabei gilt, lautet: Wie kann die Technik dem Mensch dienen – nicht etwa umgekehrt“, sagte Cholotta. „Trotz aller Digitalisierung muss der Mensch auch weiterhin im Mittelpunkt stehen.“ Darüber hinaus setze man sich von politischer Seite aus dafür ein, dass es auch weiterhin gute Arbeitsbedingungen und durch die Digitalisierung weder Gewinner noch Verlierer gibt.

Probleme gebe es noch beim Thema Weiterbildung. Bislang seien Schulungen in Unternehmen oft undurchsichtig und eher spontaner Natur. Künftig brauche man frühzeitige, sinnvolle und attraktive Fortbildungen, die zum Leben jedes Arbeitnehmers passen.

„Gering Qualifizierte etwa nehmen häufig seltener an Fortbildungen teil, weil sie im Beruf keine Aufstiegschancen haben und deshalb keine Notwendigkeit dafür sehen“, so Cholotta.

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