Zur Hölle mit der Kunst!

Braunschweig  In der Braunschweiger Kemenate sind alle 100 Grafiken Salvador Dalís zur „Göttlichen Komödie“ zu sehen.

In der Hölle begegnen die beiden Dichter einem Schlangenteufelchen.

In der Hölle begegnen die beiden Dichter einem Schlangenteufelchen.

Die Hölle bringt’s. So ist der Mensch: Keiner will da rein, aber die Vorstellung von ewiger Qual hat seit jeher ihre horrible Faszination. Insofern verwundert es nicht, dass vom italienischen Nationalpoem, Dantes „Göttlicher Komödie“, vor allem die höllischen Passagen im Bewusstsein der Nachwelt haften.

Auch wer das Riesenwerk aus dem frühen 14. Jahrhundert nie gelesen hat, kennt den Spruch, der bei Dante Alighieri über dem Höllentor prangt: „Die ihr hier eingeht, lasst alle Hoffnung fahren.“ Der Dichter ist höchst einfallsreich in Sachen Folter – von der Insektenplage bis zum Geruchsterror, von der Feuersglut bis zur Eis-Apokalypse. Und auch in der Beschreibung diverser Arten von Sündern. Kein Wunder, dass dies weltliterarische Pandämonium auch die Maler und Zeichner aller Zeiten anzog. Die Hölle bringt’s – auch künstlerisch.

Der spanische Surrealist Salvador Dalí ging 1950 zu Werke. Gelesen habe er das Buch nicht, gab er später zu Protokoll, sondern – typisch Surrealist – geträumt. In der Braunschweiger Jakobs-Kemenate hat Jochen Prüsse nun alle 100 Farbholzschnitte versammelt, die er von einem Sammler geliehen hat. Eine Zusammenfassung von Dantes Werk habe der Künstler aber wohl schon gekannt, meint Prüsse. Also ab in die Hölle!

Dalí wählt dafür schlammfarben-düstere Töne. Die Blätter, die dank einer raffinierten Technik zwischen hartem Holzschnitt und weichem Aquarell changieren, sind weniger von der Drastik der Pein geprägt als von der Auflösung. Wie in anderen Werken des Künstlers verschlingen sich die Körper oft grotesk – in Schmerz, in Wollust, in Gier, in Panik. Gesichter, die wie Dalís berühmte Uhren zerlaufen, fressen sich gegenseitig, die Gotteslästerer sind in eine labbrige grüne Riesenzunge gepfercht, die Selbstmörder verwandeln sich in Büsche, ein Teufel frisst seine Opfer. Die Hölle scheint für Dalí ein haltloses, morastiges Albtraumgewucher zu sein. Klar und oft fast klassisch gezeichnet heben sich dagegen nur die Dichter Vergil und Dante ab.

Trotz des Höllenspektakels darf man nicht vergessen, dass Dante auch ins Fegefeuer und ins Paradies gelangt. Bei Dalí symbolisiert ein ramponierter gefallener Engel mit den typischen Dalíschen Körperschubladen das Purgatorium. Die Palette hellt sich ein wenig auf, doch lauern die Schrecknisse auch hier in vielerlei lemurischer Gestalt. Das Bangen, das Büßen. Freilich auch Träume, Gesänge, Geister. Allerdings ist manches Blatt ohne Kenntnis der dazugehörigen Episode des Gedichts kaum zu deuten. Prüsse hat eine Mappe mit Erläuterungen bereitgelegt – für Leute, die viel Zeit mitbringen. Das dürfte sich durchaus lohnen, zumal man ja auf diese Weise auch dem literarischen Werk näher kommt.

Im Paradies schließlich, wo Dante endlich seine gestorbene Geliebte wiederfindet, werden die Farben mild und warm, manchmal auch süßlich, die Gestalten schön, die Bewegungen fließend. Künstlerisch betrachtet muss man sagen: Das Paradies bringt’s nicht so. Aber es tröstet ganz ungemein.

Bis 30. April, Mo.-So. 11-17 Uhr, So. 12-17 Uhr, Eintritt frei.

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