„Bürger-Wut ist konstruktiv“

Braunschweig  Das sagt Psychologin Barbara Thies. In der Debatte um ein Endlager für radioaktiven Müll und den Widerstand spielten Emotionen eine große Rolle.

Atomkraftgegner protestieren in Gorleben gegen die Weitererkundung des Salzstocks als atomares Endlager.

Atomkraftgegner protestieren in Gorleben gegen die Weitererkundung des Salzstocks als atomares Endlager.

Foto: Philipp Schulze dpa

Unser Leser Dr. Dietrich Mietens aus Salzgitter meint:

Bei der Lösung des Asse-Problems sollte rational und nicht emotional gehandelt werden!

Zum Thema recherchierte Johannes Kaufmann

Auf der einen Seite sachliche Argumente, auf der anderen Seite Emotionen und Panikmache. Dieser Gegenüberstellung begegnet Dr. Christian Götter häufig. Der Historiker von der TU Braunschweig erforscht die Wahrnehmung von Kernenergie an den Standorten von Kernkraftwerken in Deutschland und Großbritannien. Dazu wertet er unter anderem Artikel und Leserbriefe in Lokalzeitungen aus.

„Der Hinweis auf übertriebene Ängste bei Kernkraftgegnern wird dort häufig verwendet, um deren Position abzuwerten“, berichtete Götter kürzlich bei einer Diskussionsveranstaltung im Haus der Kulturen in Braunschweig zum Thema „Emotionen bei der Realisierung eines Endlagers für Atommüll“.

Der Historiker präsentierte bei der Veranstaltung seine Erkenntnisse zur Debatte der 1970er und frühen 1980er Jahre über das Kernkraftwerk Biblis in Hessen. „Angst wird in den meisten Quellen nicht von, sondern über jemanden geäußert“, sagt er. Befürworter der Kernkraft hätten ihre Gegner als hysterisch und irrational bezeichnet. Der Bürgermeister von Biblis warf ihnen sogar vor, „fanatisch wie die Zeugen Jehovas“ zu sein.

Auch Wissenschaftler hätten häufig den Gegensatz von Gefühlen und Tatsachen bemüht. Der spätere Bundespräsident Richard von Weizsäcker sprach 1977 von einer „irrationalen Urangst“ vor der Kernenergie.

Das gelte allerdings auch für die organisierten Kernkraftgegner, die sich wiederum häufig auf die „Ängste und Sorgen der Bevölkerung“ berufen hätten, stellt Götter fest. Der Historiker ist überzeugt: „Eigentlich ging und geht es in dem Streit weniger um Angst als um Vertrauen.“ Die Lager unterschieden sich vor allem darin, ob sie den Kraftwerks-Betreibern und den Behörden vertrauten.

Bei vielen Gegnern der Kernkraft sei dieses Vertrauen erschüttert worden, als sie auf ihre kritischen Argumente unzureichende Antworten erhalten hätten. In Biblis sei das Misstrauen durch plötzliche Änderungen der Zeitpläne für den Ausbau des Kraftwerks weiter verschärft worden.

Dass Protest und Vertrauen zusammenhängen, bestätigte auch Barbara Thies. Die Professorin am Institut für Pädagogische Psychologie der TU Braunschweig untersucht im Rahmen der Forschungsplattform „Entsorgungsoptionen für radioaktive Reststoffe: Interdisziplinäre Analysen und Entwicklung von Bewertungsgrundlagen“, kurz: ENTRIA, die psychologischen Aspekte von Bürgerprotesten.

Generell sei das Vertrauen in Behörden wie Polizei und Feuerwehr sowie in die Justiz in Deutschland hoch. „Umfragen zeigen aber, dass die Vertrauenswerte bei Stuttgart-21-Gegnern signifikant niedriger sind.“

Die Diskussion im Anschluss an die Vorträge im Haus der Kulturen bestätigte diese These. Eine Vertreterin des Asse-2-Koordinationskreises wollte von den Referenten umgehend wissen, wer ihre Forschung finanziere. Es gebe doch sicher externe Geldgeber. Die Referenten verneinten dies, lediglich die Volkswagen-Stiftung habe einen Teil der Forschung gefördert.

Ein anderer Teilnehmer meinte, dass Wissenschaft letztlich immer auf Glauben, also Vertrauen basiere. Auch Kernkraftgegner betrieben Wissenschaft, die würde aber diskreditiert. Er kritisierte die Medien, weil sie für ihre Geschichten gezielt nach dem besorgten und verängstigten, nicht nach dem kritischen, informierten Bürger suchten. Professorin Thies warf er vor, in einer „langen Tradition der Handhabungsforschung“ zu stehen. Ob es ihr womöglich darum gehe, den Bürger berechenbar zu machen.

Hintergrund waren Thies‘ Ausführungen zu Motiven und Überzeugungen protestierender Bürger. Die Psychologin trennte zwischen legalem und illegalem Widerstand: „Wer zu gewaltimplizerendem Protest bereit ist, zeigt wenig Bereitschaft zu gewaltfreiem Protest“. Der Überschneidungsbereich der beiden Gruppen sei also klein.

Die Bereitschaft zum Protest hänge mit dem Erleben von Partizipation, also gesellschaftlicher Teilhabe und Mitbestimmung, zusammen. Je geringer die ausfalle, desto geringer das Gerechtigkeitsempfinden und das Vertrauen ins System und desto höher die Protestbereitschaft.

Emotionen spielten bei Protest eine große Rolle: „Wer seine gesellschaftliche Eigengruppe als wirksam erlebt, neigt eher zu Ärger. Wer sie als ineffektiv wahrnimmt, reagiert eher mit Angst oder Verachtung“, fasste Thies die Ergebnisse ihrer Forschung zusammen.

Und diese Gefühle beeinflussten die Form des Protests: „Ärger setzt Handlungen in Gang. Er scheint die konstruktivste Emotion zu sein.“ Das motiviere zu legalen Formen des Protests, zu Demonstrationen und Engagement in Bürgerbewegungen. Der Begriff des Wut-Bürgers scheint hier also zu passen. Verachtung hingegen, so Thies, führe eher zu illegalem, gewaltsamen Protest.

Ulrich Smeddinck, Professor am Institut für Rechtswissenschaften der TU Braunschweig, bezweifelt, dass das Recht zur Lösung des Konflikts beitragen kann. „Es ist nicht gelungen, wesentliche Teile der kritischen Bewegung zu integrieren“, stellte er im Haus der Kulturen fest.

Das habe mit der Geschichte des Konflikts und der Vernachlässigung von Gefühlen zu tun. „Der technokratisch-rationalistischen Politik war die Auseinandersetzung mit Gefühlen fremd und ein Graus“, sagte er. Stattdessen seien Entscheidungen zur Kernenergie „mit dem Wasserwerfer durchgesetzt“ worden.

Den dadurch erzeugten Vertrauensverlust und die „enormen emotionalen Verwerfungen“ könne das Recht nicht mehr reparieren. Dabei sei das Standortauswahlgesetz von 2013 ausgesprochen innovativ und fortschrittlich, sagte Smeddinck.

Denn das Gesetz gebe ein wissenschaftsbasiertes und transparentes Verfahren für die Standortauswahl vor. Es schreibe eine regelmäßige Prüfung durch den Bundestag vor und fordere den Gesetzgeber auf, die Formen der Beteiligung der Bevölkerung stetig fortzuentwickeln.

Auch die Endlagerkommission schlüge erweiterte Formen der Bürgerbeteiligung vor und bemühe sich um die Entwicklung einer „neuen und fairen Konfliktkultur“, so Smeddinck. Doch der sei viel zu verhärtet, als dass solche Maßnahmen greifen könnten: „Der historische Konflikt überlagert die aktuelle Situation.“

Daher müsse der Konflikt selbst Gegenstand der Forschung werden. „Wir brauchen ein Zentrum für die nachhaltige Bearbeitung des historischen Konflikts“, lautete das Fazit des Rechtswissenschaftlers. Dessen Erkenntnisse könnten dann in die Gesellschaft hineinwirken. Die Einrichtung eines neues Forschungs- zentrums – dieser Forderung konnten sich am Ende alle Wissenschaftler anschließen.

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