Ausflug nach Oostkapelle: Kinder sehen zum ersten Mal Meer

Essen  Die Altendorfer Bodelschwinghschule ist mit über 200 Kindern für einen Tag an die Nordsee gefahren. Viele Kinder hatten zuvor noch nie den Sand eines Strandes berührt.

Amar ist elf Jahre alt, seine Eltern kommen aus dem Irak, er hat noch nie das Meer gesehen. Kelvin ist zehn Jahre alt, seine Eltern kommen aus Nigeria, er hat noch nie das Meer gesehen. Rahima ist elf Jahre alt, ihre Eltern kommen aus Sri Lanka. Sie war einmal in Griechenland. Ob es an der Nordsee auch Palmen gebe, fragt das Mädchen mit dunklen Augen und zwei geflochtenen Zöpfen. Die drei sind Kinder der 4a der Bodelschwinghschule in Altendorf. Heute sehen sie das Meer.

Fünf Busse, über 200 Kinder – die gesamte Schule macht sich morgens um halb acht auf den Weg nach Oostkapelle in den Niederlanden. Sie kommen aus 44 Nationalitäten, nur drei von ihnen aus Deutschland. Für die meisten ist es der erste Tag am Strand, der erste Tag in Holland.

Muscheln sammeln und Sandburgen bauen

„Viele sagen, sie waren schon mal in den Niederlanden, aber sie waren nur zum Einkaufen hier“, sagt Schulleiterin Hannelore Herz-Höhnke. Vor zwei Jahren sorgte sie für bundesweite Schlagzeilen. Sie verwehrte einer mit Burka bekleideten Mutter den Zutritt zur Schule, „weil ich jemandem in die Augen sehen möchte, wenn ich mit ihm rede“. Die couragierte Rektorin musste sich vor dem Schulbeirat rechtfertigen, erhielt aber auch viel Lob – auch von muslimischen, kopftuchtragenden Frauen – und setzte sich schließlich durch. Dass ihre Schützlinge nun auf dem Weg an die Nordsee sind, ist vor allem ihr Verdienst. „Viele Kinder kommen auch in den Ferien nicht aus den Grenzen Essens raus.“ Außerdem stärke so ein Ausflug die Schulgemeinschaft. Jeder Schüler leistete einen eigenen Obolus, „denn wenn so eine Reise kostenlos ist, schätzen die Kinder sie nicht so sehr“. Zudem sparte die Rektorin Gelder der Bezirksvertretung, des Jugendamtes sowie aus dem Bildungs- und Teilhabepaket, um die 5000 Euro Kosten zu stemmen.

Die fünf Busse halten auf einem Parkplatz vor den Dünen, 500 Meter trennen die Kinder vom Wasser. Aufgeregt aber geordnet laufen sie den Hügel hoch – und stürzen sich kreischend in den Sand, als sie am Strand ankommen. Sofort breiten sie ihre Decken aus, holen das Spielzeug aus den Taschen, stürmen zum Wasserbecken, das sich dem Meer vorgelagert durch die Ebbe gebildet hat, sammeln Muscheln. Die Schüler der Klasse 4a messen sich im Sandburgenbauen. Dass sie darin wenig Erfahrung haben, merkt man schnell, als Kelvin ein zwei mal zwei Meter großes Quadrat abgrenzt und sein Freund mit den Händen kleine Mengen Sand hineinbefördert – eine unlösbare Aufgabe, in 20 Minuten in dieser Größe ein sandiges Bauwerk zu errichten.

Bunt wie ihre eigenen Identitäten

Nachdem die Kinder sich austoben und erst einmal frei die Weite der Natur genießen konnten, versammeln sie sich alle zwischen Düne und Strand. Jedes Kind hält ein Regenrohr in der Hand; sie nennen es „Rauschrohr“ – es ist gefüllt mit Sand und Meerwasser und einem kleinen persönlichen Detail eines jeden. Zwei Meter lang, in bunten Farben, wie ihre eigenen Identitäten bunt sind. Der Münsteraner Künstler Michail Stamm hatte mit 16 Schülern aller Jahrgangsstufen ein Kunstprojekt gestaltet, mit ihnen von ihm am Strand gesammelten Müll neu verwertet und ihnen so versucht, ein Bewusstsein für das Meer als Ursprung des Lebens mitzugeben. „Jedes dieser Kinder ist eine Herausforderung. Sie haben alle ein unglaubliches Temperament, das in die richtigen Bahnen gelenkt Großes schaffen kann.“ Den Sand und das Wasser, das Stamm aus Holland mitgenommen hatte, gaben die Kinder wieder an die Natur zurück.

Nicol Waness ist Klassenlehrerin der 4a, jung und engagiert, mit armenischen Wurzeln. Sie ist sichtlich bewegt von den Emotionen der Kinder: „Das Schönste war, als sie das Meer berührt haben, wie sie geschrien haben vor Freude.“ Ihr liegt das Schicksal dieser Kinder am Herzen; das spürt man in jedem Satz über diese Mädchen und Jungen, die nicht selten aus schwierigen Verhältnissen kommen, die montags von Messerstechereien in ihrem Viertel erzählen, als gehörte dies zum normalen Kindheitsalltag. Nur drei haben eine eingeschränkte Empfehlung für das Gymnasium bekommen, „und auch die drei werden es dort schwer haben“. Vielen gebe sie eine eingeschränkte Empfehlung für die Realschule, obwohl es eher eine für die Hauptschule sein müsste. „Aber wenn diese Kinder in das Umfeld der Hauptschule kommen, ist die Gefahr groß, dass sie abrutschen.“ Manchmal habe sie das Gefühl, sie laufe gegen eine Wand, „aber wenn es nur ein Kind ist, dem ich helfen kann, auf die richtige Bahn zu kommen, dann hat es sich schon gelohnt“. Und so ein Tag am Meer, der sei Gold wert.

Andere Sprachen, andere Herausforderungen

Amar wird diesen Tag immer in Erinnerung behalten. „Ich muss noch ein Foto machen“, sagt er aufgeregt, kurz bevor wir gehen. Woher ich komme, fragt er mich, umringt von seinen Klassenkameraden. Auf die Antwort „aus Deutschland“ fragt er nach der Herkunft meiner Eltern. Dass die auch aus Deutschland kommen, lässt die Kinder so ungläubig gucken, dass ich meine fast 100 Jahre zurückliegenden ostpreußischen Wurzeln augenzwinkernd als polnische verkaufe.

Schon vor 17 Jahren, als Hannelore Herz-Höhnke an die Bodelschwinghschule kam, sei diese so voller bunter Identitäten gewesen. Eine Herausforderung, die aber doch auf der gleichen Basis fußt, wie an anderen Schulen auch: „Wir haben alle das gleiche Ziel: dass die Kinder einen guten Abschluss machen.“ Herz-Höhnke hat ein offenes Ohr für Eltern und während sie redet, erscheint diese völlige Freiheit von Vorurteilen bemerkenswert. Andere Sprachen, andere Voraussetzungen hätten die Kinder, „aber sie holen alle anderen auf“. Man möchte es von ganzen Herzen glauben, wenn die Rektorin sagt: „Wenn man den Biss dazu hat, kann man viel erreichen in Deutschland.“

Dieser Text wurde mit einem Anerkennungs-Preis bei der Verleihung des Eckensberger-Preises 2017 ausgezeichnet.

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