Hurricane-Festival: „Mumford & Sons“ ziehen Fans in ihren Bann

Scheeßel.  Über 90 Bands und Solokünstler traten auf vier Bühnen beim größten Musikspektakel Norddeutschlands auf. Die Veranstalter setzten auf Vielfalt.

Mamford & Sons Hurricane 2019 auf dem Hurricane Festival 2019 in Scheessel am 22.June 2019. Foto: Rüdiger Knuth

Mamford & Sons Hurricane 2019 auf dem Hurricane Festival 2019 in Scheessel am 22.June 2019. Foto: Rüdiger Knuth

Foto: Rüdiger Knuth / Rüdiger Knuth

Es ist eine der größten Herausforderung, die es auf einen Musikfestival mit 68.000 grölenden Menschen und Dauerbeschallung auf vier Bühnen gibt. Einen Moment der Stille zu kreieren, einen Moment, bei dem die Besucher kurz inne halten und gebannt auf den nächsten Song warten. Den britischen Folkrockern von „Mumford & Sons“ ist dieses Kunststück auf dem Hurricane-Festival am Wochenende im niedersächsischen Scheeßel gelungen. Frontmann und Namensgeber Marcus Mumford nimmt sich zwischen Songs Zeit, um zu schweigen und genießen. Seelenruhig schlendert er mit seiner Gitarre und lächelt fast etwas schüchtern in die schweigende Menge. Dann stimmt er „The Cave“, den größten der Hit der Band, an und verwandelt die Stille binnen Sekunden in tosenden Jubel.

Fast schon zu perfekt

Die vier Musiker aus London untermauern eindrucksvoll, warum sie weltweit die größten Hallen füllen und als Meister des Folkrocks gelten. Sie sind perfekt aufeinander abgestimmt, Banjo, Kontrabass und E-Gitarre harmonieren prächtig. Die Spielfreude ist ihnen anzumerken. Die Stimme von Marcus Mumford ist klar und die Töne auf dem Punkt, sodass sich die Songs live fast exakt wie im Radio anhören. Fast schon zu perfekt, wie ein Zuschauer gelangweilt moniert. Alles wirkt routiniert und exakt durchgeplant, für Improvisation bleibt da keine Zeit. Selbst der Anreisestress – Keyboarder Ben Lovett hatte den Flug von London nach Hamburg verpasst und traf erst kurz vor dem Auftritt nach einem Ersatzflug über Berlin in Scheeßel ein – war der Band nicht anzumerken. Überzogen wirkte kurz vor dem Ende allerdings der Einsatz von Pyrotechnik. Eine Band, die über Liebe sowie Trauer singt und den Charme einer kumpelhaften Kneipenband ausstrahlt, braucht keine lauten Knalleffekte à la Rammstein.

Campino feiert Geburtstag mit seinen Fans

Lauter ging es beim Auftritt der Düsseldorfer Kultband „Die Toten Hosen“ zu. Campino, Sänger der „Hosen“, hatte gleich doppelt Grund zur Freude. Er feierte nicht nur seinen ersten Auftritt in Scheeßel seit 2001, sondern auch seinen 57. Geburtstag. Um Mitternacht gab es ein Ständchen von Publikum und Campino bedankte sich mit dem Hosen-Klassiker „Hier kommt Alex“.

Mehr als 90 Bands und Solokünstler traten auf vier Bühnen beim größten Musikspektakel Norddeutschlands auf. Die Veranstalter setzten einmal mehr auf Vielfalt: Fans britischer Rockmusik der 80er-Jahre pilgerten zum Auftritt von Johnny Marr, ehemaliger Gitarrist von „The Smiths“, während Rapfans bei den Auftritten von „Macklemore“ und „Bausa“ auf ihre Kosten kamen.

Erfrischend authentisch ging es auf den kleinen Bühnen zu. Die Hamburger Band „Montreal“ überzeugte nicht nur durch deutschsprachigen Punkrock, sondern weckte mit selbstironischen Kommentaren („Warum seid ihr hier? Habt ihr etwa Bock auf mittelmäßige Musik und viele Verspieler?“) Erinnerungen an „ Die Ärzte“. Die drei Musiker lockten mit knackigen Gitarrenriffs und hanseatischem Humor schon am frühen Nachmittag etliche Besucher an.

Hitze macht Besuchern zu schaffen

Sichtlich gerührt war der gebürtige Braunschweiger Bosse bei seinem fünften Hurricane-Auftritt. „Früher habe ich hier vormittags vor wenigen Leuten gespielt. Jetzt spiele ich hier um 20 Uhr zur Primetime. Das ist ein Jugendtraum, der in Erfüllung geht“, schwärmte der 39-Jährige. Das Publikum zeigte sich textsicher und sang lautstark mit. Von der Stimmung im Menschenpulk machte sich Bosse selber ein Bild und kletterte über die Absperrung, um im Lichte der sich senkenden Abendsonne umringt von seinen Fans zu tanzen.

Anders als in den Vorjahren, als das Hurricane seinem Namen mit starken Regenschauern und Stürmen alle Ehre machte, feierten die Besucher in diesem Jahr bei traumhaften Sommerwetter. Der bekannte Festival-Geruchsmix aus Bier, Schweiß und Rindenmulch wurde mit Sonnenmilch um eine weitere markante Duft-Komponente erweitert. Garniert wurde die weiße Cremeschicht im Gesicht mit einer dicken Portion Staub, die beim Rocken auf dem niedersächsischen Acker aufgewirbelt wurde. Etliche Besucher, die allerdings im Musik- oder Alkoholrausch das Eincremen vergaßen, nahmen ein Andenken in Form eines Sonnenbrands mit nach Hause. 2020 kommen viele dann wieder nach Scheeßel. Mit der Berliner Reggae-Kombo „Seeed“ steht schon die erste Band für die nächste Ausgabe fest.

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