Das Bild kurz vorm Mord

Braunschweig  Alexander Calvelli zeigt in der Braunschweiger Jakob-Kemenate kühlen Realismus.

Der Martini-Glockenstuhl und die Ägidienstraße von Alexander Calvelli vor den Wänden der Kemenate.

Der Martini-Glockenstuhl und die Ägidienstraße von Alexander Calvelli vor den Wänden der Kemenate.

Foto: Berger

Manche Besucher halten Alexander Calvellis Acrylgemälde gleich für Fotos, und das kann man ihnen nicht verdenken: Der 1963 in Frankfurt geborene Fotograf hat sich auch als Maler ganz dem fotografischen Realismus verschrieben. Man sieht keinen Pinselstrich auf seinen Bildern, kaum eine handwerkliche Feinstruktur. Und trotzdem sind sie, wie Fotografien ja auch, komponiert – und verfremdet.

Seine Spezialität sind Industrierelikte, aufgelassene oder für ihn geöffnete alte Fabriken, aber auch Kraft- und Stahlwerke in der Produktion. Eine ganze Wand in der Jakob-Kemenate ist mit solchen Motiven gepflastert, die lückenlose Hängung barocker Galerien auf die Moderne übertragend.

Da gibt es immer wieder spannende Details mit Schweißer, Turbinen und „Rollenbohrmeißeln“, die er zu einem abstrakten Objekt isoliert hat. Aber alles wirkt klinisch rein, wie herausgeputzt fürs Archiv. Von Arbeit, Schweiß und Schmiere zeugt da nichts. Vielmehr sind die Alltagsszenen herausgehoben aus ihrer Gebräuchlichkeit, wirken in künstlicher Betrachtung erhaben.

Inklusive der gefrorenen Pfützen auf dem Weg zur Alten Zuckerfabrik in Braunschweig. Die Kittel der Stahlkocher am Schmelzofen in Salzgitter sind nicht schmutzig, sondern glänzen schwarzsilbern im Feuerschein.

Seit zwei Jahren ist Calvelli in der Region Braunschweig-Wolfsburg-Harz unterwegs, hat hier manches Industriegebäude entdeckt, das er in seinen Bildern wie eine Theaterkulisse präsentiert. Kann sein, hier passiert gleich was, kann sein, niemals wieder.

Der gefrorene Lichtschein um die Lampen von Schacht Konrad, aber auch die Leere zwischen den aseptisch gemalten Fachwerkhäusern der Ägidienstraße mit einem einsam erleuchteten Fenster atmen zuweilen ein kaltes Grauen, als müsse der Mörder demnächst um die Ecke biegen. Vielleicht bleibt Calvelli eine Idee zu sauber, um ihn zwischen den magischen Realismus Radziwills und die filmhafte metaphysische Kühle Hoppers zu zwängen. Eindruck machen seine Bilder allemal.

Bis 9. November, Mo.-Sa. 10-18, So. 12-18 Uhr.

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