Hagel entsteht 12 Kilometer über der Erde

Braunschweig  Eine Meteorologin erklärt, wie aus kleinen Eiskristallen mächtige Hagelkörner werden.

Wenn der Schrecken nicht so groß gewesen wäre, hätte man sich über die Zutaten für einen erfrischenden Cocktail freuen können.

Wenn der Schrecken nicht so groß gewesen wäre, hätte man sich über die Zutaten für einen erfrischenden Cocktail freuen können.

Foto: Maribell Haag

Ein Leser, der sich „sannri“ nennt, fragt auf unseren Internetseiten:

Ich möchte gerne wissen, wie es zu solchen großen Hagelkörnern kommt und warum manche tellerförmig sind und andere rund.

Die Antwort recherchierte Thomas Parr.

Also, als Faustregel gilt: Je größer die Hagelkörner sind, desto stärker ist das Gewitter. Mit anderen Worten: Das Gewitter vom vergangenen Samstag gehört zu den stärksten.

„Die Wetterlage gibt vorerst keine Ruhe. Schwere Gewitter zogen in den vergangenen Tagen immer wieder über Deutschland hinweg und sorgten besonders im Süden und Westen wieder für vollgelaufene Keller. Die Gewitter am Samstag legten noch ein wenig an Intensität zu. Tennisballgroße Hagelkörner prasselten vom Himmel, dazu kamen Sturmböen und Platzregen“ fasste am Sonntag Dorothea Paetzold, Meteorologin beim Deutschen Wetterdienst in Offenbach zusammen.

Ähnlich schwere Gewitter wie am Samstag kündigte Paetzold noch für den gestrigen Sonntag und die Nacht zum heutigen Montag an.

Aber: Warum hagelt es bei manchen Gewittern? Und vor allem: Warum können manche Hagelkörner so groß werden wir Tennisbälle oder aussehen wir Teller?

„Schauen wir uns zunächst eine Gewitterwolke an“, beginnt die Meteorologin ihre Erklärung. „Eine Gewitterwolke unterscheidet sich von einer normalen Quellwolke durch ihre enorme vertikale Ausdehnung. Bei uns in Mitteleuropa kann die Obergrenze einer derartigen Wolke bis etwa 12 Kilometern liegen. Wenn Sie mit einem Flugzeug reisen, liegt die Flughöhe bei 10 Kilometern. Gewitterwolken reichen also in Höhen, in denen es bereits eisig kalt ist: minus 40 oder minus 50 Grad, manchmal auch noch kälter.“

Es verstehe sich von selbst, dass dieser obere Teil der Wolke also nicht aus Wassertröpfchen, sondern nunmehr aus Eiskristallen besteht. „Diesen Abschnitt sieht man als aufmerksamer Beobachter als Wolkenschirm, der oft an den Rändern faserig erscheint“, sagt Paetzold.

„Innerhalb der Wolke ist viel Bewegung. Die Wassertröpfchen werden mit enormer Geschwindigkeit aufwärts geschleudert, fallen abwärts, dann geht es wieder nach oben. Dieses Spiel wiederholt sich viele Male. Wenn die Tropfen bis in die Eisschicht vorstoßen, gefrieren sie und mit jedem Vorstoß bis in diese Höhen werden die Frostkügelchen immer größer, setzen Eisschicht um Eisschicht an. Schließlich werden sie so schwer, dass sie zu Boden fallen. Kleinere Kügelchen können auf ihrem Weg zum Boden wieder tauen, größere hingegen fallen als Hagel. Die Größe der Hagelkörner ist also ein direkter Hinweis auf die Intensität des Gewitters“, erklärt Dorothea Paetzold.

Das erklärt die an Tennisbälle erinnernde Größe. Was aber ist mit den tellerförmigen Niederschlägen?

„Wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen, dass ich dieses Phänomen noch nie gesehen habe. Aber es gibt eben nichts, was es nicht geben könnte. Die Tellerform kann ich nicht fundiert erklären. Ich kann vermuten“, sagt Paetzold. Hier ihre Vermutung:

„Diese Form entsteht möglicherweise, wenn sich die Hagelkörner in der Wolke überholen beziehungsweise aneinander vorbeifliegen. Es kann aber auch sein, dass sie erst zusammengefroren sind und dann wieder getrennt werden. Ich sag‘s noch einmal: Ich vermute, dass es so sein könnte.“

Leicht lässt sich vorstellen, dass tennisballgroße Hagelkörner, die Dächer durchschlagen können, auch Mensch und Tier schwer verletzen können. In Rötgesbüttel im Kreis Gifhorn wurde ein Jungstorch in seinem Nest von solchen Hagelklumpen erschlagen.

Christoph Schwanke, vom Lagedienstführer der Feuerwehr Braunschweig: „Solch einen Hagel-Unfall hatten wir zum Glück noch nicht. Wie schwer diese Art Verletzungen aber sein können, haben wir vor drei Jahren im Winter erlebt. Seinerzeit hatten sich viele Eiszapfen an Dächern und Fensterbrettern gebildet. Es war ein nur kleiner Eiszapfen, der herabfiel. Die Verletzung, die der getroffene Passant erlitt, war groß.“

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