Adoptivmutter: Manchmal stoßen wir an unsere Grenzen

Peine  Ludgera Steenbreker berichtet über das Zusammenleben mit ihrer Tochter Julja, die sie und ihr Ehemann von elf Jahren zu sich holten.

Adoptionen können viel Belastung mit sich bringen – aber auch viel Schönes (Symbolbild).

Adoptionen können viel Belastung mit sich bringen – aber auch viel Schönes (Symbolbild).

Foto: Jens Kalaene/dpa

Ludgera und Alfons Steenbreker aus Oberg im Landkreis Peine haben vor elf Jahren ein Kind aus der Ukraine adoptiert: die heute 16-jährige Julja. Bis sie Julja endlich abholen konnten, hatte das Ehepaar zahlreiche ärztliche Untersuchungen, viel Bürokratie und lange Wartezeiten hinter sich zu bringen. Lisa Claus hat mit Adoptivmutter Ludgera Steenbreker gesprochen.

Wieso haben Sie sich damals für die Adoption entschieden?

Wir haben ehrenamtlich für einen Hilfsdienst in der Ukraine gearbeitet und gesehen, wie die Kinder dort in Heimen behandelt und misshandelt wurden. Einem Kind wollten wir eine Chance geben.

Wie lief die Adoption ab?

Wir brauchten Untersuchungen von fünf verschiedenen Ärzten zur Bestätigung, dass wir zum Beispiel kein Aids oder Tuberkulose hatten. Dann musste alles notariell beglaubigt werden – wir hatten 15 Dokumente, für die ein Stempel manchmal 100 Euro kostete. Die Dokumente gingen an die ukrainische Adoptionsstelle – im Dezember 2005 bekamen wir schließlich einen Termin.

Als wir abends ankamen, wurde uns aber gesagt, dass der Präsident Adoptionen verboten hatte – also mussten wir warten. Im Januar wurden wir nach Hause geschickt und waren natürlich frustriert und entmutigt. In dieser Zeit haben uns unsere Freunde sehr geholfen.

Anfang Februar hieß es dann, wir sollten innerhalb von drei Tagen kommen und unser Kind abholen.

Wie haben Sie sich auf die Adoption vorbereitet? Gibt es Unterstützung?

Wir waren bei „Global Adoption“. Dort gibt es vier Seminare, an denen man vor der Adoption teilnimmt. Weil wir die Situation in der Ukraine schon gut kannten und schon Pflegekinder hatten, waren wir nur bei zwei Seminaren.

Die psychischen Probleme der Kinder sind oft groß. Dieses Trauma zu lösen ist wichtig – das wurde aber bei keinem Seminar angesprochen. Später stehen die Adoptivkinder oft alleine da: Es gibt keinerlei Hilfe vom Staat und den Ämtern, weil angeblich kein Geld dafür da ist, zum Beispiel für eine Reittherapie. Pflegekinder bekommen dagegen alles.

Wie war es, als Julja schließlich in ihre Familie kam?

Die Oma, der Opa und mein Mann, alle haben sie angenommen – sie ist voll integriert worden. Auch unser eigenes Kind hat sie angenommen, da gab es keinerlei Probleme. Aber ich glaube, das ist in fast allen Familien so, die ein Kind adoptieren – manchmal werden die Kinder fast überhäuft mit Geschenken.

Gab es Probleme, mit denen Sie als Adoptiveltern zu kämpfen hatten?

Unser größtes Problem waren die Arztbesuche. Da hat Julja sich unter der Liege versteckt – mit den Kindern ist in der Ukraine keiner zimperlich umgegangen. Von vielen Ärzten werden sie geschlagen, das sind grausame Methoden. Für uns war das natürlich Stress, aber Julja hat nur aus der Angst heraus gehandelt. Bei deutschen Adoptivkindern ist das wahrscheinlich anders. Das alles bedeutet schon Stress für uns: Manchmal sind wir überfordert und kommen an unsere Grenzen. Man weiß es ja auch nicht vorher – den Hintergrund der Kinder kann man sich meistens gar nicht vorstellen. Oft wird gesagt, man soll sich eine Haushaltshilfe holen, damit man sich auf das Kind konzentrieren kann.

Wollte Julja Kontakt zu ihren leiblichen Eltern aufnehmen?

Julja hätte gern Kontakt zu ihren Eltern gehabt. Sie hat ihre leibliche Mutter zwar kennengelernt, aber die war sehr krank und ist früh gestorben. Bei vielen adoptierten Kindern ist die Selbstmordrate höher – besonders ab der Pubertät möchten sie wissen: Was ist meine Identität? Wo komme ich her? Die Wut der Kinder richtet sich natürlich gegen die Mutter. Wir haben das auch alles durchgemacht: Manchmal wurde ich mit Apfelsinen beworfen.

Sollte man den Kindern von Anfang an sagen, dass sie adoptiert sind?

Die Heimat ist natürlich ein Stück Identität, also sollte ein Kind wissen: Da sind meine Wurzeln. Ich denke, man sollte es dem Kind von Anfang an sagen. Nicht, dass es zum Beispiel erst bei einer Bluttransfusion erfährt, dass seine Eltern gar nicht die leiblichen sind.

Gibt es die „gelungene Adoption“?

Ich habe ein älteres Ehepaar kennengelernt, das sein Adoptivkind als Baby direkt aus dem Krankenhaus abgeholt hat. Das Kind ging aufs Gymnasium und hat sich total gut entwickelt. Es war dankbar, und die Eltern waren glücklich – es war wirklich alles gelungen.

Vorher weiß man aber nie, was in einem Kind „drinsteckt“. Es geht auch darum, ob die Kinder die Chance nutzen, die sie bekommen. Viele von ihnen haben schwere Traumatisierungen. Die sind manchmal so tief, dass selbst erfahrene Psychologen sagen, dass sie da nichts machen können.

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