Wer hat an der Uhr gedreht?

Von Rainer Sliepen  Beim Neujahrskonzert des Staatsorchesters in Wolfenbüttel gab es Barock und Klassik.

Sara Kim spielt Telemanns Viola-Konzert.

Sara Kim spielt Telemanns Viola-Konzert.

Foto: Sliepen

Wolfenbütttel. Gott in der Musik suchen – vielleicht ist das auch ein Grund für die ungebrochene Tradition der Neujahrskonzerte in der Wolfenbütteler Hauptkirche. Viele Wolfenbütteler waren gekommen, um das Staatsorchester Braunschweig, Leitung Gerd Schaller, mit Werken aus Barock und Wiener Klassik zu hören.

Und da ist Johann Sebastian Bach mit seinem Doppelkonzert für Violine, Oboe und Streicher BWV 1060 als Ouvertüre die erste Adresse. Im schnellen Zeitmaß dialogisieren die Violine von Johannes Denhoff und die Oboe Andrey Godiks über das muntere Eingangsthema. Aufmerksam grundieren die Streicher im abgedunkelten Moll des Largo die meditativ versponnene Gesangslinie der Oboe. Und das hurtige Finale versprüht mit solistischer Grazie pure Lebensfreude. Barock, das ist eben nicht nur strahlender Jubel mit heroischen Trompeten und donnernden Pauken. Es ist auch Empfindsamkeit und Verinnerlichung in kammermusikalischer Transparenz. Georg Philipp Telemann hat diese Eigenschaften seinem Violakonzert einkomponiert. Sara Kim lässt die Viola mit langem weichem Ton erblühen. Da klingt ein zärtlicher, behutsamer Dialog zwischen Solistin und Streichern auf, wie befreit von Hektik und der selbst verantworteten Zeitnot unserer Tage.

Das Presto schließlich ist erfüllt von fröhlichem Temperament, das Sara Kim mit ihrer großartigen Technik fast explosiv auflädt. Diese überschäumende Energie vermittelt auch das Oboenkonzert d-moll von Alessandro Marcello, das im Kopfsatz etwas zu behäbig beginnt. Bach zeigte sich von dem Werk so begeistert, dass er eine Fassung für Cembalo erstellte. Besonders das friedvoll perlende Adagio berührt wie eine von vokalem Ballast befreite ideale Aria. Auch hier ist Andrey Godik mit elegantem schlankem Ton und ausdrucksvoller Phrasierung ein idealer Interpret betörender musikalischer Schlichtheit.

Schließlich Joseph Haydns Sinfonie D-Dur „Die Uhr“. Den Beinamen verdankt sie dem zweiten Satz, in dem die Bassinstrumente den ruhigen Grundtakt vorgeben. Mal scheint da ein schwerfälliger Regulator am Werke, um schon mit hellen Flötenornamenten der Illusion einer bezaubernden Rokoko-Uhr Platz zu machen. Lustig polternd gestalten die Braunschweiger Staatsmusiker dann das Menuetto mit einem luftig schwebenden Trio, um in einem atemlosen Dahinjagen die reizende Sinfonie zu beschließen. Viel Applaus für unbeschwertes Musizieren auf höchstem Niveau.

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