Wo Flüchtlinge mitreden – ganz offiziell

Schöppenstedt.   Der Schöppenstedter Flüchtlingsrat stellt viel auf die Beine und hört Einheimischen zu. Wer eine Sitzung besucht, stellt fest: Er ist mehr als ein normales Gemeindegremium.

Sitzung des Flüchtlingsrats der Samtgemeinde Elm-Asse im kleinen Sitzungssaal im Rathaus Schöppenstedt am 21. Juni 2016. Von links nach rechts: Abdallah Hassan (Somalia/Schöppenstedt), Maher Soukria (Syrien/Schöppenstedt), Essam Alsyouri (Syrien/Remlingen, 2. Vorsitzender), Nesar Barikzai (Afghanistan/Schöppenstedt, 1. Vorsitzender), Solieman Asfour (Syrien/Schöppenstedt), ganz rechts: Florian Cacalowski (Flüchlingskoordinator und Integrationsbeauftragter der Samtgemeinde)

Sitzung des Flüchtlingsrats der Samtgemeinde Elm-Asse im kleinen Sitzungssaal im Rathaus Schöppenstedt am 21. Juni 2016. Von links nach rechts: Abdallah Hassan (Somalia/Schöppenstedt), Maher Soukria (Syrien/Schöppenstedt), Essam Alsyouri (Syrien/Remlingen, 2. Vorsitzender), Nesar Barikzai (Afghanistan/Schöppenstedt, 1. Vorsitzender), Solieman Asfour (Syrien/Schöppenstedt), ganz rechts: Florian Cacalowski (Flüchlingskoordinator und Integrationsbeauftragter der Samtgemeinde)

Foto: Andreas Eberhard

Eigentlich ist Hejar Shevan als Übersetzer hier. Doch jetzt spricht er selbst Klartext: „Du brauchst eine Ausbildung“, sagt er in Richtung des etwas schüchtern dreinblickenden jungen Mannes auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches. An alle Mitglieder der Flüchtlingsrats gewandt erklärt er, jetzt auf ihn zeigend: „Er ist verlobt und braucht eine Arbeit, damit er heiraten und seine Frau hierher holen kann.“

Ob er denn schon gut Deutsch gelernt hat, fragt einer aus der Runde den jungen Mann. „Ja, manchmal“, antwortet der, zwar auf Deutsch – aber nicht ganz überzeugend. „Wenn er die Sprache nicht kann, wird er keine Ausbildung bekommen“, sagt Florian Cacalowski. Er ist der Integrationsbeauftragte der Gemeinde. Damit er helfen kann, muss der junge Kurde aus Syrien der Wirklichkeit ins Auge sehen. Um Verbindlichkeit bemüht, macht Cacalowski einen Vorschlag; Wie es denn wäre, wenn er zwei Monate, bis der nächste Deutschkurs startet, ein Praktikum macht?

Aber so hat er sich das nicht vorgestellt. „Ich brauche keinen Kurs und kein Praktikum“, sagt er fest. Er will gleich richtig arbeiten, nicht auf Probe. Der Übersetzer, ein Landsmann von ihm, der schon 20 Jahre in Deutschland lebt, kann das gut verstehen und flachst: „Du kannst ja bei mir ein Praktikum machen, in meinem Garten.“

Aber die anderen lassen nicht locker. Etwa Nazanin Mohammadi, 25 Jahre alt. Sie spricht aus eigener Erfahrung: „Ein Praktikum ist sehr wichtig, um herauszufinden, ob man eine Arbeit kann und ob einem der Job überhaupt gefällt.“ Die junge Frau macht in Wolfenbüttel eine Ausbildung zur Altenpflegerin und lernt fleißig Deutsch. Vor ihrer Flucht aus Afghanistan hatte sie Medizin studiert.

Barikzais Stimme hat Gewicht

Fast alle am Tisch reden dem jungen Mann, der in Remlingen wohnt, gut zu, leisten ihren Beitrag, ihn zu ermutigen. „Mach ein Praktikum. Das ist gut für dich“, sagt der 23-jährige Nesar Barikzai aus Afghanistan in seinem sanften, zugewandten Tonfall. „Durch ein Praktikum bekommst du Kontakte.“ Auch er weiß, wovon er spricht. Durch sein Praktikum hat er einen Ausbildungsplatz ergattert. Er lernt jetzt, zwei Jahre nach seiner Flucht aus dem Kriegsland, Industriekaufmann bei Jägermeister. Seine Stimme hat Gewicht. Schließlich, beeindruckt von soviel fürsorglichem Druck, gibt sich der junge Mann geschlagen: „Ja, ich glaub’, das ist besser für mich.“ Cacalowski bietet ihm an, dass sie zusammen einen geeigneten Betrieb aussuchen. „In einer Woche sollten wir uns zusammen setzen. Bis dahin überleg dir mal, welcher Beruf dich interessiert.“

Wie jeden Monat tagt der Flüchtlingsrat im holzvertäfelten kleinen Sitzungssaal des Schöppenstedter Rathauses. Der Umgang miteinander ist vertraut und selbstverständlich, fast wie am Esstisch einer großen Familie. Vielleicht ist es genau das, was dem jungen Kurden, der arbeiten will, fehlt. Und die Familie ist bunt gemischt. Alle Großgruppen der Flüchtlinge in der Kommune sind hier vertreten: die Arabischsprachigen, die aus afrikanischen Ländern, Afghanen, Kurden. Nur von den Migranten aus den Balkanstaaten ist heute niemand da.

Der Flüchtlingsrat ist weit mehr als ein normales Gemeinde-Gremium. Hier reden die Flüchtlinge wirklich mit, statt, dass über sie entschieden wird. Und, wie mehrfach in dieser Sitzung, stärken sie sich gegenseitig den Rücken.

Die Sitzung leitet Nesar Barikzai, der junge Jägermeister-Azubi. Mit seinem frischgebügelten Hemd und der modischen Armbanduhr sticht er, der gewählte Vorsitzende, aus den anderen, eher leger gekleideten Mitgliedern optisch heraus. Von allen sieben Flüchtlingen am Tisch, ist sein Deutsch wohl am besten.

Die Gummibärchen sind halal

Routiniert berichtet er kurz aus der letzten Sitzung des Sozialausschusses der Samtgemeinde. Dort hat er die Arbeit des Flüchtlingsrats vorgestellt. „Ich habe die Powerpoint-Präsentation gezeigt, die ihr alle kennt“, erzählt er. Alle nicken wissend.

Dann präsentiert Barikzai die neuesten Anschaffungen, bezahlt aus den 1500 Euro, die der Rat kürzlich – auf Barikzais Antrag – von der Curt Mast Jägermeister Stiftung erhalten hat: T-Shirts, ein mannshohes Banner zum Aufstellen und kleine Gummibärchentüten – natürlich halal, also ohne Schweinegelatine. Alle Gegenstände sind bedruckt mit dem Logo des Flüchtlingsrats: ein Ying-Yang-Zeichen aus zwei ineinander greifenden Händen. Barikzai hält ein T-Shirt in XL in die Höhe. „Das ist ja schön, aber auch ziemlich groß“, sagt die kleine und zierliche Nazanin Mohammadi mit skeptischem Blick. Doch Barikzai kann sie beruhigen: „Keine Angst, es gibt auch Damengrößen.“

Er erklärt: Die Werbeartikel sollen in wenigen Tagen zum ersten Mal zum Einsatz kommen. Zusammen mit dem Landkreis veranstaltet die Samtgemeinde einen Workshop zum Thema Beteiligung von Migranten. „Wenn ich darf, Herr Barikzai, ergänze ich noch ein bisschen dazu“, bittet Florian Cacalowski respektvoll ums Wort. Er berichtet, dass sich über 50 Personen für den Workshop angemeldet haben: Vertreter anderer Gemeinden, von der Stadt Wolfenbüttel, Mitarbeiter von Beratungsstellen, Ehrenamtliche von Sport- und Wohlfahrtsverbänden, sogar Leute aus dem Sozialministerium in Hannover wollen kommen, um in Schöppenstedt etwas über die Beteiligung der dortigen Flüchtlinge – vor allem auch über den Flüchtlingsrat – zu erfahren. Gerade deshalb, erklärt Cacalowski, sei es besonders wichtig, dass viele Flüchtlinge dorthin kommen. „Also macht bitte ordentlich Werbung!“ Barikzai stimmt ihm zu: „Es ist sehr wichtig, dass wir immer wieder erklären und darüber berichten, was wir hier machen.“

Da nicht alle am Tisch restlos verstanden haben, was Cacalowski eben erklärt hat, übersetzt Hejar Shevan, den die Samtgemeinde als Dolmetscher angestellt hat, noch einmal alles ins Kurdische und Arabische. Deutsche Wortfetzen blitzen heraus: „Schöppenstedt“, „Eulenspiegelhalle“, „Flüchtlingsrat“. Nazanin Mohammadi macht beim Zuhören eine ähnliche Erfahrung, nur anders: Es sei schon lustig, bemerkt sie zu Shevan, als dieser mit dem Übersetzen fertig ist: Mittlerweile, nach einem Jahr Mitarbeit im Flüchtlingsrat, könne sie schon einzelne Worte Arabisch verstehen. Von Haus aus spricht sie Dari, eine Variante der persischen Sprache.

Außer dem Zeitungsreporter ist noch ein weiterer Gast in der Runde: „Ich habe etwas wunderschönes anzubieten“, sagt die kleine Frau mittleren Alters, die zwischen Abdallah Hassan aus Somalia und der Sudanesin Ikhlass Babiker Platz genommen hat und jetzt aufsteht. Auch sie sei eine Immigrantin, sagt sie: „Aus dem Saarland. Von der französischen Grenze hat es mich hierher verschlagen“.

Sie ist Lehrerin und hat in der Samtgemeinde ihr „Traumhaus“ gefunden. Dort möchte sie eine Nachmittagsbetreuung für Schulkinder anbieten. Auch möchte sie gern ihr Haus gerne als Projektort zur Verfügung stellen. „Wir brauchen persönlichen Kontakt und Austausch. Das ist ja das, woran es uns auf beiden Seiten fehlt.“ Sie hat bereits an der Volkshochschule Deutschkurse für Ausländer gegeben. „Dort waren wir damals wie eine große Familie, und das möchte ich hier auch gerne aufbauen.“

Seelenruhig lassen sie die Frau ausreden

Aber sie hat noch mehr anzubieten: Kurse, in denen sie den „Zauber der Natur“ und das Wissen über Heilkräuter weitergibt, auch mittels von ihr verfasster Märchen. Die Mitglieder des Flüchtlingsrats hören freundlich aufmerksam zu. Was sie denken, ist ihnen nicht anzumerken. Aber Solieman Asfour aus Schöppenstedt, der aus Syrien stammt, nickt kurz zustimmend, als sie von der Einheit von Körper und Seele spricht.

Bevor sie das Wort zurück an Barikzai gibt, möchte sie noch ihrer Bewunderung für „die arabische Kultur“ Ausdruck verleihen. Auch wenn nur zwei Männer im Saal Araber sind, schwärmt sie euphorisch: „Sogar eure Popsongs – das ist reine Poesie.“ „Da haben Sie wohl noch nicht alles gehört“, frotzelt der Dolmetscher Hejar Shevan halblaut.

Doch sie schwärmt immer weiter. Ungeduld regt sich im deutschen Gast-Zuhörer. Warum greift der Sitzungsleiter nicht ein? Doch Barikzai und die anderen Flüchtlinge lassen sie seelenruhig weiterreden.

Und noch eins, etwas Grundlegendes, möchte die Frau loswerden: Die Geschichte, wie es ihr als Lehrerin einmal gelungen sei, Neonazi-Jungs in ihrer Klasse Respekt für andere beizubringen. Ihr Fazit: „Beide Gruppen – Deutsche wie Ausländer – sind schöne Menschen. Man muss nur zusammenkommen.“ Jetzt ist sie fertig.

„Vielen, vielen Dank. Das sind nette, schöne Vorschläge.“, sagt Barikzai herzlich – und fasst in einem Satz die relevanten Punkte zusammen. „Wir werden das besprechen und gern an alle Geflüchteten weiterleiten. Schön, dass sie zu uns gekommen sind.“

Kein Arzt kann dem Syrer helfen

Auch seine weiteren Themen arbeitet der Flüchtlingsrat gründlich ab: Der Nähkurs für Flüchtlinge in Räumen der Propstei braucht neuen Stoff. Dann geht es um die Möglichkeit, Praktika zu machen. Cacalowski verspricht, sich zu kümmern. Wie auch beim Thema Kindergartenplätze für Kinder aus Flüchtlingsfamilien. „Gibt es sonst noch Probleme?“, fragt Barikzai.

Einer der Syrer meldet sich. Er hat während der ganzen Sitzung nicht gelächelt. Shevan übersetzt: „Er braucht Hilfe. Er ist krank. Kein Arzt kann ihm helfen.“ Er leide unter Rückenschmerzen und Depressionen. „Er vermisst seine Familie, die nicht in Deutschland ist.“

Florian Cacalowski bietet an, zu helfen, schnell einen Therapeuten zu finden. Auch wenn die Chancen nicht rosig seien, empfiehlt er dem Mann, den Nachzug seiner Familie zu beantragen. „Wenn ich könnte, würde ich persönlich nach Syrien gehen, und deine Frau und Kinder hierher bringen“, sagt er, „aber die Gesetze sind, wie sie sind“. „Du musst Mut und Geduld haben“, sagt Nazanin Mohammadi. Barikzai: „Wir finden einen Weg.“ Fast wie am Esstisch einer großen Familie. Aber halt nur fast.

Der Flüchtlingsrat der Samtgemeinde Elm-Asse

Das Herzstück im Integrationskonzept der Samtgemeinde Elm-Asse im Kreis Wolfenbüttel ist der Flüchtlingsrat. Alle Flüchtlinge der Samtgemeinde können sich mit Anregungen oder Problemen an ihn wenden und an seinen Sitzungen teilnehmen. Der Verwaltung hilft das Gremium, die Bedürfnisse der Flüchtlinge zu erkennen und zielgerichtet zu helfen. Der Vorsitzende des Flüchtlingsrats ist beratendes Mitglied im Sozialausschuss.

Im Flüchtlingsrat sitzen Vertreter aller fünf Großgruppen der rund 400 Flüchtlinge, die in der Samtgemeinde Elm-Asse leben: Kurden, Afghanen, afrikanische Flüchtlinge, Flüchtlinge aus arabischsprachigen Ländern wie Syrien und Zugewanderte aus den Balkanstaaten.

Preis des Innenministers: Für ihr Integrationskonzept wird die Samtgemeinde am heutigen 2. Juli von Bundesinnenminister Horst Seehofer mit einem Preis ausgezeichnet. Ob die Gemeinde 10 000 oder 25 000 Euro Preisgeld erhält, wird bei der Verleihung in Berlin verkündet.

Über den Autor

Andreas Eberhard: geboren am 28. April 1981 in Braunschweig, Technische Universität und Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, Magisterstudium Neuere Geschichte, Politikwissenschaften und Medienwissenschaften

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