Selig in Wolfsburg: „Lasst uns feiern, als wäre es 1994“

Wolfsburg.   Die Hamburger Band Selig spielte am Samstag vor 800 Zuschauern im ausverkauften Wolfsburger Hallenbad ihr 25 Jahre altes Debütalbum.

Die Hamburger Band Selig Hallenbad Wolfsburg.

Die Hamburger Band Selig Hallenbad Wolfsburg.

Foto: Anja Weber / regios24

Ein Konzert wie ein Klassentreffen. 25 Jahre später – fühlt man sich den alten Weggefährten noch verbunden? Berühren dich die früher bestaunte Musik und die Texte noch? 25 Jahre ist das Debütalbum der Hamburger Band Selig bereits alt. Es ist ein Meilenstein deutscher Rockmusik: energischer Rock mit Grunge-Einflüssen, Hippie-Flair und eigenwilligen leidenschaftlichen Texten. Viele der 800 Zuschauer im ausverkauften Hallenbad haben die Songs offensichtlich durchs Leben begleitet. Wie viele – auch der sperrigen – Texte am Samstag euphorisch mitgesungen werden, ist beachtlich. Sogar die Reihenfolge der Songs ist vielen noch im Kopf. Anlässlich des Jubiläums spielt die Band ihr Debüt noch einmal komplett – in der Abfolge wie auf dem Album. „Wisst ihr, welcher Song jetzt kommt?“ fragt Sänger Jan Plewka zweimal. Natürlich.

Handys bleiben in den Taschen

„Seid ihr heiß? Seid ihr high? Seid ihr laut?“ Die Begrüßung gibt gleich die Richtung vor. „Wer war auf dem Zillo-Festival?“ fragt der Frontmann. „Alles schwarz, wir dazwischen in kurzen Hosen. Wir haben uns treiben lassen ohne Navi. Lasst uns feiern, als wäre es 1994.“ Plewkas Bitte deshalb: Handys in den Taschen lassen. „Wir wollen eure Seelen berühren, nicht eure Maschinen.“

Es wird ein dampfendes Konzert. Strahlende Zuschauer, viele entrückte Tänzer. Euphorie, Leid und Wahnsinn. Die Texte faszinieren nach wie vor: mal poetisch, mal testosteron-übersättigt; persönlich, anschaulich und trotzdem geheimnisvoll. Sie bieten jede Menge Platz für Identifikation und Interpretation. Emotionaler Höhepunkt ist die Trennungsschmerz-Ballade „Ohne dich“. Textauszug: „Wer auch immer dir jetzt den Regen schenkt. Ich hoffe, es geht ihm schlecht. Wer auch immer dich durch die Nacht bringt. Bitte glaub ihm nicht.“ Eine durchheulte Nacht ohne dieses Lied – nur die Hälfte wert.

Selig begeistert durchweg

Jan Plewka singt meist mit rauer, einprägsamer Stimme. Er animiert viel, tanzt oft wild, schwenkt den Mikrofonständer. Die nach wie vor kernig aussehenden Musiker reißen mit. Christian Neander spielt gewaltige Gitarrensoli, die dreimal Songs als Höhepunkt beenden. „High“ wird durch einen Instrumentalteil stürmisch zerlegt. „Was habe ich für ein Glück, in dieser Band singen zu dürfen“, kommentiert Plewka und umarmt Leo Schmidthals. Dessen prägnantes Bassspiel sorgt oft für besonderen Reiz eines Songs.

Die Band, die zwischendurch zehn Jahre getrennt und zerstritten war, wirkt harmonisch und entspannt, in der Musik aufgehend. Sie packt und begeistert durchweg. Nach dem Album folgen noch sechs Zugaben bis 22 Uhr. „Wolfsburg. Liebe“ ruft Plewka zum Abschied.

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